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Mich erreichte soeben eine Mail, in der es heisst:

"Ich wende mich an Sie, weil ich gern Ihr Archivalia-Weblog lese und
sonst nicht weiß, wer mir diese Frage beantworten würde. Es würde
meiner persönlichen Einstellung zuwiderlaufen, wenn eine Privatperson Kirchenbücher erwerben kann, die in ein öffentlich zugängliches Archiv gehören. Es soll sich um die Gemeinde Häringen (Hessen) handeln.

Die Auktion findet sich hier:

Link"

Die Auktion endet schon in 3 Stunden, derzeit sind 105 Euro für das Kirchenbuch, von dem man nur die Datierung 1806 und die Tatsache erfährt, dass Sterbe- und Geburtsfälle eingetragen wurden. Das Buch wird nur persönlich in Uhldingen-Mühlhofen übergeben.

Eine Gemeinde Häringen gibt es nicht, es könnte sich aber um Heringen (Werra) handeln.

Was tun? Für einen Anruf beim Landeskirchlichen Archiv der Ev. Kirche in Kurhessen-Waldeck ist es zu spät und unter der auf der Website angegebenen Nummer Tel.: (0561) 78876 - 0 meldet sich die Firma Siemens.

Wie ist die Rechtslage? Archivgut kann sehr wohl rechtmäßig im Eigentum von Privatleuten stehen, auch wenn es irgendwann widerrechtlich der Kirchengemeinde entwendet wurde. Die bürherlichrechtliche Eigentumsordnung ist in diesem Punkt höchst unbefriedigend, Spezialisten seien an den Hamburger Stadtsiegel-Fall erinnert.

Denkmalschutzrechtliche oder andere Schutzvorschriften greifen hier leider nicht. Man darf genuines Archivgut verticken, wenn man der rechtmäßige private Eigentümer ist. Kirchengemeinden dürfen das natürlich nicht so ohne weiteres, da könnte die Landeskirche wohl einschreiten.

WENN ich das Buch nun selbst versuche zu ersteigern und es ist gestohlen, wäre ich schon aufgrund dieses Eintrags kein gutgläubiger Erwerber mehr. Ich müsste schauen, ob mir jemand meine Kosten freiwillig ersetzt. Auch wenn es rechtmäßiges Eigentum ist, müsste ich nach Uhldingen fahren oder jemand beauftragen, der das für mich tut und könnte dann potentielle Interessenten (Landeskirchliches Archiv, Kreisarchiv, Staatsarchiv usw.) anbetteln, ob mir jemand meine Auslagen ersetzt. Oder ich könnte es einem Archiv schenken mit dem schönen Gefühl, dass ich wenigstens für den Wert des Stückes eine steuerlich absetzbare Spendenbescheinigung einheimsen könnte. Die Uhr tickt ..., die Information kam einfach zu spät ...

Ist das womöglich ein unzulässiger Artikel bei Ebay? Von Diebesware steht dort nichts, das Gespräch mit dem Telefonsupport kostet 0,59 Euro/Minute (noch eine Viertelstunde erreichbar). Mein Sicherheitsmerkmal als Mitglied habe ich nicht rausgesucht, es muss doch möglich sein, auch als Nichtmitglied Verstöße telefonisch zu melden. In der Warteschleife ertönt ein Ebay-Lied ...

Noch 2 Stunden 32 Minuten ...immer noch nur 1 Bieter ...

Dudeldudel, das ist wohl der "Ausnahmefall", dass man in eine "kurze" Warteschleife (12 Cent/Minute) gerät ...

Soll man dieses englische Ebaylied eigentlich auswendig lernen? Es wird immer wieder wiederholt. Ich warte 8 Minuten und höre es das dritte oder vierte Mal.

Genug! Ich lege auf, da die Chance onehin minimal ist, dass der Support versteht, worum es geht bzw. bereit ist, die Auktion zu stoppen.

Ob die kirchlichen Archive eine Chance hätten, bei Ebay die grundsätzliche Herausnahme von Kirchenbüchern zu erreichen? Ich denke nicht.

Was kann man nur tun?

Lauthals lamentieren, während die Uhr tickt?

Sich über unfähige Archive aufregen, die nicht in der Lage sind, eine flächendeckende kooperative Beobachtung von Ebay-Angeboten auf die Beine zu stellen? Auch bei Angeboten von Handschriften oder Archivalien in traditionellen Auktions- und Antiquariatskatalogen ist es reiner Zufall, ob ein "zuständiges" Archiv etwas davon erfährt.

Noch 2 Stunden 21 Minuten ...

Vielleicht handelt es sich um ein Kirchenbuch-Duplikat und ich bleibe auf dem Ding sitzen, wenn ich nun mitbiete?

Vielleicht stammt es gar nicht aus Heringen, sondern irgendwo aus den Ostgebieten, für die sich niemand zuständig glaubt?

Eigentlich will ich weg und kann jetzt nicht mehr die Auktion verfolgen.

Biete ich oder biete ich nicht?

Rette ich deutsches Kulturgut mit heldenhafter Eigeninitiative, die mir womöglich niemand dankt, oder vertraue ich darauf, dass dieser Eintrag und eine Mail ans Kasseler landeskirchliche Archiv und ans Staatsarchiv Marburg schon alles ins Lot bringen wird und irgendwann ein oben angedachtes kooperatives Beobachtungssystem für Archive solche Probleme lösen wird?

"Schönes altes Kirchenbuch,wirklich einmalig.!!!"

"Tolles Buch in dem Sterbe und Geburtsfälle einer Gemeinde niedergeschrieben wurden.Auch Spenden usw.wurden festgehalten.Toller Originaleinband,mit Lederschlaufen zum Zubinden.Absolute Rarität.!!!!Schöne alte Handschriften!!!"

Gibt es irgendeine ethische Vorschrift, die mich als Archivar auch als Privatmann verpflichtet, auch nur einen Cent auzugeben, um archivalisches Kulturgut in Privathand in das Eigentum eines öffentlichen Archivs übergehen zu lassen?

... Noch 2 Stunden ...

Wenn ich nicht über diesem Eintrag brüten würde, hätte schon längst jemand, der dies liest, mutiger als ich sein können und sagen: achwas, sch*** auf die gut 100 Euro, das Risiko ist es wert? Aber wenn der Bieter einen noch höheren Betrag aktiviert hat? Sollte man sicherheitshalber 120 Euro oder so bieten?

Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein good guy, der die Interessen der Öffentlichkeit, ausgerechnet jetzt ARCHIVALIA liest und spontan das Gute tut? Genausogut kann ja auch ein bad guy, ein gieriger Händler oder cleverer Ebayverkäufer (so wie mutmaßlich der einzige Bieter), zugreifen und dann ist das Buch womöglich unauffindbar in Privathand verschwunden.

Eine genealogische Mailingliste zu alarmieren - dafür ist es auch zu spät. Angeblich kam die Information ja von der "Oberschlesien-Mailingliste", da hätten ja nun schon genügend Leute darauf reagieren können. Aber was geht die Oberschlesier Heringen an der Werra an?

Was geht mich Heringen an der Werra an? Ich bin weder Genealoge noch habe ich von dieser Kleinstadt schon zuvor etwas gehört.

... 1 Stunde 54 Minuten ...

... 1 Stunde 53 Minuten ...

Dem Verkäufer eine Frage stellen. Keine Ahnung, ob der so rasch reagiert. Eher unwahrscheinlich. Und wenn, dann hätte ich das schon vor einer Stunde tun können.

... 1 Stunde 47 Minuten ...

Unsere bisherigen Ebay-Einträge http://archiv.twoday.net/search?q=ebay sind eher deprimierend. Allerdings gabs auch einen bescheidenen Erfolg:
http://archiv.twoday.net/stories/85159/#90547

Hilft das wirklich weiter? Hier geht es um ein Stück, das gar nicht hinreichend genau identifizierbar ist. Es fehlen alle nötigen Informationen, diese sind in der Kürze der Zeit gar nicht mehr beizubringen.

Was spricht dagegen, dass sich die "zuständigen Stellen" mit dem Käufer des Buchs in Verbindung setzen und dann in aller Ruhe klären, ob das etwas für ein öffentliches Archiv ist?

... 1 Stunde 42 Minuten ...

Der Hund wird unruhig. Ich werde meine Siebensachen packen und das einmalige Kirchenbuch seinem ungewissen Schicksal überlassen. Falls ich noch etwas davon erfahre, werde ich es die verehrte Leserschaft wissen lassen.

Update: Gerade ging eine Weiterleitung von Mails aus der Oberschlesien-Mailingliste ein. Am wichtigsten:
Wir haben inzwischen die Kirchenarchivoberrätin der Evangelischen Kirche von
Kurhessen-Waldeck angerufen und sie über den Fund informiert. Sie teilte uns
mit, dass sie davon bereit seit einigen Tagen weiß und sich um die Sache
kümmern würde.
Die Pfarrer der Gemeinde in Heringen waren leider nicht persönlich zu
erreichen.
KlausGraf meinte am 2006/08/18 01:03:
Ist für 168,09 Euro an gehe03 gegangen
Es gab ein kleines Bietgefecht, bis sich gehe03 gegen kalifieber, ansambi und genealogica durchsetzte. 
KlausGraf meinte am 2006/08/18 01:49:
Zugreifen statt mit dem Hund pinkeln gehen?
Siehe dazu auch: http://archiv.twoday.net/stories/2544090/ 
KlausGraf meinte am 2006/08/18 04:04:
Genealogische Foren diskutieren den Fall
http://forum.genealogy.net/forum/thread.php?threadid=13115

Siehe auch meine jüngeren Beiträge in diesem Weblog zum Thema Ebay 
 

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