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us den 1996 beendeten unveröffentlichten Lebenserinnerungen meiner Mutter Herta Graf (1911-1996) ist seit 1997 das Kapitel Ferien auf dem Haselbuschhof online. Hier folgt nun der Anfang des Werks über die ersten Erinnerungen, die dem Aufenthalt in Moskau (ab 1915) galten.

Jedesmal wenn der Zug auf einem Bahnhof hielt, setzte ein Sturm auf die Waggons ein. Zuerst erblickte man nur eine dunkle, vielköpfige Masse. Doch sobald die Räder sich nicht mehr drehten, zerbarst sie in einzelne Figuren. Bauern in kurzen Schafpelzen schleppten unhandliches Gepäck: Kisten, vollgestopfte Säcke oder was es sonst sein mochte. Frauen mit buntgemusterten Kopftüchern trugen Bündel, Spankörbe oder ein kleines Kind auf dem Arm, während die Größeren sich schreiend an den Rock der Mutter hängten. Städtisch gekleidete Leute hatten Reisetaschen oder Hutpaudeln bei sich. Ihnen folgte der Gepäckträger, den Koffer geschultert; dazwischen Soldaten, auf dem Rücken den Tornister, vom Schinelj, dem Soldatenmantel, umwunden wie von einer dicken Wurst. Juden in ihren schwarzen Kaftans. Sie alle stauten sich an den Eingängen zu den Waggons, versuchten rücksichtslos, sich an jenen vorbeizuzwängen, die ihr Reiseziel erreicht hatten oder zum Bahnhofsbüfett drängten, um heißes Wasser für den Tee zu holen. Meine Mutter stand immer Todesängste aus, ob es Vater gelingen würde, mit dem Wasser rechtzeitig in den Zug zurückzukehren; und ich bangte mit ihr. Aber bevor der Kondukteur mit der Glocke zum dritten mal schellte und sein "Tretje zvonok" rief, die Lokomotive ihren schrillen Pfiff ausstieß und die Räder zu rollen begannen, trat Vater mit einem triumphierenden Lächeln ins Abteil.

Mich hatte Vater auf das oberste Gepäckbrett gesetzt. Dort hockte ich zwischen Koffern und verschnürten Schachteln, bekam etwas Heißes, Süßes zu trinken und ließ die Beine baumeln. Einmal saß ein dicker Mann mit einer Glatze direkt unter mir. Sie glänzte zu mir herauf wie eine rosa Kugel. Ich versuchte, sie wenigstens mit einem Fuß zu erreichen. Vergebens. Meine Beine waren zu kurz. Ich war dreieinhalb Jahre alt. Von dem, was vorher war, ist mir nichts in Erinnerung geblieben.

Und weiter ratterte der Zug, stolperte über die Schwellen, kroch Anhöhen hinauf und wieder hinab, beschleunigte stellenweise die Fahrt und zuckelte erneut gemächlich dahin. Zu dem Geräusch der Räder gesellte sich das metallische Summen der Telegraphendrähte, das mir wie eine geheimnisvolle Musik in den Ohren klang. Ich fragte meine Mutter, woher das Singen käme und was es bedeute, aber sie verstand nicht, was ich meinte; und so mußte ich mich gedulden, bis ich mir selbst diese Frage beantworten konnte.

Hinter dem verstaubten Fenster dehnte sich eine grüne Weite, darüber ein hoher Himmel und wo sich Erde und Himmel berührten, kroch eine dunkelblaue, behaarte Raupe dahin. Manchmal kam sie näher und verwandelte sich in Gesträuch und Bäume. Dann entfernte sie sich wieder, ließ Gruppen von verkümmerten Birken, Kiefern, dunklen Wacholdermännlein zurück und säumte erneut den Horizont.

Ich weiß nicht mehr, wie lange diese Fahrt gedauert hat. Aber ich weiß, daß wir in Sankt Petersburg ankamen. Allerdings gerieten wir nicht in die glanzvolle Residenz des Zaren mit ihren kuppelgeschmückten Kathedralen, Kirchen und barocken Palästen, mit den dunklen Kanälen hinter gußeisernen Gittern und dem eleganten, zugepflasterten Nevskij Prospekt, wie man sie in den Werken Dostojevskijs oder auch in dem Buch Vladimir Nabokovs "Sprich Erinnerung sprich" geschildert findet. Oh nein. Ich habe die einstige Zarenmetropole auch nur erlebt im zerschlissenen Gewande ihrer proletarischen Leningrad-Ära. Damals, im Kriegssommer 1915, gelangte ich in eine grüne Wildnis auf einem Ostrov, einer der zahlreichen Vorortinseln St. Petersburgs, wo einstöckige Holzhäuser sich hinter Faulbäumen und Fliederbüschen verbargen. Dort fanden wir - Vater, Mutter, vielleicht auch Großmutter, meine viereinhalb Jahre ältere Schwester Alice und ich Aufnahme bei Tante Mila, der jüngeren Schwester meiner Mutter. Ich fand zwei Cousins vor: Adolf, ein Jahr älter als ich, und Alexander, genannt Duschka, kaum der Wiege entwachsen.

Wir Kinder spielten Verstecken zwischen den Büschen. Es muß geregnet haben, denn auf der ungepflasterten Straße hatten sich große Pfützen gebildet. Sie verleiteten Adolf und seine gleichaltrigen Spielgefährten Brunnenmännchen zu imitieren. Wer den höchsten Bogen schaffte, sollte Sieger werden. Plötzlich wurde in einem der Häuser an der Straße ein Fenster aufgestoßen. Über den Blumenstöcken reckte sich das Gesicht einer alten Frau vor. Sie drohte mit der Faust, und ein Schwall unverständlicher Worte ergoß sich aus ihrem zahnlosen Munde, worauf die Jungen erschrocken davonstoben. Ich blieb allein wie angenagelt zurück.
Die Frau schloß brummend das Fenster, äugte jedoch böse zu mir herüber, als wollte sie mich mit ihren Blicken aufspießen. Ihr bleiches Gesicht unter der grünen Haube spukte noch jahrelang durch meine Träume.

Der Besuch bei Tante Mila war nur eine Zwischenstation auf unserem Wege nach Moskau. Als das deutsche Heer sich dem Baltikum näherte, zog sich die Zarenarmee zurück. Gleichzeitig ließ die russische Regierung die wichtigsten Industrieanlagen samt allen Betriebsangehörigen und deren Familien aus Riga, in das Innere Rußlands, vor allem nach Moskau und seine Umgebung, evakuieren. Es handelte sich dabei um so große Werkanlagen wie etwa die Russisch-Baltische Waggonfabrik; die elektrotechnische Fabrik "Union"; "Privic & Co." (Maschinenbau); "Provodnik" (Gummiverarbeitung); die Werft Lange & Sohn; "Phönix/Fenikss" (Waggonfabrik); "Felser/Felzers & Co." (Eisengießerei und Maschinenbau) und andere. Rund 84 Tausend Arbeitnehmer verließen im Laufe eines Jahres Riga. Einer von diesen war mein Vater - von Beruf Schmied und Maschinenschlosser.

Tante Mila ließ es sich nicht nehmen, uns zum Bahnhof zu geleiten. Sie hatte sich über unseren Besuch gefreut. Ihr Mann befand sich schon seit Ausbruch des Krieges an der Front; so fühlte sie sich einsam. In Moskau lebten zwei weitere Schwestern meiner Mutter, auch sie ohne ihre Männer. Doch befanden sie sich nicht in der Armee, sondern in der Verbannung. Sie stammten aus der rein deutschen Bauernkolonie Hirschenhof und sprachen weder lettisch noch russisch. Als solche galten sie den Behörden als viel zu unzuverlässig, um sie beim Heranrücken des deutschen Heeres im gefährdeten Grenzgebiet zu belassen. Sie waren bei weitem nicht die einzigen, die in das asiatische Rußland deportiert wurden. Solch ein Schicksal hätte auch meinen Vater treffen können, wenn er nicht vor zehn Jahren seine deutsche Staatsangehörigkeit gegen die russische vertauscht hätte.

Jede der Tanten besaß ein einjähriges Töchterchen, also keine Spielgefährten für mich. Ich fand sie aber unter den Kindern, die im Hinterhause wohnten. Von ihnen lernte ich Russisch. Nicht lange nach unserer Ankunft zog die jüngste der Tanten, genannt Liddi, mit ihrer kleinen Margot nach Charkov, wohin ihr Mann sich abgesetzt und Arbeit und Wohnung gefunden hatte. Tante Toni blieb mit ihrem Gretchen wie wir auch während des ganzen Krieges in Moskau. Irgendwann fand sich auch Tante Tonis Mann, Onkel Ludde, ein. Er war von Beruf Schneider, so daß er sofort zum Nähen von Uniformen eingesetzt wurde. Vielleicht war dies auch der Grund, daß er seinen Verbannungsort hinter dem Ural hatte verlassen dürfen. Wir lebten nun, einschließlich Großmutter, zu acht zusammen wie eine große Familie.

Die Wohnungen lagen nebeneinander. Ein Teil der Fenster ging zur Straße, die von drei- bis vierstöckigen gemauerten Häusern gesäumt war. Geradeaus führte eine kurze Querstraße zu einem stattlichen Gebäude mit Rundbogenfenstern. Ich dachte mir, so müßten die Schlösser aussehen, bewohnt von Königen und wunderschönen Prinzessinnen wie in den Märchen, die Großmutter mir erzählte. Vorn an der Ecke befand sich eine Tschainiza, ein russisches Teehaus, wo jedoch auch gehaltvollere Getränke ausgeschenkt wurden.

Für mich war dieses Stück Straße eine Art Bühne, auf der sich ständig etwas mehr oder weniger Aufregendes, aber immer Fesselndes abspielte. Dauernd gingen Männer in Russenhemden in die Tschainiza hinein und kamen nach kürzerem oder längerem Verweilen wieder heraus. Kutschen und Lastfuhrwerke, genannt "Rasposken", ratterten durch die Straße. Selten nur geriet eine der eleganten Equipagen in diese Gegend, wenn es jedoch geschah, war dies eine Sensation für die Kinder aus dem Hinterhaus. Dann und wann brachte einer der Kutscher sein Pferd vor der Tschainiza zum Stehen. Er kletterte vom hohen Bock, band sein Pferdchen an den nächsten Laternenpfahl, hängte ihm den Hafersack über den Kopf und verschwand eilig hinter der Tür zum Teehaus. Manchmal hielt ein senfgelbes Automobil vor der Paradetür des Eckhauses. Der Chauffeur trug eine Schirmmütze und an den Waden Wickelgamaschen. Wenn er fortfahren wollte, betätigte er eine Kurbel am Vorderteil des Wagens. Darnach sprang er geschwind an das Steuer und brauste gleich darauf mit einem heftigen "Töff, "Töff" aus meinem Blickfeld.

Bäuerlich gekleidete Frauen, die Lasten auf dem Kopf trugen, kamen des Weges; zierliche Chinesinnen trippelten auf ihren verkrüppelten Füßchen vorüber; Soldaten spazierten mit ihren Mädchen auf und ab. Manche der Mädchen trugen die hübsche, ukrainische Volkstracht: weite, schwingende Röcke, bestickte Blusen und Schürzen und auf dem Kopf eine Art Krönlein oder Reifen mit langen farbigen Bändern, die über den Rücken fielen. Zuweilen geschah es, daß energische Frauen, ihre Männer oder Söhne aus dem Lokal an der Ecke holten, wenn jene das Nachhausekommen vergessen hatten - oft taumelnde, schwankende Gestalten, die handfester Unterstützung bedurften.

Einmal prügelten sich zwei angetrunkene Männer vor der Tschainiza, während einige andere ich vergebens abmühten, die Streithähne von einander zu trennen. Zu gleicher Zeit näherte sich eine Prozession mit Kirchenfahnen, geschwungenen Weihrauchfässern, Popen in vollem Ornat und der goldstrotzenden Bogorodiza, der Gottesgebärerin, im schweren, kirschbaumroten Gehäuse, an dem mehrere Männer schwer zu schleppen hatten. Als die Prozession herangekommen war, sanken die zwei, die sich geprügelt hatten, mit allen anderen in die Knie und schlugen entblößten Hauptes demütig das Kreuz. Doch sobald der fromme Zug sich genügend weit entfernt hatte, sprangen die beiden Erbosten auf die Füße und stürzten sich erneut aufeinander. Aber diesmal gelang es den Umstehenden, Frieden zu stiften. Darauf erfolgte die Versöhnung mit Umarmung und Küssen auf beiden Wangen, worauf sich der ganze Schwarm ins Innere der Tschainiza begab.

Ein anderes mal bewegte sich ein Leichenzug langsam und feierlich durch die Straße. Sechs Männer trugen den Sarg auf ihren Schultern. Er war nicht geschlossen, so daß ich vom oberen Stockwerk in den Sarg hineinblicken konnte. In ihm lag ein Mann mit wachsgelbem Gesicht und schwarzem Spitzbart. Mit seinen erstarrten Zügen glich er den strengen geheimnisvollen Bildern, die unsere russische Freundin Manja so zahlreich in ihrer Küche hängen hatte. Ikonen hießen sie, und Vater wunderte sich, daß sie überall anzutreffen waren, nicht nur in den Kirchen, Kapellen und Wohnräumen, sondern auch im Badezimmer, in den Werkstätten und Pferdeställen.

Ein tiefer, gewölbter Torbogen, über dem sich eins unserer Zimmer befand, führte durch das Haus hindurch in einen langgestreckten Hof mit Kopfsteinpflaster. Zur rechten Hand zog sich ein Quertrakt bis zum Hinterhaus, links trennte ein Bretterzaun den Hof vom Nachbargrundstück. Auch hier im Hof, den ich vom Fenster aus überblicken konnte, tat sich allerlei. Mit den Nachbarskindern hatte ich mich bald angefreundet. Von ihnen ist mir einer besonders in Erinnerung geblieben. Er hieß Nikolai genau wie der Zar, was mir irgendwie imponierte. Doch seine Schwester verwies es mir, ihn bei seinem Taufnamen zu rufen. "Ha, was ist der schon für ein Nikolai", sagte sie verächtlich. "Kolja heißt er und dabei bleibt es". Er war vielleicht zwei oder höchstens drei Jahre älter als ich, konnte aber nach meiner Ansicht schon auf der Balalaika spielen. In der warmen Jahreszeit saß er fast täglich auf den Stufen zum Hauseingang und übte die Lieder, die die Kinder im Hof und ihre Mütter in der Küche sangen, auf der Balalaika seines Vaters. Sie war fast größer als er selbst. Bis in den Traum hinein glaubte ich das melodische Geklimper und Gezirpe zu hören. Öfters kam ein tatarischer Händler in den Hof. Er ließ einen eigenartigen Ruf erschallen. Dann setzte er sich auf sein großes Warenbündel und blickte geduldig zu den Fenstern hinauf, wo hinter den Kästen mit Sonnenblumen neugierige Gesichter erschienen. Sofort war er von Kindern umringt. Kamen auch einige Frauen und junge Mädchen in den Hof, öffnete er sein Bündel und zeigte seine Schätze: bestickte Blusen, seidene Tücher, Westen aus Samt, mit Goldfäden verzierte Pantöffelchen, Haarbänder und vieles andere. Manja kaufte einmal ein gelbes Tuch mit einem Rosenmuster und langen seidigen Fransen daran.

Einmal verfolgte ich höchst interessiert eine Eifersuchtsszene, die sich vor dem Hinterhaus abspielte. Ein Mann in Uniform, mit den Händen heftig gestikulierend, redete auf ein hübsches, rotwangiges Mädchen ein, das im Hinterhause wohnte. Das Mädchen ließ sich anscheinend von den Vorhaltungen des erregten Mannes nicht beeindrucken. Es zuckte die Achseln und biß schließlich in einen Apfel, den es bisher gelangweilt hin- und hergedreht hatte. Das mochte den Mann zur Weißglut gebracht haben. Er entriß dem Mädchen den Apfel und schmetterte ihn durch das Fenster einer ebenerdig liegenden Wohnung. Das Splittern des Glases und das laute Weinen des erschrockenen Mädchens riefen die Bewohner des Vorder-, Quer- und Hinterhauses auf den Plan. Der Auftritt endete damit, daß eine Gruppe couragierter Frauen, die Partei des Mädchens ergreifend und nicht achtend auf das Fuchteln des Uniformierten mit der Pistole, den Übeltäter aus dem Hof jagten. Noch eine ganze Weile darnach glätteten sich nicht die Wogen der Erregung. Man besichtigte eingehend die Scherben auf dem Pflaster und in der Wohnung, betrachtete kopfschüttelnd den grünen Apfel, der wie ein Tennisball durch die Scheibe geschossen war, und ließ sich von dem Mädchen das Warum und die Hintergründe des Vorfalls eingehend berichten.

Zu meinem unsäglichen Erstaunen bemerkte ich einmal mehrere Frauen und Kinder, die, mit Eimern, Kübeln, Kesseln ausgestattet, über das flache Dach des Hinterhauses tappten und dann in einer Dachluke verschwanden. Auch dieses Ereignis erregte die Gemüter der Hausbewohner. Den Gesprächen in unserer großen Familie entnahm ich, daß im Querhause "Ssamagonka", selbstgebrannter Schnaps, hergestellt worden war. Irgend jemand hatte Anzeige erstattet, denn die Schnapsbrennerei war Staatsmonopol. Doch man hatte die Gesetzesübertreter rechtzeitig gewarnt, und als die Polizei bei ihnen erschien, war nichts Verdächtiges mehr zu entdecken. Niemand von den Dachbewohnern verlor ein Wort über den Spaziergang auf dem Dach. Man freute sich, daß die verhaßten "Gardevojs" mit langer Nase hatten abziehen müssen.

Aber am stärksten fesselte mich doch das, was ich jenseits des Bretterzaunes im Nachbarhof erblicken konnte. Dort besaß ein Pferdehändler seine Ställe. Ich wurde nie müde, die Pferde zu beobachten, wenn sie ihren Auslauf hatten, oder ein Pferd zum Verkauf vorgeführt wurde oder ein Reiter Galopp, Trab und Schritt eines Pferdes prüfte. Man sah Schimmel aller Schattierungen und seidig glänzende Rappen. Doch am besten gefielen mir die Isabellenfarbenen mit ihrem schlankgebogenen Hals, den feinen Fesseln und der tänzelnden Gangart. Ich plagte ständig meine Großmutter, mit mir zum 'Ploschtschadj' zu gehen. Das war ein runder Platz mit Bäumen, Bänken und Kreisverkehr. Straßenbahnen umrundeten ihn und Fahrzeuge aller Art. In Erinnerung geblieben sind mir Halbkutschen, in denen Damen mit großen Federhüten saßen und einmal gefüllt mit johlenden Studenten, die sogar die Trittbretter besetzt hatten. Zuweilen tauchte auch eine Equipage auf, vor der schöne Pferde trabten; Apfelschimmel etwa oder ein Paar prächtiger Füchse. Ihretwegen saß ich so gern auf dem Platz und bildete mir ein, sie könnten aus den Ställen im Nachbarhof stammen. Ich war unglücklich, wenn im Winter dicke Eisblumen auf den Scheiben mir den Blick über den Zaun verwehrten, und war selig, wenn die Luft mild geworden war, und ich beim geöffneten Fenster die Pferde beobachten konnte. Dabei machte ich die Entdeckung, daß sie sich in den blank geputzten Fensterscheiben widerspiegelten. Ihr gläsernes, geisterhaftes Bild faszinierte mich nicht weniger als ihr körperhaftes Sein.


Eine feinsinnige und wie ich finde sehr gelungene Würdigung erfuhr Herta Graf durch Elke Heer in dem Band "Frauen greifen zur Feder I", Schwäbisch Gmünd 2008, S. 25ff.

Alle Türlein:
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