Eligius meinte am 2008/12/20 17:18:
Erste Reaktionen / offene Briefe
Die Deutsche Numismatische Gesellschaft, der Dachverband für mehr als 80 Numismatische Gesellschaften in Deutschland, reagierte bereits am 1. Dezember 2008 mit einem offenen Brief. Ihr Präsident Dr. Helmut Schubert (Frankfurt/Main) wandte sich an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, den frisch gebackenen Honorarprofessor der Universität Frankfurt, Dr. Josef Ackermann und den Ministerpräsidenten Dr. h.c. Christian Wulff (abgedruckt in: Numismatisches Nachrichtenblatt 58, 2009, S. 8).
KlausGraf antwortete am 2008/12/20 18:06:
Wir hätten gern diesen Text zur Online-Veröffentlichung
Danke!
Eligius antwortete am 2008/12/21 18:40:
Offene Briefe der Deutschen Numismatischen Gesellschaft
Der Präsident der Deutschen Numismatischen Gesellschaft, Dr. Helmut Schubert, richtete am 1. Dezember 2008 die folgenden Briefe an den Vorsitzenden des Vorstandes der Deutschen Bank, Dr. Josef Ackermann und den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen, Dr. Christian Wulff:Sehr geehrter Herr Professor Dr. Ackermann,
erschrocken über die Nachricht, die Deutsche Bank wolle Teile der einzigartigen Münzen-Sammlung der Welfen verkaufen, und besorgt über das Schicksal dieser Sammlung, möchten wir uns mit diesem Schreiben an Sie wenden.
Dass die Welfen-Sammlung einzig dasteht und ihresgleichen sucht, bedarf keiner Beweise mehr. Mit über 40.000 Stücken zählt sie zu den 25 ganz großen Sammlungen des alten Europas. Kein Geringerer als der Universalgelehrte Leibniz beschäftigte sich mit Münzen dieser Sammlung.
Als Vereinigung von Münzenforschern und Münzensammlern in der Bundesrepublik wissen wir aus der Geschichte namhafter Sammlungen, dass sie nach ihrer Zerschlagung nie wieder zu ihrer alten Einheit zurückgeführt werden können und als Forschungs- und Kulturobjekt ausfallen.
Wir wenden uns deshalb mit der dringenden Bitte an Sie als Vorstandssprecher und an alle Verantwortlichen der Deutschen Bank, von einem Verkauf von Teilen der Welfen-Münzen-Sammlung Abstand zu nehmen. Kulturgut höchsten Ranges würde unwiederbringlich zerstört. Wir hoffen, dass die Verhandlungen mit dem Lande Niedersachsen zu einer für die Deutsche Bank und das Land einvernehmlichen Lösung führen, die den Zusammenhalt der Sammlung garantiert und eine Präsentation für die Öffentlichkeit ermöglicht.
Hoffend, dass Sie unsere Sorge und unser Anliegen verstehen können, verbleiben wir mit den besten Grüßen!
Für das Präsidium
Dr. Helmut Schubert, Präsident
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
erschrocken über die Nachricht, die Deutsche Bank beabsichtige, Teile der Münzen-Sammlung der Welfen zu verkaufen, und besorgt über das Schicksal dieser einzigartigen Sammlung sieht sich die Deutsche Numismatische Gesellschaft genötigt, diesen Brief zu schreiben.
Die Welfen-Sammlung mit ihren 40.000 Stücken steht einzig da, sie sucht ihresgleichen, verfügt sie doch über Stücke von höchster Seltenheit und schönster Erhaltung. Die Welfensammlung, von König Georg II. begonnen, zählt zu den herausragenden Kulturgütern des Landes Niedersachsen und der Stadt Hannover.
Als Vereinigung von Münzenforschern und Münzensammlern in der Bundesrepublik wissen wir aus der Geschichte namhafter Sammlungen, dass sie nach ihrer Zerschlagung nie wieder zu ihrer alten Einheit zurückgeführt werden können und als Forschungs- und Kulturobjekt ausfallen.
Mit großer Sorge und der dringenden Bitte wenden wir uns an Sie, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Ihren Einfluss geltend zu machen, dass in den Verhandlungen ein Weg gefunden werde, die Sammlung zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir könnten uns vorstellen, dass das Kestner-Museum, das gerade die Sammlung Dr. Horst Egon Berkowitz als Schenkung erhielt, auch der Welfen-Sammlung ein gutes Domizil bieten würde.
Hoffend, dass Sie unser Anliegen verstehen und Ihren Einfluss zur Erhaltung der Sammlung geltend machen können, verbleiben wir mit den besten Grüßen!
Im Namen des Präsidiums
Dr. Helmut Schubert, Präsident
PDF-Download: http://www.numismatische-gesellschaft.de/
AndreasP antwortete am 2009/01/12 10:26:
Mich beschleicht das Gefühl, dass solche Briefe zwar gut gemeint sind, aber den Adressaten nicht wirklich gerecht werden. Ich könnte mir vorstellen, dass eine kurze Erklärung, was Numismatik überhaupt ist, nicht schaden könnte, da sich Otto Normalpolitiker unter der Welfensammlung wahrscheinlich einfach nur eine Münzsammlung vorstellt, wie sie Opa oder Neffe als Spielerei auch mal hatte, nur eben größer... Den Wert solcher Sammlungen nicht nur als Liebhaberei (nach so etwas klingt "Seltenheit und Erhaltung"), sondern als wissenschaftlich notwendige historische und kunsthistorische Quelle sowie als unersetzliches Werkzeug einer historischen Hilfswissenschaft deutlich und stets herauszustellen, scheint mir notwendig angesichts der heutigen Ignoranz (siehe Oettinger & Co. im Handrschriftenstreit).
Eligius antwortete am 2009/01/12 14:17:
Ein Fall für die Rote Mappe des Niedersächsischen Heimatbundes?
Die "Rote Mappe" des Heimatbundes greift jedes Jahr Mißstände aus der Kulturpolitik auf. Der Niedersächsische Ministerpräsident nimmt dazu auf dem "Tag der Niedersachsen" öffentlich Stellung, in diesem Jahr im Mai in Alfeld/Leine:http://www.niedersaechsischer-heimatbund.de/Einladung_Niedersachsentag_2009.pdf
Archäologischer Arbeitskreis Niedersachsen
http://www.archan-nhb.de/
Niedersächsischer Heimatbund
http://www.niedersaechsischer-heimatbund.de/dokumente/mappen.shtml?s12
Beispiel: http://archiv.twoday.net/stories/5441129/
Hermann Grote antwortete am 2009/01/13 20:27:
Archäologische Funde im Münzkabinett der Deutschen Bank
Vor allem die Mittelalterbestände stammen aus Funden, deren Auffindung bis in das 18. Jahrhundert, die Anfangszeit des Königlichen Münzkabinetts zurückreichen. Es sind Heimatfunde aus Niedersachsen, aber auch zahlreiche Auslandsfunde. Funde der Wikinger und der Slawen
Das gilt besonders für die bedeutende Sammlung von Fernhandelsdenaren des 10./11. Jhs. die aus wikingerzeitlichen Funden des Ostseeraumes (besonders Schweden und Polen) stammen. Die Spezialisten stürzen sich z. B. seit Jahren auf die Einzelauswertung der mehr als tausend slawischen Beischläge des Fundes von Lupow (Polen).
Quelle: Cunz, Reiner: Numismatik zwischen Haushistoriographie und Fürstlicher Sammellust, dargestellt am Beispiel der Geschichte des ehemaligen königlichen Münzkabinetts zu Hannover und seiner Betreuer, 1745– 1945, Numismatische Studien, Heft 11, Hamburg 1996. Dissertation Philipps-Universität Marburg 1994.
Hermann Grote antwortete am 2009/01/13 20:29:
Spektakulär: Silberbarren des Spätmittelalters aus dem Harz und Mitteldeutschland (Erzgebirge)
Die Wikingerfunde sind aber alles nur nachrangige Beispiele gegenüber dem spektakulären Barrenbestand, der vor einigen Jahren auf dem Welfenschloss Marienburg von R. Cunz gerettet werden konnte. Er sollte von Sothebys versteigert werden. Es konnte nachgewiesen werden, dass die kleine Sammlung zum Münzkabinett gehört. Es befinden sich etliche unpublizierte Stücke darunter. Silberbarren waren im Spätmittelalter ein Zahlungsmittel für Fernhandel, Großhandel, Immobilienhandel und politische Geschäfte. Einzigartig in der Wirtschaftsgeschichte ist eine Barren-Währungsunion der Harzrandstädte aus dem Jahre 1382.
Die Story ...
in der Selbstdarstellung der Deutschen Bank:
www.db.com/de/downloads/company/PM_Silberbarren_Muenzkabinett.pdf
http://www.deutsche-bank.de/de/content/company/niedersaechsisches_muenzkabinett.htm
…in den Medien:
http://chronico.de/erleben/wissenschaft/0000302/
Die Präsentation in der Dauerausstellung des Niedersächsischen Landesmuseums:
http://www.landesmuseum-
hannover.niedersachsen.de/master/C24745850_N26261658_L20_D0_I23657358.html
Hermann Grote antwortete am 2009/01/13 20:30:
Das Forschungsprojekt
Das Landesmuseum Hannover, das Münzkabinett der Deutschen Bank und die Universität Hannover (Analytische Chemie und Ingenieurwissenschaften) führen dazu ein interdisziplinäres, international viel beachtetes Forschungsprojekt durch.http://www.urgeschichte.de/muenzen/forschung1.htm
Internationale Resonanz (Beispiele):
Wien:
www.oenb.at/en/img/abstracts_of_the_icomon_meeting_tcm16-66644.pdf
Potsdam:
www.mineralogie.uni-wuerzburg.de/archaeometrie/Potsdam_Programm.pdf
Dresden:
www.icpms2008.de/pdf/Programm_flyer.pdf
Lübeck:
http://www.hl-live.de/aktuell/text.php?id=38826
Gedruckte Zwischenberichte, z. B. Schweizer Münzblätter:
www.numisuisse.ch/downloads/SM-Inhaltsverzeichnis_2003-2007.pdf
Eligius antwortete am 2009/01/14 10:47:
Ein offener Brief aus Italien
Lucia Travaini, Professorin für Numismatik des Mittelalters und der Neuzeit in Mailand und Rom schrieb am 23. Dezember 2008 an Ministerpräsident Wulff und Oberbürgermeister Weil.UNIVERSITÀ DEGLI STUDI DI MILANO
FACOLTA’DI LETTERE E FILOSOFIA
DIPARTIMENTO DI SCIENZE DELL’ANTICHITA
CATTEDRA DI NUMISMATICA MEDIEVALE E MODERNA
PROF. LUCIA TRAVAINI
To Stephan Weil
Landeshauptstadt Hannover
Oberbürgermeister
Rathaus
Trammplatz 2
30159 Hannover
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
as a numismatist I have been working for many years on medieval and modern European coins, I worked in Cambridge and Italy, and collaborated with museum collections in various countries: the role of local collections of high standard is crucial both for our research and for the link that each regional collection may have to the regional history and its past for future generations. The recent news about a plan to sell and disperse via a private dealer the coin collection of the Niedersächsisches Münzkabinitt, Hannover, has come as a real shock to me: this collection in fact is very important and also it has generated much research and publications of great value, thanks to the excellent activity of Dr. Reiner Cunz.
I sincerely hope that the plan of the Deutsche Bank to sell ist may be reconsidered. Even if a State needs money it is not always good to sell one#s historic values: I remember that when the Mussolini government in 1939 wanted metal, the curator of coins in Rome Museum was asked to set aside coin duplicates that could be melted; the wooden boxes full of such coins were never delivered but were discovered in the 1970s hidden in a cellar in the Museum: a German scholar and her equipe started to study them discoverin how relevant they were because they came from local excavations and were witness to the coin circulations in Rome. However different the situation and conditions, the sale of the Niedersächsisches collection would be a loss for the knowledge and belonging of local heritage.
With my best regards,
Prof. Dr. Lucia Travaini
Milan, 23.12.2008
http://www.luciatravaini.it/
KlausGraf antwortete am 2009/01/31 10:44:
Feedback aus Polen
http://www.allegro.pl/phorum/read.php?f=274&i=138024&t=138024
Hermann Grote antwortete am 2009/02/02 14:26:
Weitere internationale Resonanz
Numismatics and Archaeology News and Discussion on Ancient Numismatics, Classical Archaeology, and Cultural Property Issues
http://coinarchaeology.blogspot.com/2009/01/disaster-in-germany-royal-collection-of.html
Dagobert Duck antwortete am 2009/02/21 19:59:
Weitere offene Briefe
Klose, D.: Offener Brief zur Situation des ehemals königlichen Münzkabinetts zu Hannover, in: Geldgeschichtliche Nachrichten 45, 2009, S. 12.