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Ausgangspunkt der Open-Access-Bewegung [1] war sicher die dramatische Finanzkrise der Bibliotheken angesichts der Mond-Preise wichtiger naturwissenschaftlicher Fachzeitschriften. Es kommt vor, dass man für eine führende Zeitschrift den Gegenwert eines Mittelklassewagens berappen muss.
http://www.library.ucsf.edu/research/scholcomm/stickershock.html

Natürlich reduzieren hohe Kosten für naturwissenschaftliche Zeitschriften auch den Monographienankaufetat geisteswissenschaftlicher Fächer.

Wer wissenschaftlich arbeitet, sieht sich einer Informationsexplosion gegenüber, die nach neuen Wegen des wissenschaftlichen Publizierens verlangt. Selbst bestens dotierte amerikanische Eliteuniversitäten können ihren Wissenschaftlern nicht alle relevanten Fachzeitschriften zur Verfügung stellen. Wissen sollte überall auf der Welt ohne finanzielle Barrieren greifbar sein, aber die Verbreitung über den Buchhandel und kostenpflichtige E-Journals schaffen eine Mehrklassengesellschaft. In der obersten Klasse befinden sich Bibliotheken wie die von Harvard, die ihren Nutzern viele hochpreisige Datenbanken ermöglichen [2]. Große deutsche Universitätsbibliotheken befinden sich in der Mittelklasse. Beispielsweise ist der Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau wie vielen anderen vergleichbaren Bibliotheken das kooperative deutsche Zeitschriftendigitalisierungsprojekt DigiZeitschriften schlicht und einfach zu teuer. Freiburg leistet sich lieber JSTOR, für MUSE ist dagegen kein Geld da. Am unteren Rand der Klassengesellschaft befinden sich viele Bibliotheken in Ländern der Dritten Welt, die sich teure Datenbanken und Zeitschriften-Abonnements nicht leisten können.

Die Zunahme wissenschaftlichen Wissens ist aber so dramatisch, dass es auch Versorgungsprobleme gäbe, wenn die gedruckten Zeitschriften kostenlos den Bibliotheken zur Verfügung gestellt würden.

Es gibt also nicht nur finanzielle Gründe für Open Access (OA).

Abgesehen davon, dass OA-Zeitschriften kostengünstiger, schneller und mit Multimedia-Beilagen - also z.B. besser illustriert - publiziert werden können, erscheinen mir die folgenden Punkte hervorhebenswert.

1. OA verhilft - insbesondere entlegenen - Publikationen zu mehr Aufmerksamkeit.

Ein gehaltvoller Beitrag in einer wenig bekannten Fachzeitschrift oder lokalen Festschrift wird als OA-Publikation erheblich besser wahrgenommen als in gedruckter Form. Es ist nachgewiesen, dass OA-Publikationen einen ausgezeichneten Impact-Faktor aufweisen. Für den OA-Vorkämpfer Steve Harnad ist das Impact-Argument das wichtigste Argument für OA.

2. OA kann Disparitäten bei der Erwerbungspolitik von Bibliotheken ausgleichen.

Da ist etwa der Filter des Fachreferenten: Zeitschriften, die dieser nicht für wichtig hält, werden nicht angeschafft. In US-Bibliotheken haben natürlich fremdsprachige Publikationen einen schwereren Stand als englischsprachige.

Sodann ist da der Wettkampf der Disziplinen um den Bibliotheksetat, der etwa zu Verzerrungen zugunsten einflußreicher Fachbereiche führen kann. Wer die bessere Lobby hat, kann kleinere Fächer mit Zeitschriften- und Bücher-Brosamen abspeisen.

3. OA fördert den Pluralismus

Via OA können auch Publikationen wahrgenommen werden, die unkonventionelle Sichtweisen bieten und ein Gegengewicht gegen den "Mainstream" bilden. Gern wird darauf verwiesen, dass OA mit "Peer Review" und Qualitätskontrolle vereinbar ist. Peer Review ist aber nicht alles, es müssen auch abweichende Meinungen zu Wort kommen und dürfen nicht dem Konservativismus von Gutachtern zum Opfer fallen.

4. OA-Volltexte unterstützen die Internationalisierung der Wissenschaft

Für die Geisteswissenschaften steht außer Frage, dass die nationalsprachlichen Texte nach wie vor dominieren. Liegt ein fremdsprachiger Text online frei zugänglich vor, so steigen seine Chancen wahrgenommen zu werden, auch wenn er kein englischsprachiges Abstract besitzt. Zitiert er Fachbeträge in westlicher Schrift, kann er über eine Volltextsuche (in der Art von Google Scholar) gefunden werden (Demonstration).

So wenig maschinelle Übersetzungen (Babelfish oder andere) Bedeutungsnuancen wiedergeben können und so dürftig ihre Qualität auch erscheinen mag - ein frei zugänglicher Volltext kann, sofern für die entsprechende Sprache ein Angebot existiert, auf diese Weise wenigstens grob verstanden werden:
http://archiv.twoday.net/stories/241320/

Wer käme auf die Idee, eine russischsprachige Fachzeitschrift auf Verdacht zu sichten?

OA gibt den viel zu wenig beachteten Wissenschaftlern etwa in Osteuropa die Chance, ihre Beiträge weltweit zur Kenntnis zu bringen. Es wäre natürlich günstig, eine westliche Sprache für den Text zu wählen oder eine Übersetzung beizugeben. Liegt der Fachbeitrag in einer Creative-Commons-Lizenz vor, die Bearbeitungen erlaubt, so kann er ohne weiteres von einem sprachkundigen Dritten übersetzt und etwa in einen Dokumentenserver eingestellt werden.

5. OA-Volltexte ermöglichen das Auffinden von Fachliteratur unabhängig von Metadaten

In Volltexten kann auch gefunden werden, was nicht im Titel des Beitrags steht, was man nicht darin vermutet. Daher ist es auch wichtig, Volltextsuchen in der OA-Community mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Wir brauchen nicht nur OAI-Harvester für Metadaten, sondern auch wissenschaftliche Volltextsuchmaschinen in der Art von Bielefelds BASE
http://base.ub.uni-bielefeld.de/index_english.html

6. OA-Publikationen partizipieren an den allgemeinen Vorteilen digitaler Publikationen

Was digital und frei zugänglich online vorliegt, muss nicht gelagert oder aus dem Magazin geholt werden. Es ist rund um die Uhr einsehbar und nicht nur zu den knapp bemessenen Öffnungszeiten. Behinderte können sich die Welt auf den Bildschirm holen und müssen sich nicht im Rollstuhl in die Bibliothek quälen. Digitale Texte können leicht kopiert und zur Grundlage neuer Texte genommen werden (was natürlich kein Freibrief für unwissenschaftliche Plagiate sein darf).

7. OA-Publikationen partizipieren an den allgemeinen Vorteilen freier Inhalte

Ein ganz wichtiger Punkt! Da OA mehr bedeutet als nur "Free Access" (kostenfreier Zugang), sondern sich auch den nicht durch urheberrechtliche Lizenzbarrieren (permission barriers in der Terminologie von Peter Suber) behinderten Inhalten verschrieben hat, bestehen gemeinsame Ziele der OA-Bewegung mit den zahlreichen Initiativen, die sich um Open Content, um freie Inhalte bemühen. Die Sichworte "Creative Commons" und "Wikipedia" mögen genügen.

OA-Publikationen richten sich damit prinzipiell nicht nur an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch an Bürgerinnen und Bürger, die sich für Wissenschaft interessieren oder in wissenschaftlichen Publikationen Rat und Hilfe suchen. Nicht zu vergessen die Wissenschaftsjournalisten, die in OA-Publikationen Primärtexte finden, oder die Praktiker, denen OA-Beiträge oder OA-Daten Problemlösungen bieten.

OA ist daher das beste "Schaufenster der Wissenschaft". Gerade im geisteswissenschaftlichen Bereich bestehen häufig keine großen Verständnisbarrieren. Verständlich geschrieben wissenschaftliche Texte können für die Wissenschaft (und insbesondere die Geisteswissenschaften) werben. Der Filter des Wissenschaftsjournalismus, der auswählt, was für die Allgemeinheit von Interesse ist, entfällt, wenn wissenschaftliche Primärliteratur im Netz verfügbar ist.

[1] Einen guten Überblick gibt jetzt C. W. Bailey
http://www.digital-scholarship.com/cwb/OALibraries2.pdf
[2] Zum Unterschied in den Möglichkeiten der Datenbanknutzung an Universitäten der USA siehe aktuell
http://www.library.gsu.edu/news/index.asp?view=details&ID=8367&typeID=62

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