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KlausGraf meinte am 2006/09/21 13:38:
Deal auf Kosten der Wissenschaft
Badisches Adelshaus verkauft Kulturerbe

Wertvolle Handschriften sollen feilgeboten werden - Das Land lässt sich auf einen Handel ein

STUTTGART. Die Landesregierung hat sich mit dem badischen Markgrafenhaus auf den Verkauf wertvoller Handschriften aus der Landesbibliothek Karlsruhe verständigt. Deren Direktor Peter Michael Ehrle befürchtet den Verlust "unersetzlichen Kulturguts".

Von Reiner Ruf

Bei den Handschriften handelt es sich um die markgräfliche Sammlung, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Zu den Prunkstücken gehört das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden, das um das Jahr 1490 in Paris entstanden ist. Gleiches gilt für das reich mit Miniaturen und Gold ausgestattete Gebetbuch der Markgräfin Susanna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach, das 1520 in Augsburg geschaffen wurde. Nach Angaben des Karlsruher Bibliotheksdirektors Ehrle umfasst die markgräfliche Sammlung etwa 3600 Handschriften.

Dazu zählt auch Klostergut, das 1803 im Zuge der Säkularisation an das Haus Baden überging. Aus diesem Fundus der deutschen Kulturgeschichte stechen Handschriften aus dem Kloster Reichenau hervor, die aus dem 10. Jahrhundert stammen, darunter die "Gesta Witigowonis" des Purchard von Reichenau aus dem Jahr 995. Der Bibliothekschef Peter Michael Ehrle spricht von Kunstwerken "von europäischem Rang". Jetzt droht der Verkauf ins Ausland.

Finanznot treibt das Haus Baden zu dieser Aktion, nicht zum ersten Mal. Vor einem Jahrzehnt erregten die Badener Aufsehen mit der Versteigerung des Inventars im Schloss Baden-Baden. Nun hoffen sie auf einen Erlös von 70 Millionen Euro. Mit einem Teil des Geldes soll die Sanierung der Schlossanlage Salem am Bodensee bezahlt werden. Der Sitz der Familie ist in den vergangenen Jahren unter hohem finanziellem Aufwand wieder hergerichtet worden.

Allerdings ist das Haus Baden nicht frei in seinem Handeln. In offenbar langwierigen Verhandlungen "auf höchster Ebene" haben die Badener zu einem Arrangement mit der Landesregierung gefunden. Der Besitz der Handschriften sowie weiterer Kunstwerke und Kulturgüter ist zwischen beiden Seiten schon seit Jahrzehnten umstritten. Die Adelsfamilie wie auch das Land erheben Anspruch darauf. Letztlich geht es darum, ob die Kulturgüter mit der Auflösung des Großherzogtums Baden 1918/1919 an den Staat fielen - oder in der Familie verblieben. Dieser Frage widmeten sich bereits eine ganze Reihe von juristischen Gutachtern. Die Antworten fallen aber noch nicht eindeutig genug aus, als dass sich die Landesregierung auf eine gerichtliche Klärung einlassen wollte. Strittig ist nicht nur, wer nun Eigentümer der Handschriften ist. Auch um andere Kunstwerke und Kulturgüter wird gefeilscht. Prinz Berhard von Baden nennt die so genannte Türkenbeute, Waffen- und Münzsammlungen sowie Gemälde. Der Gesamtwert der Kunstwerke und Kulturgüter beläuft sich nach seinen Worten auf 250 bis 300 Millionen Euro - inklusive der Handschriften. Die Vereinbarung sieht Folgendes vor: Das Land erlaubt der Adelsfamilie, 70 Millionen Euro aus dem Verkauf der Handschriften aus der Landesbibliothek Karlsruhe zu schlagen. Zunächst werden die Handschriften in die Stiftung Schloss Salem eingebracht, um dann auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten zu werden. Im Gegenzug verzichten die Badener auf Ansprüche auf den großen Rest des Kunst- und Kulturbesitzes. Die seien dann "ein für alle Mal beim Land", sagt Bernhard von Baden. Das Staatsministerium wollte zunächst nur Gespräche zwischen der Regierung und dem Haus Baden bestätigen. Am Nachmittag sollte die CDU-Fraktion informiert werden. Der Landtag muss noch zustimmen.

Peter Michael Ehrle, der Direktor der Landesbibliothek, saß derweil erkennbar schockiert in seinem Karlsruher Büro. Die Handschriften, sagt Ehrle, "wären um ein Haar ins Weltkulturerbe aufgenommen worden". Nach den Berechnungen der Landesbibliothek müsste die gesamte alte Sammlung verkauft werden, um auf den gewünschten Erlös von 70 Millionen Euro zu kommen.

Ehrle befürchtet, dass die Bücher an Privatleute ins Ausland wandern. "Das wäre ein unermesslicher Verlust für die Wissenschaft." Außerdem gehören die Handschriften zu dem wenigen, was nach einem Luftangriff im September 1942 vom alten Bestand der Bibliothek übrig blieb. 

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