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Zur Skandalchronik des Landes Baden-Württemberg bei Umgang mit gewachsenen Adelssammlungen zählen die Vorgänge in Wertheim am Main, das unmittelbar an der Grenze zu Bayern liegt.

Ich dokumentiere nochmals meinen Beitrag auf
http://www.histsem.uni-freiburg.de/mertens/graf/wertheim.htm

Aderlaß an regionalem Kulturgut
Der Fürstlich Löwenstein-Wertheim-Freudenberg'sche Bücher- und Musikalienbasar anno 1995

© Klaus Graf 1995, 1997

Wenn die jungen Fürsten wieder einmal Geld brauchen, gehen sie mit einer scharfen Rasierklinge in die eigene Bibliothek und kommen mit einem alten Kupferstich wieder. Die Anekdote über ein süddeutsches Adelshaus ist nicht nur leider wahr, sie kennzeichnet auch gut eine gewisse blaublütige Lässigkeit beim Umgang mit ererbten Kulturgütern. Dies betrifft durchaus nicht nur so spektakuläre Fälle wie die Fürstenbergische Hofbibliothek in Donaueschingen. Ihr einzigartiger Bestand an Frühdrucken wurde im letzten Juli [1994] bei Sotheby's versteigert, um Prinzen und Prinzessinnen auch weiterhin die sorgenfreie Teilnahme am Jet-set zu ermöglichen. Und kaum hat man sich von dem Schock der Baden-Badener Markgrafenauktion und ihrem, wie es in der FR vom 21.10. [1995] treffend hieß, "wahrhaft verheerenden" Ausverkauf badischer Kultur etwas erholt, ist aus dem Nordbadischen erneut ein höchst bedenklicher Aderlaß an regionalem Kulturgut zu vermelden.

Schauplatz der Handlung ist das idyllische Städtchen Wertheim am Main, der hier die Grenze zu Bayern bildet. Traditionelle "Schirmherren" des sehr rührigen Historischen Vereins sind die ehemaligen Landesherren der Grafschaft Wertheim, die Fürsten aus dem Haus Löwenstein, also die Chefs der (katholischen) Linie Rosenberg und der (evangelischen) Linie Freudenberg. Immer wieder haben sich die Fürsten in den letzten 200 Jahren von Bibliotheksschätzen getrennt. So schenkte ein Löwensteiner 1894 dem wiedergegründeten Kloster Maria Laach Bücher, die im 18. Jahrhundert den Benediktinern von Neustadt am Main gehört hatten. (Aus dieser frommen Gabe ist - erstaunlich genug - ein wertvoller Sammelband jüngst von einem Händler dem Staatsarchiv Wertheim angeboten worden.)

Aufsehen erregte 1930 eine von der renommierten Frankfurter Firma Joseph Baer angekündigte Versteigerung bibliophiler Kostbarkeiten. Fachleuten war bald klar, daß der "süddeutsche fürstliche Besitz" den Löwensteinern gehörte. Während damals vor allem die Frankfurter Stadtbibliothek zugriff, formierte sich im Herbst 1985 eine große Koalition fränkischer Institutionen, allen voran die Würzburger Universitätsbibliothek, um bedeutendes Bibliotheksgut der katholischen Linie zu sichern. Bei Sotheby's in München kam die Hofbibliothek der Rosenberger mit wichtigen alten Beständen aus den Abteien Neustadt und Bronnbach, eine Säkularisationsbeute der Fürsten, zum Verkauf. Nur wenige Tage blieben den Geschichtsfreunden aus Unterfranken und Wertheim, um Finanzquellen für die Rettungsaktion aufzutun. [siehe Literaturhinweis]

In kleinerem Maßstab wiederholte das Unternehmen sich jetzt bei der Versteigerung der angeblichen "Schloßbibliothek Triefenstein" bei Hartung & Hartung in München (14.-17. November [1995]). In Wirklichkeit handelt es sich um Buchbestände der auf dem anderen Mainufer im bayerischen Kreuzwertheim ansässigen Freudenberger Linie, die sich lange Zeit in Wertheim befunden hatten und nur in den letzten Jahren bei den neuen Eigentümern des Schlosses Triefenstein gelagert worden waren. Zwar wird versichert, daß es sich nicht um einen Ausverkauf à la Baden-Baden handle und die Fürsten nach wie vor eine sehr schöne (der Forschung nicht zugängliche) Bibliothek besäßen. Aber selbst die jetzt veräußerten ungeliebten Bibliotheksteile stellen eine für die regionale Buchkultur und die Wertheimer Geschichte bedeutsame Quelle dar. Dies gilt nicht zuletzt für die bemerkenswerten Lektüreinteressen des für das Wertheimer Kulturleben wichtigen Fürsten Georg Ludwig (1777-1855), Gründer eines Theaters in Wertheim. Die mit eigenem Exlibris gekennzeichneten Bände seiner "Hofbibliothek" geben einen höchst aufschlußreichen Spiegel geistiger Strömungen von der Aufklärungszeit bis zum Biedermeier ab. [Exlibris-Abbildungen]

Unter Federführung des Historischen Vereins Wertheim konnten für etwa 35.000 DM knapp 40 wichtige Bände ersteigert werden. So setzte sich der im Vereinsauftrag bietende Wertheimer Orthopäde Dr. Braun bei der Nummer 1901, einer schönen Reihe von 58 Heften des raren "Löwenstein-Wertheimischen Staats- und Friedenskalenders" 1799-1879 mit 3600 DM gegen einen Pariser Interessenten durch. Nicht wenige Bände sicherte sich wieder die Würzburger Hochschule. Zurückgezogen worden waren einige Archivalien - mit gutem Grund, hatte doch 1977 das Land Baden-Württemberg die fürstlichen Archive komplett erworben. In einer alten Wertheimer Kapelle harren derzeit noch einige tausend Bände des Triefensteiner Bücherfundus' ihres Schicksals. Obwohl als Teil eines Ensembles von hohem Reiz historisch bedeutsam und nicht selten vor 1800 erschienen, wurden sie von dem Münchner Auktionshaus übergangen. Um sie nach eigenen Angaben für Wertheim zu retten, entschloß sich im September der erwähnte Arzt und Kunsthändler Dr. Braun, zugleich im Vorstand des Historischen Vereins, für den Ankauf auf eigene Rechnung. Ein Happy End also? Es bleibt abzuwarten, wieviel von diesen Büchern tatsächlich von Institutionen der öffentlichen Hand erworben werden kann und ob die geplante fachgerechte Dokumentation der Sammlung vor ihrem Weiterverkauf zu realisieren sein wird. Daß der Hartung-Katalog und die erstellte Exlibrisliste kein Ersatz für die wissenschaftliche Erfassung des nun in alle Winde zerstreuten Altbestandes der Freudenberg'schen Hofbibliothek sein kann, steht jedenfalls fest.

Und wenn die geldbedürftigen "Schirmherren" den beschirmten Historischen Verein nicht informieren, greift auch die vom Wertheimer Museumsleiter beschworene "lautlose" Bereinigung von allerlei Kulturgut-Unfällen nicht. Bittere Pointe des Wertheimer Rettungsversuches: Ohne daß zuvor etwas vor Ort oder in Musikfachkreisen zu vernehmen war, gelangte am 1. Dezember [1995] bei Sotheby's in London klammheimlich der landes- und regionalgeschichtlich hochrangige Musikalienbestand der Freudenberger unter den Hammer: gut 200 Musikdrucke und etwa 60 Manuskripte, unschätzbar als Quelle für das Wertheimer Musikleben des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Darunter waren auch Eigenkompositionen eines Löwensteiners, Harmoniemusiken des Prinzen Karl von Löwenstein. Ein britischer Musikwissenschaftler, der sie ersteigerte, konnte so die Provenienz der ohne Herkunftsangabe angebotenen Sammlung feststellen.

Eingefädelt hat den skandalösen Coup anscheinend die Gattin des Erbprinzen, nächstes Jahr CSU-Kandidatin für den Kreuzwertheimer Gemeinderat [1996 erfolglos] - und ehemalige Mitarbeiterin von Sotheby's. Kaufverhandlungen der Karlsruher Landesbibliothek waren im Frühjahr schroff von der Familie abgebrochen worden: Obwohl das ursprüngliche Angebot des Landes von 50.000 DM auf 70.000 DM erhöht worden war, votierten die Eigentümer gegen den sicheren Hafen einer öffentlichen Institution und für das Auktionshaus. Man glaubt es kaum: ein Differenzbetrag von nicht mehr als 3000 oder 5000 Mark soll entschieden haben über die Zerstörung dieses gewachsenen Ensembles, das vor allem als beziehungsreiche Gesamtheit aussagekräftig war.

Inventarisiert hatten Musikhistoriker nur die Drucke; von den Handschriften gibt es lediglich eine dürre Liste. Eine die Informationswerte rettende Mikroverfilmung existiert wie üblich nicht, und einmal mehr hat - wie schon bei anderen in den letzten Jahren undokumentiert verkauften Adelsbibliotheken (FR vom 2. Juni [1995]) - die Forschung das Nachsehen. Wieder völlig versagt haben auch die von Gesetz wegen an sich zuständigen Stellen. Obwohl die Freudenberg'sche Musikaliensammlung durchaus die Kriterien eines Kulturdenkmals erfüllte, waren die Landesdenkmalämter in Bayern und Baden-Württemberg mit den Vorgängen überhaupt nicht befaßt. Man versteht auch warum: die Erfassung von Kulturgütern und Sammlungen in adeligem Privatbesitz ist derzeit eines der heißesten Eisen der Denkmalpflege überhaupt. Noch ist man nicht gewillt, es anzupacken und dadurch dem Satz des Grundgesetzes "Eigentum verpflichtet" mit Nachdruck allgemeine Geltung zu verschaffen. Wann die nächste vergleichbare Sammlung zerschlagen wird, ist somit nur eine Frage der Zeit.

Nachwort Juli 1997

Der vorstehende Artikel, geschrieben im Dezember 1995, ist von der Frankfurter Rundschau, die seine Veröffentlichung zugesagt hatte, nie publiziert worden.

Über den Musikalienverkauf hat die Wertheimer Presse bis heute nicht berichtet. Dagegen enthalten die am 24. November 1995 erschienenen Artikel in der Wertheimer Zeitung und den Fränkischen Nachrichten zusätzliche Informationen (und Abbildungen) zu den in München ersteigerten Büchern und dem von dem Kunsthändler Dr. Braun erworbenen, zeitweise in der Kilianskapelle gelagerten Buchbestand (schätzungsweise etwa 5000 Stück). Dieser wurde zunächst öffentlichen Institutionen angeboten. Teile erwarben Dr. Braun zufolge der Historische Verein, das Staatsarchiv und das Stadtarchiv Wertheim sowie die Universitätsbibliotheken Würzburg und Stuttgart-Hohenheim. Eine größere Anzahl von Bänden ging an die Diözesanbibliothek Würzburg. Danach konnten private Interessenten sich bedienen. Ein Restbestand von etwa 2000 bis 3000 Büchern blieb bis jetzt unverkauft.

Das buchgeschichtlich so wichtige Inventar wurde nicht erstellt: Dr. Braun, der sich selbst außerstande sah, ein fachgerechtes Verzeichnis anzulegen, fand keine Bereitschaft dazu bei den angesprochenen Institutionen, dem Staatsarchiv Wertheim und der Universitätsbibliothek Würzburg, vertreten durch Frau Dr. Pleticha-Geuder. Aufgrund dieser Weigerung, rasch und unbürokratisch zu dokumentieren, was an Aussagen zur Besitzgeschichte der Bände in dem von Dr. Braun erworbenen Bestand noch greifbar war, kommt beiden Stellen eine Mitschuld zu an der Vernichtung der Freudenberg'schen Bibliothek als einer für die Region wichtigen buch- und kulturgeschichtlichen Quelle aus dem 18./19. Jahrhundert.

Reaktionen

Am 31.7.1997 erreichte mich folgende e-mail des Direktors der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Dr. Peter Michael Ehrle, die ich mit seiner Zustimmung wiedergeben darf:

"Sehr geehrter Herr Graf,
die Darstellung in Ihrem Artikel ist hinsichtlich des nicht zustande gekommenen Ankaufs der Musikalien weitgehend zutreffend. Zu ergänzen wäre lediglich, daß der Ankauf für die Badische Landesbibliothek nicht aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg, sondern aus von mir eigens im Vorstand der Badischen Bibliotheksgesellschaft beantragten Mitteln dieses Fördervereins der Badischen Landesbibliothek erfolgen sollte. Sie können daraus ersehen, daß ich dem Ankauf eine hohe Priorität zugemessen habe. Zu meiner Überraschung ging der Erbprinz auf unser Kaufangebot gar nicht ein, obwohl ich deutlich machte, daß wir auch bereit wären, einen höheren Preis (evtl. auch mehr als 70.000 DM) zu zahlen."

Dr. Felix Heinzer, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, schrieb mir per e-mail am 1.9.1997:

"Ihre Wertheimiade habe ich gelesen. Ich glaube, eines der Hauptprobleme in diesem Zusammenhang ist die mangelnde Koordination der für die Pflege dieser Art von Kulturgut zuständigen Stellen. So wurde beispielsweise in Baden-Württemberg vor ein, zwei Jahren eine eigene Stelle beim Landesdenkmalamt eingerichtet, die sich um bewegliches Kulturgut kümmern soll (ob sie noch existiert, weiß ich gar nicht) - an sich eine sehr nützliche Sache, deren Existenz im Bereich unseres Ministeriums (Wissenschaft, Forschung und Kunst) aber nach meinem Eindruck kaum wahrgenommen worden ist (das Landesdenkmalamt untersteht bei uns, wie Sie wissen, dem Wirtschaftsministerium). Eine Koppelung etwa zwischen dieser Stelle und der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg (die unserem Ministerium angegliedert ist und sich in erster Linie um den Schutz beweglicher, insbesonderer schriftlicher Kulturgüter kümmern soll) hat leider nicht stattgefunden. Ich erlebe es daher immer wieder, daß Anfragen bezüglich Schutzwürdigkeit bestimmter Objekte oder Bestände von ganz unterschiedlichen Stellen und in teilweise gar nicht abgestimmter Form über verschlungene, oft schlecht nachvollziehbare Dienstwege an die Bibliothek herangetragen werden, was vielfach eher für Verwirrung sorgt und wirklich tragfähige Strategien des Schutzes und der Kontrolle nicht gerade fördert.
Ich denke im übrigen, daß die Art von Kulturgut, um die es Ihnen in diesem Artikel geht, in den Landesdenkmalämtern (die Sie ja explizit nennen) aufgrund der traditionell baugeschichtlichen und archäologischen Ausrichtung dieser Institutionen (die im übrigen wie wir mit enormen Mittelkürzungen zu kämpfen haben) einfach nicht den Stellen- und "Affektions"-Wert haben, den Sie sich wünschen. Ein Grund mehr, die Sorge dafür in koordinierter Form unserem Ministerium zu übertragen, wo ja die Archive und Bibliotheken angesiedelt sind, aber da hat man wohl angesichts der großen Finanznot (unsere Bibliothek kann wegen der Sparauflagen seit 3 Monaten kein einziges Buch mehr erwerben ..., was vielleicht die Situation verdeutlicht) ganz andere Probleme. Außerdem spielen sicherlich auch gewisse Abstimmungs- und v.a. Besitzstandsfragen zwischen Behörden eine Rolle (wer gibt schon gerne etwas ab, und sei es nur eine Zuständigkeit?...).

Literaturhinweis: Ausführliche Angaben über die Versteigerung von 1985 und die Löwenstein-Wertheim-Rosenberg'schen Bibliotheken enthält der 1988 von der Universitätsbibliothek Würzburg herausgegebene Sammelband: Kostbare Bücher aus drei fränkischen Bibliotheken. Bronnbach, Kleinheubach, Neustadt a. M. Beiträge zur Bibliotheksgeschichte und Katalog des 1985 ersteigerten Bestandes.


Zur 1995 versteigerten und von der Österreichischen Nationalbibliothek erworbenen Wertheimer Lautentabulatur siehe
http://www.staatsarchive.de/publikationen/archiv/Archiv-Nachrichten/aktneu/archnach/a20laute.htm
sowie Martin Kirnbauer, "Die Wertheimer Lautentabulatur" - Eine Musikhandschrift des frühen 16. Jahrhunderts, in: Wertheimer Jahrbuch 2001

Exzerpt aus meinem Aufsatz "Adelsbibliotheken in Gefahr" (1995):

Extremer Zeitdruck beherrschte auch die Versuche fränkischer Institutionen, von der Hofbibliothek der Fürsten von Wertheim-Löwenstein-Rosenberg zu retten, was noch zu retten war. Erst knapp zwei Wochen vor der Versteigerung der 796 Lose bei Sotheby's in München am 4. November 1985 erfuhren Bibliothekare und Archivare davon. Nachzulesen sind Details der sofort eingeleiteten konzertierten Geldsammel-Aktion der Universitätsbibliothek Würzburg im Verbund mit dem Staatsarchiv Wertheim und historischen Vereinen in dem Band "Kostbare Bücher aus drei alten fränkischen Bibliotheken" (1988). Außer der Kleinheubacher fürstlichen Hofbibliothek waren es vor allem die Säkularisationsbestände der Klosterbibliotheken von Bronnbach und Neustadt am Main, die die fränkischen Geschichtsfreunde elektrisierten. Die fieberhaft aufgetriebenen Geldmittel wurden schwerpunktmäßig zur Ersteigerung von Büchern der Benediktiner in Neustadt eingesetzt; von der bibliothekarischen Hinterlassenschaft der Bronnbacher Zisterzienser konnte nur wenig erworben werden. Die baden-württembergischen Landesbibliotheken hatten im Vorfeld bereits abgewinkt - weitere Dubletten mochte man sich nicht einverleiben.
http://www.histsem.uni-freiburg.de/mertens/graf/privbib.htm

 

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