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Sicher ist er kein Stück meisterhafter Weltliteratur und wird auch nicht von Martin Walser besprochen, aber Timo Baders historischer Roman Im Bann der Staufer ist eine charmante Geschichtsklitterung mit viel Schwäbisch Gmünder Lokalkolorit. Der 29jährige Lehrer am Gmünder Scheffold-Gymnasium, der sich in der Fantasy-Roman-Szene bereits einen Namen gemacht hat, ist mit seinem ersten historischen Roman recht erfolgreich. Anfang Juli waren bereits 2000 Exemplare von der im Einhorn-Verlag erschienenen Historien-Schwarte abgesetzt. Kein Wunder, grassiert doch anlässlich des Gmünder Stadtjubiläums 2012 (1162 wurden erstmals Gmünder Bürger erwähnt) die Stauferitis. Das Freilicht-Schauspiel Staufersaga fasziniert in diesem Sommer die Bürgerinnen und Bürger meiner Heimatstadt.

Wenige Textproben gibt es unter:
http://im-bann-der-staufer.blogspot.de/

Bader verknüpft die spannende Geschichte des Stauferkaisers Friedrich II. mit dem nicht weniger spannenden Schicksal einer erfundenen Figur, des aus Gmünd gebürtigen Kaspar, der zunächst unter die Räuber gerät und Lehrling des Johanniskirchen-Baumeisters Johannes wird. Dass Kaspar und seine Frau Agnes (S. 406) als Parler vorgestellt werden, also als Ahnen des Baumeistergeschlechts (Heinrich Parler kam im 14. Jahrhundert aus Köln nach Gmünd!), mag den den Geschichtskenner irritieren. Auch sonst gibt es sicher öfter einen Anachronismus-Alarm als mir aufgefallen ist. Ich las das Buch am Baggersee und konnte keinen Faktencheck mit Internet und Stauferstammtafel vornehmen. Natürlich war Konradin der Enkel und nicht der Sohn von Friedrich II. (S. 408), den "Pulverturm" (S. 262 u.ö.) konnte es vor der Erfindung des Schiesspulvers natürlich nicht geben (wir wissen nicht, wie der Turm in der Stauferzeit hieß) und auch nicht die "Untere Apotheke" (S. 308). Die Dominikaner waren damals noch nicht in Gmünd ansässig, gemeint ist das Dominikanerinnenkloster Gotteszell außerhalb der Mauern (S. 403). Aber wer nicht sehr historisch firm ist, wird sich davon nicht stören lassen. Manchmal knirscht es etwas, wenn historisches Wissen allzu lehrerhaft eingespeist wird: In der Stauferzeit wusste man nichts mehr vom Limes und hätte auch nicht vom "Kastellbad" gesprochen (S. 398). Bader lässt Otto IV. weiterleben, was legitime dichterische Freiheit ist, aber dass er Kaspar die Worte "In der Schrift Narratio de morte Ottonis IV. imperatoris beschrieb ein Augenzeuge sein Ableben" in den Mund legt (S. 422), ist schwerlich sehr geschickt.

Das sind aber vereinzelte Schnitzer. Dass ich, fast immer dem Genre des modernen historischen Romans abgeneigt, Baders Buch milder beurteile, liegt an den vielen Gmünder lokalgeschichtlichen Details. Dass zwei Arbeiten von mir (Der Ring der Herzogin, 1987 und Kleine Beiträge zum historischen Erzählen in Schwäbisch Gmünd, 1991) im Literaturverzeichnis eines historischen Romans auftauchen, ist eine neue Erfahrung für mich. Verwertet wurde zudem die von Caesarius von Heisterbach berichtete Himmelserscheinung bei der Johanniskirche 1225, auf die ich 1979 hingewiesen hatte. Bader baut sie als vorgetäuscht in die Handlung ein (S. 221, 232, 236).

Mehrfach wird die Gmünder Ringsage erwähnt (auch der Schwindelstein und die Klosterneuburger Schleiersage, doch ohne Nennung von Klosterneuburg S. 377), einmal auch die Baumeistersage der Johanniskirche (S. 290, siehe Graf, Kleine Beiträge), die "Etzelburg" (S. 397, siehe Graf, Kleine Beiträge), und natürlich darf auch "Gaudia mundi" nicht fehlen (S. 171). Gmünd erscheint - anachronistisch (siehe unten) - als Gold- und Silberstadt (S. 48). Sogar Briegel gibt es (S. 228). An Bauten notierte ich mir: mehrfach die Grät (deren Name aber von gradus, Stufen, kommt, und nicht von Geräte, S. 202), den (von der jüngeren Forschung vermuteten) Herrenhof an der Johanniskirche (S. 138), die jüdische Mikweh (S. 355), der Nepperstein = St. Salvator (S. 367). Man stößt auch auf eine prophetische Anspielung auf den "Gmünder Einhorn-Tunnel" (S. 434). Nach Bader gab es aber schon der Stauferzeit ein "verstecktes Netz aus Tunneln und Stollen" im Gmünder Untergrund (S. 205).

Insgesamt: Timo Bader liefert leicht konsumierbares neues Futter für den "Mythos Staufer", wobei er beileibe nicht der erste ist, der Schwäbisch Gmünd zum Schauplatz eines in der Stauferzeit spielenden historischen Romans macht. Den bisherigen Forschungsstand - niedergelegt in meinem Aufsatz zur Goldschmiedtradition 1984 - kann ich heute nicht unwesentlich erweitern. Ich erwähnte dort außer der Ringsage-Bearbeitung durch Luise Pichler (Der Ring der Herzogin, 1861)
[4. Auflage 1889 online:
http://www.ub.uni-koeln.de/cdm/ref/collection/mono19/id/28529 ]
auch den Roman "Hohenstaufen. Ein Spiegeldbild deutscher Kaisertreue aus Schwabens Geschichte" (1925) von Hugo Waldeyer-Hartz, "in dem der preußisch-national gesinnte Autor, Spezialist für breit angelegte Historiengemälde, den Endkampf der Staufer in Schwaben mit der römischen Kurie behandelt. Einer der Schauplätze des Romans, dessen Kulturkampf-Hintergrund man unschwer ausmacht, ist Schwäbisch Gmünd, Stätte adliger Turniere (S. 56 ff.)"

Eine Probeseite aus "Hohenstaufen":
http://www.flickr.com/photos/34028941@N00/7719696746/in/photostream

Ab 1. Januar 2013 kann dieser Text in der EU problemlos online gestellt werden, da der Autor dann 70 Jahre tot ist.

[Digitalisat:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hohenstaufen_(Waldeyer-Hartz).pdf ]

Gmünder Lokalkolorit weist auch der 1948 erschienene Roman über Walther von der Vogelweide "Singen und Sagen. Roman des Minnesangs" von Luise George Bachmann auf. Herr Walther logiert - wieder anachronistisch - in einem der "Stadthäuser des Rechbergs in Schwäbisch-Gmünd" (S. 335). Es kommen auch die Johanniskirche (S. 341) und bis zum Kapitelsende (S. 346) weitere Gmünder Örtlichkeiten und Familiennamen vor.

Interessanter freilich erscheint mir meine neueste Trouvaille, "Ludwig und Edeltrudis" (1858, die angekündigten Fortsetzungen erschienen nicht) von dem aus Gmünd gebürtigen katholischen Geistlichen und Schriftsteller Franz Joseph Holzwarth. Das Buch ist online beim Münchner Digitalisierungszentrum oder bei Google:

http://books.google.de/books?id=T5k6AAAAcAAJ

Schwäbisch Gmünd ist sehr lange Schauplatz in dem fromm gesinnten Werk (S. 169-256). Auch hier begegnet man der Ringsage (S. 170) und der Baumeistersage (S. 204) der Johanniskirche. Erwähnt wird auch die Christental-Überlieferung. Es kommen die Gmünder Goldschmiede vor (S. 184ff.), der Turniergraben (S. 207) und der St. Salvator (S. 218). Die Johanniskirche wird liebevoll beschrieben (S. 203).

"Mit fleißiger Treue und mit Verständniß des Zeitalters sind die Beschreibungen ausgeführt, und Sittenzüge, wie die der Verlobung, der Ritterseste fanden unverkümmerten Raum in der Darstellung; als das lebensvollste Bild in dieser Hinsicht und gleichsam der erste Sammelpunkt der bewegenden Kräfte erscheint die festliche Kirchenweihe und das Waffenspiel der schwäbischen Ritterschaft in der Goldschmiedestadt zu Gmünd", lobte der Rezensent der katholischen Historisch-politischen Blätter. Aus meiner Sicht liest sich Timo Bader 2012 aber wesentlich flotter als der recht hölzerne Holzwarth 1858, aber das mag der geneigte Leser und die geneigte Leserin selbst entscheiden!

Update Juni 2015: Louise Pichler, Autorin der Erzählung "Der Ring der Herzogin", baute Gmünd am Rande in die Handlung ihres umfangreichen Romans "Friedrich von Hohenstaufen der Einäugige" (Bd. 1, 1853) ein. Wasser aus der Salvatorquelle soll die Herzogin heilen (S. 201ff.). Erwähnt werden auch die "kunstreichen Meister[] zu Gmünd" (S. 162).

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/context/bsb10116303_00001.html?context=gm%C3%BCnd&action=Finden!&contextSort=score%2Cdescending&contextRows=10&contextType=scan

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