Schriftgutverwaltender Archivierender (Gast) meinte am 2009/11/27 22:00:
Und was ist mit den Berufsanfängern?
Dietmar Bartz hat in seinem wunderbaren Beitrag vielleicht schon alles gesagt, was zu dem Thema zu sagen ist, dennoch wundert es mich, dass sich nicht mehr Kommentatoren zu diesem Eintrag finden. Ich (und damit zahlreiche andere Kollegen in einem größeren deutschen Archiv) kenne auch mindestens einen traurigen Fall im Kollegenkreis, jemanden, der weit von dem Verdacht entfernt war, ein Refugium im stillen Kämmerlein gesucht zu haben. Betrifft das Problem wirklich nur die Archivare, die schon seit Jahrzehnten im Beruf stehen? Wer redet eigentlich von den Marburger und Potsdamer Absolventen, die mehr oder weniger hoch motiviert ihre neue Stelle antreten, den Kopf randvoll mit neuen Ideen und voller Elan - und dann erkennen müssen, mit welch verhaltensauffälligen (-gestörten) Persönlichkeiten sie umgeben werden oder schlimmer noch, ihnen vorgesetzt werden? Eben jenen Menschen, die es sich bequem gemacht haben in ihrem Refugium, Menschen, die das tradierte Berufsbild gegen jegliche Neuerung verteidigen zu müssen glauben (inklusive Kleidung und Körperhygiene), die sich überrannt fühlen von jenen Leuten, die einen anderen Umgang miteinander pflegen, andere Möglichkeiten des Informationsaustauschs und des kollegialen Miteinanders nutzen als den klassischen Aktenvermerk, die im Studium auf die Tätigkeit in einem modernen "Archiv im Informationszeitalter" vorbereitet werden, das in dieser Form in manchen Fällen erst im Entstehen begriffen ist? Wie mag es wohl Berufsstartern gehen, deren erste Arbeitsaufgabe es ist, seitenlange Geschäftsordnungen zu studieren, die mit festzementierten Hierarchien konfrontiert werden, welche ihren Niederschlag finden in Geschäftsverteilungsplänen, in denen nur alle paar Jahre ein Name ausgetauscht wird, wenn jemand in Pension geschickt wurde? Leider - oder zum Glück - fällt es denen noch leicht, sich nach etwas Neuem umzusehen. Eine Mentalitätsgeschichte des Archivarsberufs - speziell des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts - welch interessante Aufgabe.