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Ich bin nach Sichtung der Presse überzeugt, dass Guttenbergs Rücktritt nicht lange auf sich warten lassen wird.

Die Kommentare der führenden Print- und Online-Medien fallen überwiegend zu Ungunsten des Ministers aus. Auch derjenige Teil des Volks, der Online-Medien aufsucht, scheint sich von dem einstigen Publikums-Liebling abzuwenden.

Angenommen Karl-Theodor zu Guttenberg müsste seinen Doktortitel abgeben. Sollte er dann auch zurücktreten?
WELT 2695 Stimmen http://goo.gl/jZWz4
Ja 59 Prozent

Hat Guttenberg durch die Plagiatsvorwürfe seine Glaubwürdigkeit verspielt?
Spiegel Online 4335 Stimmen http://goo.gl/jAnBE
Ja 71,40 Prozent

Die Plagiatsexperten sehen keinen minderschweren Fall:
Rieble, siehe http://archiv.twoday.net/stories/14639584/
Weber, siehe http://goo.gl/4r9eh = hna.de

Noch gehen die Parteifreunde nicht offen auf Distanz, und die Opposition ist natürlich froh darüber, was ihr da in den Schoß fiel.

Guttenberg ist in Erklärungsnot, er hat einen für heute geplanten öffentlichen Auftritt abgesagt. Weiter Leugnen scheint angesichts der erdrückenden Beweislage kaum möglich.

Hat Guttenberg einen Ghostwriter beschäftigt, wäre dies ein politischer GAU. Dass der Hochbegabte mit eigener Hand geschummelt hat, erscheint vielen weniger vorstellbar als dass ein vielbeschäftigter Politiker sich für die Pflichtübung fremden Beistand geholt hat.

Bereits jetzt ist klar: Guttenberg hat den Straftatbestand des § 106 UrhG verwirklicht, denn er hat in nennenswertem Ausmaß fremdes geistiges Eigentum ohne Zustimmung des wahren Urhebers und ohne dass ihm das Zitatrecht des § 51 UrhG zu Hilfe kommt vervielfältigt. Strafverfolgung braucht er allerdings nicht zu fürchten, die urheberrechtlichen Vorschriften stehen in solchen Fällen nur auf dem Papier. Bereits jetzt könnte aber jeder der betroffenen Urheber, ohne irgendeine Entscheidung aus Bayreuth abzuwarten, mittels einstweiliger Verfügung den Verkauf des Guttenberg-Werks durch den Verlag Duncker & Humblot stoppen lassen. Plagiatsjäger Weber will, dass die Exemplare auch aus den Bibliotheken entfernt werden, das ist natürlich völlig überzogen.

Ob Ghostwriter oder eigenes Versagen: Nach den Maßstäben der Rechtsprechung muss Guttenberg der Titel entzogen werden.

http://lrbw.juris.de/cgi-bin/laender_rechtsprechung/document.py?Gericht=bw&nr=10871

[ http://goo.gl/On4u2 PromO Bayreuth, PDF]

Ombudsmänner und universitäre Kommission haben in der Vergangenheit allzu oft unangemessen milde über wissenschaftliches Fehlverhalten geurteilt. Es ist allerdings fraglich, ob sich Guttenberg auf diese Kumpanei verlassen kann, denn der öffentliche Druck wird einen unbedachten Persilschein in diesem Fall eher nicht hinnehmen. Und für einen solchen Persilschein sind die zutage getretenen Entlehnungen einschließlich der ganz und gar unentschuldbaren Übernahme am Anfang der Einleitung denn doch zu gravierend.

Guttenberg muss wissen, dass in Bayreuth eine Zeitbombe tickt und die öffentliche Meinung nicht für ihn arbeitet. Ihm bleibt vernünftigerweise nur die Flucht nach vorn. Guttenberg ist nicht Käßmann, aber das Verhalten der Theologin - eine Alkoholfahrt, bei der niemand geschädigt wurde, während Guttenberg in die moralischen und urheberrechtlichen Rechte anderer Autorinnen und Autoren eingegriffen hat - könnte ein Vorbild sein.

Guttenberg bleibt nur die rückhaltlose Aufklärung in eigener Sache. Diesmal kann er niemand stellvertretend feuern. Er muss sagen, ob es einen Ghostwriter gab und wie sich die Plagiate erklären. Er muss sich entschuldigen, die Fakultät in Bayreuth darum bitten, den Titel zu entziehen. Glaubwürdigkeit war sein politisches Kapital, nach einem so gravierenden Fehlverhalten wird er als Verteidigungsminister ebenso wenig haltbar sein wie Käßmann als Ratsvorsitzende. Nach einem Rücktritt und einer Pause als Privatmann kann der Politiker Guttenberg, der ja unbestritten ein großes politisches Talent ist (auch wenn ich persönlich nicht zu seinen Sympathisanten zähle), vielleicht auf ein Comeback hoffen.

Beschädigt ist aber nicht nur der populärste deutsche Politiker, beschädigt ist auch die Wissenschaft. Es ist ja schon anrüchig, für eine auch unabhängig von den Plagiatvorwürfen von Fischer-Lescano als substanzlos beurteilte Arbeit http://linksunten.indymedia.org/de/node/34007 die Spitzenbewertung Summa cum laude zu vergeben. Doktorvater und Betreuer der Arbeit wollten diese Schwächen wohl nur zu gern übersehen. Aber die Bewertung einer Dissertation ist keine Unterhaltungsveranstaltung, bei dem der Doktorand mit Promi-Bonus punkten kann.

Ist es wirklich vorstellbar, dass der verdiente Verfassungsrechtler Häberle (Jg. 1934) sich von seinem Star-Doktoranden eine Datei der Arbeit geben lässt, um dann mit eigener Hand oder durch einen Assistenten die dreiste Schummelei mit Google, Google Book Search oder meinetwegen auch einer Plagiatssoftware aufzudecken? Nein. Solange Professoren und Professorinnen an den Hochschulen das Sagen haben, die nicht richtig im Internet angekommen sind (und das ist keine Frage des Alters!), werden solche Skandale immer wieder aufgedeckt werden.

Es ist dringend vorzusehen, dass jede Dissertation auf dem Hochschulschriftenserver Open Access zu veröffentlichen ist. Schon das Wissen, dass jeder dann nach unerlaubten Entlehnungen fahnden kann, kann abschreckende Wirkung entfalten. Ein edles überteuertes (88 Euro!) Verlagsprodukt von Duncker & Humblot, das sich auf die universitäre Bewertung verlässt, ist da wesentlich weniger gefährlich.

Da es nun einmal die Möglichkeit gibt, Plagiate mittels moderner Technologie aufzuspüren und diese mit ein wenig Übung von jedem Wissenschaftler praktiziert werden kann, gibt es keine Entschuldigung, wenn Gutachter von Dissertationen und anderen Abschlussarbeiten, aber auch Peer-Review-Gutachter auf diese Kontrolle verzichten. Guttenbergs Gutachter tragen für mich eine Mitschuld!

Siehe auch

http://archiv.twoday.net/search?q=guttenberg
http://archiv.twoday.net/search?q=plagi

Stefan Kesy im Guttenplag-Wiki
ladislaus (Gast) meinte am 2011/02/17 22:16:
Ich stimme völlig zu. Zum deutschen Wissenschaftsbetrieb, der hier blamiert wurde ("Professoren und Professorinnen, die nicht richtig im Internet angekommen sind"), kommt aber noch eine Gruppe: die deutsche Presse (und natürlich auch die Blogospähre). Da liegt seit 2 Jahren eine Topstory in den Bibliotheken bereit, und niemand hat sich die Mühe gemacht, das Buch auszuleihen und fünf Minuten zu googeln. So wie in Deutschlands Medien anscheinend überhaupt keine Fakten mehr gecheckt werden, werden auch grundlegende Standard-Recherchen offensichtlich nicht mehr durchgeführt. Da promoviert der Superstar unter den Politikern, und niemand schaut sich die Dissertation an, weder in den öffentlich-rechtlichen noch den sonstigen "Qualitätsmedien". Das ist doch einfach nur traurig. 
KlausGraf antwortete am 2011/02/17 22:24:
Absolut richtig
Dr_B (Gast) antwortete am 2011/02/18 01:14:
Familienministerin
Wir sollten bei Gelegenheit mal die Dissertation der Familienministerin checken... 
Abschreiber (Gast) antwortete am 2011/02/18 01:27:
Ist der Abschreiber jetzt abgeschrieben?
http://tinyurl.com/Googlenberg 
FrüheNeuzeit (Gast) meinte am 2011/02/17 22:20:
Ja. Das ist gut so.
Schaut man sich die aktuelle Übersicht unter

http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate

an, die inzwischen Plagiate auf über 50 Seiten der Dissertation nachweist und ganz sicher weitere ermittelt, dann muss man davon ausgehen, dass Guttenberg das politisch nicht überleben wird. Wissenschaftlich ist er bei dieser Nachweislage eh lange erledigt. Dass es sich hier um das "Werk" eines Ghostcopiers handelt, steht m.E. nach Sichtung der Quellenlage ausser Zweifel.

Interessant wird sein, welche Konsequenzen das für den Wissenschaftsbetrieb haben wird. Es könnte tatsächlich den Durchbruch zu OA bedeuten. 
ladislaus (Gast) antwortete am 2011/02/17 22:30:
Ach was, Rieble und Reuß mitsamt FAZ werden es schon wieder so hindrehen, dass das alles nur durch das böse, böse Internet passieren konnte, das man schnellstmöglich abschalten sollte. (Man könnte da auf die schöne Veschwörungstheorie kommen, dass vielleicht die Dissertationen der Damen und Herren dieser Generation selbst einige Zeitbomben enthalten und daher Google Books etc. auf Teufel komm raus verhindert werden muss...) 
A.S. (Gast) meinte am 2011/02/17 23:36:
Zustimmung
Dieser Analyse und den daraus folgenden Einschätzungen kann man nur zustimmen. Vor allem die allgemeine Zugänglichkeit von Qualifikationsschriften ist eine wichtige und richtige Forderung. 
FrüheNeuzeit (Gast) meinte am 2011/02/18 11:46:
n-tv: Erklärung des Ministers
Guttenberg erklärte gerade im Verteidigungsministerium, dass er bis zum Abschluss der Prüfung des Vorfalls durch die Uni Bayreuth seinen Doktortitel nicht mehr führen werde. Inhaltlich bestreitet er die Vorwürfe weiterhin und erklärte, im Amt zu bleiben.

Interessant. Läßt er sich nun einen neuen Personalausweis ausstellen? Erhält er eine neue Bundeswehruniform? Liest er in den nächsten Wochen mal seine eigene Arbeit?

Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. 
vom hofe antwortete am 2011/02/18 11:58:
Bagatelldelikte führen zur Kündigung
Emmely musste bis vor das Bundesarbeitsgericht ziehen. Cent-Beträge reichten um vorerst ihren arbeitsrechtlichen Lebenslauf zu ruinieren. Täuschungen über Qualifikationen bleiben sanktionslos. Das deutsche Volk müsste ihm kündigen, fristlos gemäss Paragraf 626 BGB und zwar aus 2 Gründen: a) weil er das Volk täuscht und b) weil so blöd ist, sich erwischen zu lassen.

Vierprinzen 
FeliNo (Gast) meinte am 2011/02/19 22:29:
Stimme dem Kommentar von Klaus Graf ebenfalls zu. Was eine Rolle spielen könnte, ist die - formell gegebene - Möglichkeit, an jeder Universität dieses Landes eine wissenschaftliche Arbeit zur Promotion einzureichen, sofern die Hochschulvoraussetzungen des Verfassers gegeben sind. Das heißt indes nicht, dass die "klassische" Betreuung durch einen Doktorvater aufgehoben ist, vielmehr entstehen die meisten Dissertationen auf diesem gleichsam im Entstehen kontrollierten Weg.

Die Causa mit einem prominenten "schwarzen Schaf" setzt indes nicht nur die vielen unbekannten und ihrem Thema verpflichteten Doktoranden ins Zwielicht, sondern erweckt auch Generalzweifel an der Professorenschaft. Ich hielte es für gut, wenn man sich nun nicht nur auf die schwarzen Schafe stürzte, sondern auch verdeutlichte, worin die in ein Forschungsfeld eingebundene wissenschaftlichen Betreuung tatsächlich besteht. Da sollten Professoren gern mehr Mut zeigen, sich öffentlich vor ihren sorgsam betreuten Nachwuchs zu stellen, und nicht zulassen, dass dieser wegen einiger Karrieristen unter Titelzwang oder anderer Gefälligkeiten in Misskredit gerät. 
 

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