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BCK meinte am 2008/02/23 15:40:
Casimir Bumiller zum Hausbuch und zum Haus Waldburg-Wolfegg
Nicht nur in der aktuellen, sondern bereits in Ihrer Ausgabe vom 22.02.2008 widmete die Stuttgarter Zeitung dem Hausbuch eine ganze Seite (S. 6).

In einem Stichwort "Prachthandschrift" geht die StZ kurz auf Inhalt und Entstehungsgeschichte ein.
Das Mittelalterliche Hausbuch taucht erstmals im Jahr 1677 im Inventar der waldburg-wolfeggschen Fideikommissbibliothek auf, die auf Graf Max Willibald zurückgeht. 330 Jahre befand sich das Buch im Besitz des Adelshauses, bis es Fürst Johannes von Walburg-Wolfegg im vergangenen Juli verkaufte - nach allem, was man bisher weiß, an den Unternehmer August von Finck.

Entstanden ist die Handschrift um das Jahr 1480, wahrscheinlich im Auftrag eines reichen Stadtbürgers. Es verdankt sich "jenen patrizischen Kreisen, die sich unternehmerisch betätigten und im Berg-, Hütten-, Münz- und Kriegswesen engagiert waren", schreibt Gundolf Keil in dem einschlägigen Artikel im Verfasserlexikon "Die deutsche Literatur des Mittelalters".

Das Hausbuch vereinigt einen bunten Themenstrauß, der die spätmittelalterliche Lebenswelt in Texten und vor allem wunderschönen, zum Teil kolorierten Zeichnungen zeigt. Die Darstellungen reichen vom Wappen des unbekannten Auftraggebers über ritterliche Turnierszenen und kriegstechnische Zeichnungen bis zur Bildbeschreibung der Bergwerkstechnik. (...)

Die Texte widmen sich der Kupferverhüttung, der Gedächtniskunst und vielen anderen Bereichen des spätmittelalterlichen Lebens bis hin zur medizinischen Behandlung von Verstopfung. (...)

Eine Faksimile-Ausgabe des Handbuchs kann im Handschriftenlesesaal der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart eingesehen werden. Dazu gibt es auch einen Begleitband, in dessen Vorwort Johannes Erbgraf zu Waldburg-Wolfegg schreibt: "Das Mittelalterliche Hausbuch ist seit dem 17. Jahrhundert ein wohlgehüteter Schatz in Wolfegg."

Der Historiker Casimir Bumiller porträtiert in einem ausführlichen Aufsatz das von der historischen Forschung bisher "eher stiefmütterlich behandelte" oberschwäbische Adelsgeschlecht des Hauses Waldburg-Wolfegg, das "eher zu den Stillen im Land" gehöre.

(...) Das Haus Wolfegg geht zurück auf eine welfisch-staufische Ministerialenfamilie, deren Stammsitz die im 12. Jahrhundert erbaute Waldburg war. Im Jahr 1200 erwarb das Geschlecht Wolfegg, 1306 Trauchburg und 1337 Zeil, um nur seine späteren Hauptsitze zu nennen. 1429 fand eine Teilung in drei Linien statt, von denen nur die Georgische bis heute lebt. Die reichsgeschichtlich bekannteste Gestalt dieser Linie war Georg III. Truchsess von Waldburg (1488-1531), der durch die Niederschlagung des Bauernkriegs von 1525 als "Bauernjörg" in die Geschichte eingegangen ist. Die Georgische Linie teilte sich 1595 in die Häuser Waldburg-Zeil und Waldburg-Wolfegg. 1628 wurde das Haus in den Grafenstand erhoben.

In Max Willibald von Waldburg-Wolfegg (1604-1667) tritt uns jener kaiserliche Generalfeldmarschall-Leutnant und (seit 1650) kurbayerische Statthalter der Oberpfalz entgegen, der zum Begründer der Wolfegger Kunstsammlungen geworden ist. Der Diplomat betätigte sich seit 1644 als kunstsinniger Sammler grafischer Kostbarkeiten, die bis heute in dem von seinem Vater Heinrich 1580 errichteten Renaissanceschloss Wolfegg verwahrt werden. Graf Max Willibald erklärte in seinem Testament von 1667 seine Bücher, Kupferstiche und Zeichnungen zum unveräußerlichen Fideikommissbestand, der geschlossen vererbt werden sollte.

Schon in den Wirren der napoleonischen Zeit ließen sich die drei Linien des Hauses Waldburg 1803 mit großem finanziellem Aufwand in den Reichsfürstenstand erheben. Sie hofften mit dieser Rangerhöhung der napoleonischen Flurbereinigung zu entgehen - vergebens, denn im Jahr 1806 fielen die Territorien des Hauses an Württemberg. Während sich Fürst Max Wunibald von der Zeiler Linie politisch massiv gegen den Untergang seines souveränen Hauses wehrte, herrschte bei den Wolfeggern eine resignierte Zurückhaltung. Friedrich Fürst zu Waldburg-Wolfegg (1808-1871) tat sich als Förderer des oberschwäbischen Schützenwesens hervor. Sein Enkel Maximilian (1863-1950) betätigte sich als Präsident des Württembergischen Pferdezuchtvereins. Beim Katholikentag in Ulm 1901 ließ er sich als "Wahrer der katholischen Zusammengehörigkeit" vernehmen, der seinen konservativen Katholizismus gegen die "destruktive Strömung der Jetztzeit" setzte.

Bumiller konstatiert, die Hinwendung des Hauses Waldburg zum strengen katholischen Glauben oberschwäbischer Couleur im 19. und 20. Jahrhundert sei der Grund, weshalb der oberschwäbische Adel bis heute eine Art paternaler "Herrschaft" oder zumindest Meinungsführerschaft ausüben kann. Der Verlust feudaler Herrschaftsrechte wurde durch Großgrundbesitz und finanzielle Entschädigungen kompensiert. Friedrich Fürst zu Waldburg-Wolfegg hatte schon 1847 erkannt, dass künftig nur "Adel mit Grundbesitz und Capitalvermögen mächtig seyn" werde. Für die "Bauernbefreiung", also die Ablösung der alten bäuerlichen Abgaben und Zehnten ab etwa 1830 wurde beispielsweise der Fürst von Waldburg-Wolfegg mit 712 000 Gulden entschädigt, die zum Teil in neuen Grundbesitz flossen., schreibt Bumiller. Bumiller analysiert nüchtern, dass heute neben Land- und Forstwirtschaft, Industriebeteiligungen und Immobiliengeschäften auch der Kunstbesitz des Adels einen Teil seiner Portfoliostruktur bilde, womit der Adel letztlich in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen sei. Um die Dächer der gewaltigen Schlossanlagen zu sanieren, werde dann eben auch schon mal ein millionenteures Kunstobjekt entgegen dem Auftrag der Ahnen zur Disposition gestellt. Die bürgerliche Kritik an der "Ausverkaufstendenz" des Adels sei daher nicht ganz frei von Widersprüchen und Scheinheiligkeit.

Die heutigen Konflikte auf dem Feld des Umgang mit adligem Kulturgut resultierten wesentlich daher, dass der Staat 1806 und 1918, aber auch zu anderen Zeitpunkten versäumt habe, klare Regelung über das nationale Interesse an den privaten Kunstsammlungen des Adels zu formulieren. Daraus resultierten die geradezu grotesken Verrenkungen unserer Landesregierung in den Verhandlungen mit dem Haus Baden, die der Beobachter als kulturpolitische Bankrotterklärung wahrnehmen müsse.

Im Falle des mittelalterlichen Hausbuches aus Wolfegg scheine die Sache aber klarer zu liegen, der Verkauf dürfte nicht rechtmäßig gewesen sein. Bumiller zieht als Fazit:

Der ideale Eigentümer dieses Buches ist das Land Baden-Württemberg. Das Land muss in diesem Sinne auf den Fürsten zugehen, und alle Historiker, Kulturschaffenden und kulturell Interessierten sind aufgefordert, mit öffentlichem Druck auf diese Lösung hinzuwirken.
("Das oberschwäbische Adelsgeschlecht gehört eher zu den Stillen im Land" / Von Casimir Bumiller, StZ 22.02.2008, Nr. 45, S. 6, Volltext online) 

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