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Vor einem Jahr, am 21.02.2007 brachte das Feuilleton der FAZ den Artikel von Klaus Graf zum Eichstätter Kulturgutdesaster (83 Tonnen Bücher als Müll", FAZ, 21.02.2007, Nr. 44, S. 35, in der FAZ nur in gekürzter Form wiedergegeben; die vollständige, ungekürzte Originalfassung ist in http://archiv.twoday.net/stories/3344981/ dokumentiert.) Der Artikel erregte überregional Aufsehen, wie vorher schon die Berichte im Donaukurier seit Anfang 2007. Im März 2007 wurde Anzeige gegen die Leiterin der Universitätsbibliothek Eichstätt erstattet. Am 7.01.2008 erhob die Staatsanwaltschaft Ingolstadt Anklage wegen Untreue in 5 Fällen ( http://archiv.twoday.net/stories/4593537/ ), am 09.01.2008 legte die Bayerische Staatsbibliothek als Aufsichtsbehörde das Ergebnis ihrer eigenen Untersuchungen zur Causa Eichstätt vor ( http://archiv.twoday.net/stories/4601496/#4602026 ).

Genau ein Jahr später greift die FAZ das Thema nun erneut auf, in einem Beitrag des Feuilleton-Redakteurs Hannes Hintermeier, übrigens gebürtig aus Altötting (Jg. 1961). Wir dokumentieren den Beitrag hier. Ein ausführlicher Kommentar folgt später (siehe http://archiv.twoday.net/stories/4730431/).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2008, Nr. 44, Feuilleton, S. 33

Das nächste Kloster schließt bestimmt

Vor einem Jahr machte die Büchervernichtung an der Universität Eichstätt Schlagzeilen. Jetzt liegt ein Abschlussbericht vor, der Entwarnung gibt. Aber ausgestanden ist der Fall längst nicht.

Von einer zweiten Säkularisation war die Rede, von Kulturgutvernichtung - als Anfang des Jahres 2007 bekannt wurde, was in Altötting und später in Eichstätt geschehen war: Buchentsorgung im ganz großen Stil: Apokalyptische Szenen von Arbeitern in Schutzanzügen mit Atemmasken, die verschimmelte Bücherberge in Container schaufeln. Das machte die Runde, und Leute, denen das Kulturgut Buch sonst reichlich gleichgültig ist, erkannten in diesem Bild den Untergang der abendländischen Schriftkultur, ohne die Vorgeschichte zu kennen.

Sie beginnt 1999, als die bayerischen Kapuziner mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt einen Vertrag schlossen. Er sah vor, die in der Zentralbibliothek des Kapuzinerklosters St. Konrad in Altötting zusammengeführten Bestände des Bettelordens an die Universitätsbibliothek zu überführen, dort zu sichten, Wertloses auszusondern, Wertvolles zu bewahren, gegebenenfalls auch Bestände - gemäß den Richtlinien für die Abgabe von Bibliotheksgut - zu verkaufen, um diese Aktion finanziell zu unterstützen.

Der Bestand der Kapuziner war keine gewachsene Sammlung. Dazu muss man wissen, dass von jedem Pater die private Büchersammlung in dieses Konvolut gewandert war und auch die Bestände aus rund zwanzig Konventen, die von den Kapuzinern seit Mitte der sechziger Jahre aufgelöst worden waren. Es war von vornherein klar, dass es sinnlos sein würde, diese Unmengen von Dubletten an theologischer Literatur und Fachzeitschriften nach Eichstätt zu verfrachten - in ein von Haus aus mit Platzmangel geschlagenes Institut. Erschwerend kam hinzu, dass schon eine erste Prüfung in Altötting den Befund ergab: Schimmelalarm. Denn die Keller im Altöttinger Konvent waren feucht, und es war tatsächlich nur mit Schutzkleidung möglich, die teilweise sehr schlecht erhaltenen Bestände zu entsorgen.

Immerhin: Allein in Altötting wurden vierundfünfzig Tonnen Bücher verwertet, wie die Vernichtung auf Amtsdeutsch heißt. Nach Eichstätt wanderten danach noch geschätzte 350 000 bis 420 000 Bände inklusive Dubletten (deren Anteil man auf mindestens fünfzig Prozent schätzt). Das macht in Zahlen: 4670 Umzugskartons. Die bis 1802 erschienenen Bände sollten gemäß Vertrag dem Staat gehören (geschätzte siebzigtausend Bände); die nach 1802 erschienenen und sich im Besitz der Kapuziner befindlichen Bücher gingen in den Besitz der Universitätsbibliothek Eichstätt über; physisch getrennt waren die Bestände freilich nicht. Die Erschließung dieses Erbes ging - man denke an die chronische Geld- und Personalknappheit der Bibliotheken - langsam vonstatten.

Dann trat im Februar 2005 Angelika Reich die Nachfolge des Bibliotheksleiters Hermann Holzbauer in Eichstätt an. Sie traf auf 3061 unbearbeitete Kartons. Frau Reich entschied, das Sichtungsverfahren zu beschleunigen - schon aus dem einfachen Grund, weil die Bücher auch in Eichstätt nur unzureichend in Außenlagern untergebracht waren. Deren Verfall ging also ungebremst weiter. Und hier in der beschleunigten Abwicklung beginnt dann die Grauzone, wo möglicherweise zu großzügig aussortiert wurde. Darauf scheint der leidenschaftliche Sammler Holzbauer gewartet zu haben, der 1986 der Bibliothek sechshunderttausend Dissertationen bescherte, die von der norwegischen Staatsbibliothek verschenkt worden waren (in Zahlen: achtzig Tonnen, zweieinhalb Regalkilometer). Ohne auf die Schlammschlacht im Detail eingehen zu wollen, sei die These gewagt, dass sich hinter vermeintlich nüchternen Archivaren häufig leidenschaftlich liebende und also auch hassende Büchertriebtäter verbergen. Angeblich aus den Containern gefischte Pretiosen wurden den Behörden zugespielt, der Skandal nahm seinen Lauf (F.A.Z. vom 21. Februar 2007).

Ein Jahr später hat sich nun der Pulverdampf verzogen. Das Gutachten der Bayerischen Staatsbibliothek, die als Aufsichtsbehörde eine Expertenkommission entsandt hatte, kommt zu dem Schluss, "der Vorwurf der massenweisen Vernichtung wertvoller Bücher aus dem Kapuzinerbestand kann nicht bestätigt werden". Aber zu einem Freispruch erster Klasse reicht es denn doch nicht, wenn es weiter heißt: "Die Vorgehensweise von Frau Dr. Reich ist bibliotheksfachlich im Grundsatz nicht zu beanstanden. Einzelne Fehlentscheidungen lassen sich jedoch insbesondere im Hinblick auf die zu bearbeitende Menge nicht ausschließen."

Der Provinzial der bayerischen Kapuziner, Pater Josef Mittermaier, ist nach anfänglichen Bauchschmerzen - die wohl auch damit zusammenhängen, dass er auf diese Art von Öffentlichkeit gerne verzichtet hätte - mit der Angelegenheit im Reinen. "Wir haben den Bestand gekannt und um seinen Zustand gewusst", sagt Mittermaier. Die Büchervernichtung habe er deswegen auch nicht als Überraschung, sondern als Notwendigkeit empfunden: "Wenn Sie zwanzigmal die gleichen Fachzeitschriften haben, dann wird es schwierig mit der Frage, was davon zu erhalten ist. Müssen Krimis, Reiseführer oder Taschenlexika aufgehoben werden?" In seiner Privatbibliothek belaufe sich der Anteil bibliophiler Kostbarkeiten auf etwa zehn Prozent, rechnet der Provinzial vor. Dass der Eindruck entstanden sei, die Kapuziner neigten zum Bücherschreddern, findet er misslich.

Das Eichstätter Problem wird kein Einzelfall bleiben. Viele Ordensgemeinschaften stehen vor ähnlichen Fragen, weil bei ausbleibendem Nachwuchs in den kommenden Jahrzehnten noch mehr Klöster aufgelöst werden. Da es keine kirchliche Stelle gibt, die sich dieser Bücherberge annimmt, wird der Staat einspringen müssen. Das zumindest deutet der Direktor der Bayerischen Staatsbibliothek, Rolf Griebel, im Gespräch mit dieser Zeitung an. "Wir treten in diesen Fällen hilfsweise ein, wer soll es auch sonst machen?" Er selbst sei in dieser Frage aber kein Purist und hänge nicht der Meinung mancher Kollegen an, jedes Buch könne und müsse erhalten werden - auch sei da schon aus Kostengründen der Rechnungshof vor.

Der Großteil des Kapuzinerbestandes, achtzig Tonnen Bücher, wurde makuliert; ein Dutzend Exemplare wurden der Polizei vorgelegt - ob sie tatsächlich aus den Containern stammen, in der die makulierten Bücher landeten, kann laut Staatsbibliothek-Gutachten nicht "festgestellt oder gar nachgewiesen werden". Zwei Exemplare seien auf dem Ramschmarkt aufgetaucht, andere im Antiquariat, wo sie billig abgegeben und zum Teil für niedrige vierstellige Beträge weiterverkauft werden sollten. Welche Rolle dabei Reichs Vorgänger Holzbauer, unter dessen Ägide der Vertrag unterzeichnet wurde, spielt, muss offenbleiben; eine Erlanger Rechtsanwältin erstattete jedenfalls Anzeige gegen die Bibliotheksleiterin (F.A.Z. vom 6. März 2007), weswegen die Geschichte nun ein juristisches Nachspiel hat.

Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hat mittlerweile in fünf Fällen Anklage gegen Angelika Reich erhoben - wegen Untreue. Der leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walter will sich über ein mögliches Strafmaß nicht äußern, verweist aber auf den Umstand, dass sich im Fall eines Schuldspruchs vermutlich noch ein Disziplinarverfahren anschließen werde - "für einen Beamten ist so eine Anklage immer bedrohlich". Man solle so eine Aufgabe nicht annehmen, wenn man sie nicht leisten könne, umreißt er die Position der Anklage. Frau Reich wollte sich zu dem Thema nicht äußern - ihr Anwalt habe ihr wegen des laufenden Verfahrens dazu geraten. HANNES HINTERMEIER
 

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