BCK meinte am 2007/01/05 17:49:
Liste 1930 abgegebener Gemälde
Die oben zitierte Antwort des Direktors der Kunsthalle vom 8.11.2006 ist hinsichtlich der Frage 3 korrektur- bzw. ergänzungsbedürftig. Aus den Mitteilungen unten ergibt sich eindeutig, dass sämtliche im Staatsvertrag von 1930 dem Haus Baden zugesprochenen Gemälde aus dem Katalog von Koelitz von der Kunsthalle abgegeben und größtenteils nach Baden-Baden verbracht wurden. Hintergrund waren wohl auch die Vorbereitungen zu der 1931 im Neuen Schloss gefeierten Hochzeit des Markgrafen Berthold von Baden mit Prinzessin Theodora von Griechenland; aus diesem Anlaß wurde vom Markgrafen persönlich eine Neuordnung und Neuhängung der Gemälde vorgenommen bzw. veranlaßt, dabei beraten von Kuno Graf Hardenberg, dem besten Kenner des großherzoglich hessischen Kunstbesitzes (Quelle: Gerda Kircher, Zähringer Bildnissammlung, S. 4). Der Katalog Neuere Meister : 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bearb. von Jan Lauts und Werner Zimmermann (Karlsruhe 1971) enthält auf den Seiten 331-350 ein "Verzeichnis sämtlicher Gemälde, die seit Erscheinen der Kataloge von 1920 [Koelitz] und 1929 [Fischel] verkauft, 1937 beschlagnahmt oder nach 1939 durch Kriegseinwirkung zerstört wurden; ferner jene Werke, die bei einer 1933 vorgenommenen Bestandsaufnahme nicht mehr vorhanden waren". Enthalten sind auch 17 Nummern mit dem Vermerk "1930 an das Großherzogliche Haus abgegeben" (87, 179, 224, 225, 231, 522, 537, 790, 858, 859, 862, 869, 882, 905, 997, 1062, 1063). Gegenüber der Liste aus dem Staatsvertrag von 1930 ist eine No. als zusätzliche Abgabe an das Großherzogliche Haus aufgeführt:
869 FERDINAND KELLER, Bildnis Kaiser Wilhelms II., Leinwand, 320 : 235 (Farbrepro von einem Farbdia aus dem Jahre 1904 aus der Slg. der Library of Congress)
(Über dessen Verbleib habe ich noch nichts in Erfahrung bringen können; Gerda Kircher (ZB) erwähnt das Bild nicht, den Karlsruher Ausstellungsführer von 1992 konnte ich noch nicht einsehen. Update 9.1.07: Abb. incl. der für den Gesamteindruck wesentlichen Rahmung (ein pompöser Neobarockrahmen, in dessen Scheitel die lorbeerbekränzte deutsche Kaiserkrone prangt) und ausführliche Beschreibung mit Provenienz- und zahlr. Lit.hinweisen bei Michael Koch, Ferdinand Keller (1842 - 1922) : Leben und Werk, Karlsruhe 1978, S.34-35 und Nr. 246-247. Das Bild wurde 1893 in Berlin auf der großen Kunstausstellung gezeigt und 1894 für die Kunsthalle Karlsruhe erworben, der Preis betrug 18000 Mark (vgl. GLA 56/1591, dort alle den Ankauf betr. Akten).)
Es fehlen hingegen die im Staatsvertrag genannten Bilder von Caroline Luise (wobei es sich um von der Fürstin angefertigte Kopien handelt), die Liste ist offenbar unvollständig. Aus der Bestandsaufnahme der Zähringer Bildnissammlung im Neuen Schloß zu Baden-Baden durch Gerda Kircher in den Jahren 1930-1943 (Karlsruhe 1958) und den Annotationen zu dem von Horst Vey 2004 publizierten ersten Inventar der Karlsruher Gemäldegalerie von 1823 (Horst Vey: Die frühen Jahre der Karlsruher Kunsthalle, ihr erster Direktor, Hofmaler Becker und das Inventar von 1823. - In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen in Baden-Württemberg. - 41. 2004. - S. 103 - 141) geht nämlich hervor, dass diese 1930 von der Kunsthalle nach Baden-Baden abgegeben wurden und später nach Salem gelangten.
Nr. 689 Caroline Luise, Markgräfin von Baden: Die kranke Frau
= Inv. 1823, No. 3 Eine kranke Frau mit ihrer Wärterin und einem Arzt, Kopie nach Mieris von Serenissima, Pastell unter Glas * von Caroline Luise. Museum Salem (Ausst.-Kat. Carl Friedrich, Baden-Baden 1981, Nr. 6.1.2) [auch bei Kircher, s.u.]
Nr. 690 dto: Nymphe im Schoß eines Faun
= Inv. 1823, No. 2 Eine Nymphe im Schoß eines jungen Fauns, Kopie nach Netscher von Serenissima in Pastell unter Glas * von Caroline Luise. Verbleib unbekannt [dürfte sich gleichfalls in Salem befinden. Nachweis bei Kircher, Zähringer Bildnissammlung, S. 191 als Pan und Flora, Pastellkopie nach C. Netscher (KG 690). BCK]
Nr. 769 dto: Tod der Kleopatra
für dieses und das folgende Nachweis bei Kircher, a.a.O. [dort mit irrtümlich vertauschter Zuordnung], Kreidezeichnung von Caroline Luise 1774 nach einem bekannten Werk der Karlsruher Galerie von Caspar Netscher (Nr. des Gemäldes 264, im Besitz der Kunsthalle)
Nr. 770 dto: Das Konzert
Kreidezeichnung von Caroline Luise 1771 nach Caspar Netscher (Nr. des Gemäldes 265, im Besitz der Kunsthalle)
Nr. 1071 Caroline Luise, Markgräfin von Baden: Venus und Amor
= Inv. 1823, No. 4 Eine Venus mit einem Amor, der den Pfeil schärft, Copia nach van der Werff von Serenissima, Pastell unter Glas * von Caroline Luise. (Ausst.-Kat. Carl Friedrich, Baden-Baden 1981, Nr. 6.1.3) [auch bei Kircher, a.a.O.]
Die vorgenannten Originalzeichnungen und Pastellkopien der Markgräfin Karoline Luise befanden sich lt. Kircher in einer Sammlung von Handzeichnungen, Aquarellen und Pastellen im neuen Schloss Baden-Baden und wurden später nach Schloss Salem verbracht.
Die oben von Klaus Graf identifizierten Nummern aus der Anlage zum Staatsvertrag von 1930, die im Schreiben von Prof. Schrenk nicht genannt sind, wurden also ausweislich der Liste im Anhang des Katalogs von 1971 im Jahre 1930 gleichfalls an das Großherzogliche Haus abgegeben. Diese Zugänge werden von Gerda Kircher bestätigt:
a.a.O. S. 189: Aus der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe kamen 1930 die drei großen Kostümbilder nach Baden-Baden, die den Festzug der badischen Landestrachten zur silbernen Hochzeit des Großherzogpaares im Jahr 1881 in Karlsruhe schildern; sie sind von Johann Baptist Tuttiné und Heinrich Issel, der sie nach Tuttinés Tod vollendete, ausgeführt (KG 790, 859, 889). Auf dem einen dieser Bilder, der grünen Hochzeit, deren Festgruppe dicht vor dem Portal des Karlsruher Schlosses vorbeizieht, ist die ganze damalige Hofgesellschaft auf dem Balkon und an den Fenstern des Schlosses porträtgetreu wiedergegeben.
Ergänzung 15.1.2007: Die Tuttine-Gemälde Festzug der Badischen Landestrachten wurden 1995 im Vorkauf zur Markgrafenauktion vom Badischen Landesmuseum erworben, s. Ausstellungskatalog: „’Für Baden gerettet’. Erwerbungen des Badischen Landesmuseums 1995 aus den Sammlungen der Markgrafen und Großherzöge von Baden“, Nr. 227 - sie sind Teil der Dauerausstellung Baden und Europa 1848-1918.
S. 190: In einem eigenen Raum wurden 1931 die historischen Erinnerungen und die Geschichtsbilder des 19. Jahrhundert vereinigt. (...) Szenen aus dem siebziger Krieg stellen dar: ... Wilhelm Camphausen: Kaiser Friedrich und Feldmarschall Blumenthal (o. Nr. bez. u. dat. 1877) [= KG 882, Anm. BCK]
Bei Kircher außerdem auf S.100 unter Nr. 480 (K 213) [= KG 1063 Prinzeß Caroline von Baden, Anm. BCK] und Tafel 38 das Philipp Jakob Becker zugewiesene Porträt (Pastell, um 1800) der Luise Karoline, Reichsgräfin von Hochberg, 1768-1820, der zweiten Gemahlin des Großherzogs Karl Friedrich von Baden, das auch auf der Ausstellung Badische Fürstenbildnisse 1906/07 gezeigt wurde; S. 101 unter Nr. 488 (KG 1062) eine Johann Christian Mannlich zugewiesenes Porträt von Erbprinz Karl Ludwig von Baden, als Rötelzeichnung auf Papier. Lt. Kircher könnte es sich bei diesem Blatt aber auch um eine Originalzeichnung der Markgräfin Karoline Luise handeln; S. 104 Nr. 508 (KG 522) Bildnis des Großherzogs Leopold von Baden von Franz Xaver Winterhalter, 1831, in Landschaft, ursprünglich für die Museumsgesellschaft in Karlsruhe ausgeführt, von dort in den 1850er Jahren in die Karlsruher Gallerie übernommen; S. 105 als Nr. 514 (KG 905), Karl Friedrich von Baden bei der Hofjagd von 1842 im Karlsruher Wildpark, in illustrer Gesellschaft; S. 126 Nr. 629 (KG 224) Art des Willem van Honthorst, Bildnis Friedrichs V. von der Pfalz, um 1630; S. 132 Nr. 661 (KG 179) Peter-Paul-Rubens-Schule, Bildnis des Don Juan d'Austria (im Staatsvertrag von 1930 irrtümlich als KG 178 bezeichnet - eine Verwechslung ist aber zum Glück wohl ausgeschlossen, da KG 178 ein Brustbild des Philosophen Seneca darstellt, der sicher kein Badener war ;-); S. 137/138 zwei Bilder des Prinzen von Oranien, Friedrich Heinrich, in der Art des Michiel van Miereveld, Nr. 690 (KG 225) und Nr. 691 (KG 231).
Bei Gerda Kircher nicht nachgewiesen sind KG 537, FEODOR DIETZ, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden (der "Türkenlouis") erstürmt eine türkische Verschanzung in Ungarn, 1837, KG 862, KARL ROUX, Grundsteinlegung zum Schloß Karlsburg in Durlach, und KG 997, FRITZ GEIGES, Der Selige Bernhard II. Markgraf von Baden umgeben von den Hll. Eligius und Lucas (Glasmalerei des berühmten Freiburger Glasmalers). Es ist möglich, dass diese Werke an andere Orte verbracht wurden (vielleicht in das Zähringer-Museum, oder nach Schloss Eberstein, oder nach Salem), durch weitere Recherchen sollte sich dies aber sicher noch klären lassen.
BCK antwortete am 2007/01/09 11:23:
davon auf der Markgrafenauktion 1995 ...
5 Bilder (Identifikation durch Vergleich mit Sotheby's: Die Sammlung der Markgrafen und Grossherzöge von Baden, Baden-Baden 5. bis 21. Oktober 1995, Bd. V: Gemälde & Druckgraphik).S. 32 und Tafel II, No. 2294 + 2295 = KG 224 + 225 = Kircher Nr. 629 und 690 (Umkreis von Gerrit van Honthorst, Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz und Umkreis von Michiel van Mierevelt, Brustbild Friedrich Heinrichs, Prinz von Nassau-Dillenburg-Oranien)
S. 88 und Tafel XXI:
3782 Karl Roux: Der Bauherr, siginiert und datiert 1856 rechts unten, Öl auf Einwand, 116,5 x 161,5 cm = KG 862, Karl Roux: Grundsteinlegung zum Schloß Karlsburg in Durlach 1567 durch den Markgraf Karl II., Leinwand, 120 : 166", 1930 an das Großherzogliche Haus abgegeben (Maße und Sujet stimmen überein, Sotheby's hat schlecht recherchiert und daher die Provenienz übersehen)
3785 Feodor Dietz: Szene aus dem Grossen Türkenkrieg Österreichs 1683-99: Prinz Eugen von Savoyen in der Entsatzschlacxht am Kahlenberg vor Wien 1683, signiert und datiert 1837 links unten, Öl auf Leinwand, 91 x 120,5 cm. Das Bild zeigt ... Prinz Eugen von Savoyen ... Hinter ihm in roter Uniform Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden (1665-1707), der "Türkenlouis" genannt, mit dem Prinz Eugen verschiedentlich gekämpft hatte ...
= 537 Feodor Dietz: Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden erstürmt eine türkische Verschanzung in Ungarn
Leinwand, 93 : 120, 1930 an das Großherzogliche Haus abgegeben (dito, Provenienz von Sotheby's übersehen)
3786 Wilhelm Camphausen: Prinz Friedrich von Preussen, späterer König Friedrich III. von Preussen und Deutscher Kaiser (1831-1888) und Feldmarschall Blumenthal zu Pferd, signiert und datiert 1877 links unten, Öl auf Leinwand, 65 x 57,5 cm
= Kircher S. 190 = KG 882 (Wilhelm Camphausen: Kaiser Friedrich III. mit Feldmarschall Graf Blumenthal, Leinwand, 67 : 59, 1930 an das Großherzogliche Haus abgegeben) (dito, KG Provenienz ist Sotheby's entgangen.)
Im Vorkauf außerdem KG 790, 859, 889 Johann Baptist Tuttine (vollendet durch Heinrich Issel): Festzug der badischen Landestrachten (Ankauf durch das Badische Landesmuseum, s.o., Ergänzung 15.1.2007).
Ergänzung 16.1.2007: Auch das oben erwähnten 1930 dem Haus Baden zugesprochenen Glasgemälde von Fritz Geiges konnten 1995 im Vorkauf zur Markgrafenauktion vom Badischen Landesmuseum erworben werden, s. Ausstellungskatalog: „’Für Baden gerettet’. Erwerbungen des Badischen Landesmuseums 1995 aus den Sammlungen der Markgrafen und Großherzöge von Baden“, S.325 Inv. Nr. 95/993 und 95/995. 2002 wurden weitere 50 Glasgemälde aus dem Besitz der Großherzöge von Baden vom Mittelalter bis zum 19. Jh. mit Hilfe der Museumsstiftung Baden-Württemberg und der Kulturstiftung der Länder erworben. Sie wurden im Oktober 2003 in einer Sonderausstellung im Karlsruher Schloss gezeigt.
Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass der Sotheby's-Katalog insgesamt 170 Gemälde aus der 1001 Nummern umfassenden Zähringer Bildnissammlung (zzgl. einer Gesamtübersicht über die übrigen Gemälde der Schlossammlung vom 16.-19. Jh.), wie sie Kircher beschrieben hat, enthält. Gerda Franziska Kircher, die 13 Jahre mit der sorgfältigen Bestandsaufnahme und Dokumentation der Zähringer Bildnissammlung verbracht hat, wäre entsetzt gewesen, wenn sie geahnt hätte, dass ausgerechnet Ihre entsagungsvolle Arbeit 50 Jahre später eine wesentliche Grundlage für die Verscherbelung und Zerstreuung wesentlicher Teile eben dieser Sammlung darstellen sollte.