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Koelges Michael meinte am 20. Mrz, 12:24:
Literarische Fiktion und reale Zustände
Jochen Schimmang: Carmen. Eine Geschichte. Frankfurt am Main 1992.
Auszug aus dem Klappentext: „Vierzehn Jahre ist es her, daß Simon Simon, Archivar in Koblenz, ein Gelübde abgelegt hat, um den Ausschweifungen seiner Jugendjahre für immer ein Ende zu machen, und vierzehn Jahre hat er es befolgt. Seit dieser Zeit ist sein Leben der Ordnung gewidmet, der Aufbewahrung des Vergangenen. Aber 1989, im Revolutionsjahr, weicht Simon in einer Kleinigkeit von seinen Gewohnheiten ab und lernt dabei die Friseuse Carmen kennen, die das mühsam aufrechterhaltene Gerüst der Ordnung zum Einsturz bringt. Ein kleines Fläschchen Parfüm spielt dabei eine große Rolle, eine sehr private Geburtstagsfeier und ein ausgedehntes Liebesmahl. So nimmt sie ihren Lauf, die Geschichte vom mittelalten Herrn und dem schönen jungen Mädchen.“

José Saramago: Alle Namen. Roman. 1. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1999.
Auszug aus der Rezension von Joachim Knapp: Verliebter Archivar. Saramago weckt Sehnen nach einer Karteileiche. In: Rhein-Zeitung [Koblenz] Nr. 7, 10.1.2000, S. 26:
„Senhor José ist ein grauer Mann in einer grauen Welt zwischen Leben und Tod. ‚Personenstandsregister’ heißt das allumfassende Lager von Namen der Lebenden und Toten, in dem Senhor José als Schreibgehilfe die niedrigste Stufe einer Archivbürokratie verkörpert. Ein Schreiber, gefangen zwischen Karteikarten; die karge Wohnung in einem kleinen Anbau, sein Privatleben nur gewürzt mit einer kleinen Passion: Senhor José legt seine eigene Prominentendatei an, die er mit Ausschnitten aus Zeitungen und Illustrierten füllt. Franz Kafka lässt grüßen. Senhor Josés Welt teilt sich in private und berufliche Archivarbeit. Sie beginnt zu wanken, als sich beide Ebenen vermischen. Nachdem der vordem so ordentliche und gewissenhafte Mann nächtens ins Personenstandsregister eindringt, um die eigenen Akten zu komplettieren, wird nichts mehr so sein wie vorher. […] Ist es wirklich eine Ironie des Schicksals, dass der Wahn ihn schließlich ins Archiv zurückführt, in dessen tiefsten, furchterregenden Schlund?“

Doch schon im 19. Jahrhunderte hatten Archive und Archivare ihr Image „weg“:
„Wir finden allgemein, daß sich mit dem Worte ‚Archiv’ der Begriff fester, undurchdringlicher Mauern, von spärlichem Licht erhellter, mit Eisenstäben fest verwahrter und mit Eisenthüren verschlossener Gewölbe verbindet. Archive stehen in demselben Rufe der Unheimlichkeit, wie Burgverließe und Verbrecherkerker, in welchen Unken, Ottern, Schlangen, Molche, Kobolde und böse Geister ihr Wesen treiben; die Moder- und Leichengeruch verbreiten, durch Schwefel- und Pechdunst die Luft verpesten und durch nächtliche Lichter, Flammen und Blitze Schrecken und Grauen erregen. Mit scheuer Furcht geht der Unkundige in der Begränzung der Archive vorüber, und nicht selten sind stöhnende Klagen, Weheruf, Geisterspuk und Getümmel in Archiven vernommen worden.“
Aus: A. Sinnhold: Der Archivar und das Archivwesen, sowie deren Verbindung mit den Kanzleiexpeditionen […]. Weimar 1842, S. 19.

Tatsächlich aber herrschten (schon) damals hier und da erschütternde Zustände:
„Nach dem § 32 der Instruktion soll der im Archiv beschäftigte Kopist mir in den erforderlichen Fällen zur Hilfe beigegeben werden. War je ein Fall dazu geeignet, so war es diese mechanische Umgestaltung im Äußern des Archivs [nämlich die Ablösung des Archivvorstands, Graf Reisach, durch den Schreiber dieser Zeilen, den von Magdeburg nach Koblenz versetzten Archivassistenten Heinrich Beyer], und ich wagte es einmal, den Herrn Henke zu dieser Hilfe oder nur zur Vermeidung der unaufhörlichen Störungen aufzufordern, die mir daraus zuginge, daß er alle seine Privatgeschäfte im Archivlokale abzumachen gewohnt ist, zu jener Zeit aber, wahrscheinlich aus triftigen Gründen, es für gut fand, erst um 11 Uhr zu erscheinen, im Archive zu speisen, bei unverschlossenen Türen zu schlafen (eine alte Gewohnheit!) und sich wieder zu entfernen, wenn ich um 2 Uhr mich wieder einfand. Dadurch wurde ich wider Willen sein Portier und jeden Augenblick genötigt, meine Arbeit in den Seitenzimmern zu unterbrechen. Denn das Archiv glich lange Zeit der Vorhalle des Tempels, wo Verkäufer und Wechsler, Leute verschiedener Religionen und Klassen einen beständigen Sammelplatz hatten. Müde der ewigen Nachfragen von 10-15 Personen täglich, die den ‚Herrn Professor’ suchten, forderte ich diesen auf, entweder seine Dienststunden zu halten, oder seine Gläubiger in seine Wohnung zu bestellen und, wie es sich gehört, da seine Privatgeschäfte abzumachen. Folgendes ist die wörtliche, mit Umgestüm hervorgestoßene und mit italienischen Schimpfworten begleitete Antwort: ‚Dies alles gehe mich nichts an; er sei nicht verpflichtet, im Archive zu arbeiten, sondern er sei lediglich an den Grafen Reisach attachiert, der allein für ihn verantwortlich sei! Endlich, er sei überhaupt von den Königlichen Hohen Ministerien wider seinen Willen nicht hieher berufen worden, um hier Schürger-Arbeit zu tun!’ […] Die glücklichen Meurerschen Zeiten sind vorbei, wo man einen Zettel an die verschlossene Tür befestigte: ‚Auf dem Speicher beschäftigt’ und an der Speichertür einen ähnlichen: ‚Im Archive beschäftigt’, während die Herren sich in Pfaffendorf gütlich taten; die Zeiten, wo alle Vormittage das Archivlokal der Schauplatz großer politischer Beratschlagungen war, während das Ungeziefer in Frieden zwischen den Akten, die ihrer Erlösung harrten, sein Wochenbett aufschlug – wo man mit Zeitunglesen und Frühstücken die Zeit totschlug und zur gesetzten Frist wohlgemut das Archiv verließ mit dem Bewußtsein, doch seine Dienststunden über dagewesen zu sein […].“
Aus: Karl-Georg Faber: Graf Karl August von Reisach. Ein Beitrag zur Geschichte des Staatsarchivs Koblenz und der politischen Polizei am Rhein. In: Jahrbuch für Geschichte und Kunst des Mittelrheins und seiner Nachbargebiete 8/9 (1956/57), S. 111-126, Zitat S. 124-125. 

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