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Gottfried Wilhelm Leibniz, Ladislaus Sunthaim und die süddeutsche Welfen-Historiographie

Von Klaus Graf

Vortrag auf dem Kolloquium der Herzog August Bibliothek "Leibniz als Sammler und Herausgeber historischer Quellen" am 9.10.2007
http://archiv.twoday.net/stories/4182472/

Gottfried Wilhelm Leibniz war nicht wirklich an Ladislaus Sunthaim interessiert. Im ersten Band der "Scriptores rerum Brunsvicensium" von 1707 druckte er im Anschluß an die Weingartener Welfenquellen, also vor allem das "Chronicon Weingartensis Monachi de Guelfis Principibus" (heute bekannt als "Historia Welforum"), auf sechs Seiten als Nr. 58 die 1511 datierte genealogische Ausarbeitung des aus Ravensburg gebürtigen Wiener Kanonikers. In der Einleitung spendierte Leibniz dem Text genau einen Satz, aus dem man nicht mehr als Name (Ladislaus Sundheimius), Amt ("Canonici apud Viennam Austriae") und Geburtsort ("ex Ravensburgio, patrimoniali Guelforum opido") des Verfassers erfährt sowie die Herkunft der Handschrift, die aus der Wiener Hofbibliothek stammte. Noch nicht einmal die Datierung der Schrift gibt Leibniz an dieser Stelle an, von der Einordnung in die genealogischen Bestrebungen Kaiser Maximilians ganz zu schweigen. Horst Eckert hat festgestellt, dass die Vorlage die Handschrift 7692 der Wiener Nationalbibliothek war (S. 121). Die Annahme liegt nahe, dass Leibniz während seines etwa neunmonatigen Wiener Aufenthalts von 1688/89, als ihm etliche Manuskripte zur Welfengeschichte zugänglich waren (Reese S. 60), den Text kopiert hat. Hinweise auf Sunthaims Arbeit in den handschriftlichen Unterlagen von Leibniz sind noch nicht bekannt geworden.

Eine nennenswerte Kommentierung ist dem Text durch Leibniz nicht zuteil geworden. Die gut 20 Anmerkungen geben lediglich Varianten von Namensformen aus dem Anonymus de Guelfis, also aus der Historia Welforum, die Leibniz im ersten Band aus einer jungen Augsburger Handschrift drucken musste. Es bleibt offen, ob Leibniz die Namensformen der Historia Welforum als Verbesserungen gegenüber Sunthaim sah oder Sunthaims Namensformen als Erläuterungen zu dem hochmittelalterlichen Text. Möglicherweise trifft beides zu. Da Sunthaim aus Ravensburg stammte und mit den Weingartener Welfenquellen offenkundig gut vertraut war, hat sich Leibniz wohl entschlossen, die Schrift abzudrucken - seine Editio princeps blieb bis heute die einzige Ausgabe von Sunthaims Welfengenealogie. Leider eine unvollständige, denn Leibniz hat den zweiten Teil des Textes, der die Welfengenealogie bis in Sunthaims eigene Zeit fortführte, einfach weggelassen, ohne dies in irgendeiner Weise anzumerken.

Es ist fraglich, ob Leibniz den Text zugleich auch als Dokument zur historischen Sammlungstätigkeit Maximilians präsentieren wollte, auf die Leibniz in der Einleitung seiner "Scriptores" kurz zurückblickt (Babin/Heuvel S. 242-245). Er erwähnt dort unter Berufung auf eine Äußerung von Johannes Stabius einen Plan Maximilians, die alten deutschen Chroniken sammeln zu lassen, und vermutete, Johannes Trithemius habe ihn dazu bewogen. Leibniz nützt die Gelegenheit, eine kurze Würdigung von Trithemius anzuschließen. Wenn dieser es dabei belassen hätte, seine bewunderungswürdigen Quellenfunde darzustellen, wäre ihm allgemeine Zustimmung sicher gewesen. Aber Trithemius habe in der Geschichte für ehrenvoll gehalten, "die Bestrebungen von Fürsten durch auf Beifall berechnete Fiktionen in die Irre zu führen. So erdichtete er Hunibald und ähnliches Zeug, führte er Genealogien weiter, als seine Forschungsergebnisse zuließen" (S. 245). Maximilian selbst habe besonders an den Genealogien Gefallen gefunden. Leibniz erwähnt dann das Dichterkolleg des Celtis und nennt dann eine Reihe humanistischer Historiker und Editoren: Neuenahr, Pirckheimer, Peutinger, Wimpfeling und Bebel. Kein Wort von Sunthaim!

Leibniz hat den Sunthaim-Text lieblos behandelt. Er hat ihn nur zur Hälfte abgedruckt und sich nicht bemüht, etwas über den Verfasser oder die Entstehungsumstände mitzuteilen. Dass es sehr wohl möglich gewesen, aus der gelehrten Literatur einige Notizen zu Sunthaim zusammenzutragen, zeigt die Einleitung zum Abdruck ausgewählter Texte von Sunthaim durch Andreas Felix Oefele 1763, die natürlich ehrfurchtsvoll auf die Ausgabe des "magnus [...] antiquitatum germanicarum Stator LEIBNITIUS" verweist (II, S. 559). Die Anmerkungen von Leibniz zeigen, dass er Sunthaims Schrift lediglich als Anhang zu den Weingartener Welfenquellen gesehen hat. Sie war für Leibniz eindeutig zu jung und zu unselbständig.

Es ist bekannt, dass die Scriptores keine mustergültige Edition auf dem höchsten um 1700 möglichen Niveau, also nach den Standards Mabillons oder der Mauriner, sind. Die Exaktheit, auf die sich der Historiker Leibniz immer wieder berief, ging unter im Trubel eines vielbeschäftigten Gelehrtenlebens. In der Überschrift der Quelleneinleitung zu den Weingartener Texten Nr. 55-58 in den Scriptores liest man "Ladislai Gundheimii, ex oppido Ravenspurg, Canonici Viennensis Familia Welphorum". Gundheimius also statt Sundheimius, und der Rezensent in den "Acta eruditorum" 1707 schrieb diesen eklatanten Druckfehler einfach ab. Bei einem Universalgenie bleiben die Details notwendigerweise auf der Strecke.

"Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit" könnte ich jetzt sagen, und wir könnten in die Kaffeepause gehen. Dies würde aber der Bedeutung Sunthaims, den ich als einen der drei Stammväter der deutschen modernen Genealogie sehe, nicht gerecht. Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob Leibniz bei sorgfältigerer Arbeitsweise hätte erkennen können, dass Sunthaim ein wichtiger Vorläufer auf dem Feld der genealogischen Forschung war und aus welchen Gründen Sunthaims genealogische Arbeiten um 1500 so innovativ waren. Die so ungleichen Persönlichkeiten von Sunthaim und Leibniz vergleichend in den Blick zu nehmen, verspricht jedenfalls aufschlußreiche Einblicke in die Formierung der wissenschaftlichen Genealogie in der frühen Neuzeit und in die Grundprobleme, mit denen alle frühneuzeitlichen dynastischen Historiker zu kämpfen hatten.

Da die Wiener Matrikel zu 1460 "Ladislaus Sunthaimer de Ravensburga" registriert, dürfte Ladislaus Sunthaim um 1445 in Ravensburg geboren worden sein. Er dürfte der Ravensburger Bürgerfamilie Sunthain entstammen. In der Heimat zum Priester geweiht, erscheint er 1473 als Kaplan einer kleinen Pfründe im Wiener Stephansdom. Zwei weitere Pfründen kamen hinzu, bevor er 1504 mit einem Kanonikat an St. Stephan materiell abgesichert wurde. Anfang 1513 ist er in Wien gestorben.

Sunthaim selbst war kein Humanist, auch wenn er enge Kontakte zu den Humanisten im Umkreis Maximilians und insbesondere zu Konrad Celtis unterhielt. Sunthaim gehörte zu den engsten Mitarbeitern bei dem Gedechtnus-Projekt Kaiser Maximilians, das man einen historisch-genealogischen Sonderforschungsbereich nennen könnte. Bevor 1505 der Freiburger Dr. Jakob Mennel auf der Bildfläche erschien, kann Sunthaim als der wissenschaftliche Leiter des Projekts gelten. Mit Ausnahme der in einer Baseler Inkunabel von 1491 vorliegenden Babenberger-Genealogie ist zeitgenössisch von seinen Schriften nichts gedruckt worden. Die meisten erhaltenen Sammelhandschriften stammen aus der Zeit um 1510, also aus den letzten Lebensjahren Sunthaims, als dieser bemüht war, die auf ausgedehnten Reisen zusammengetragene historisch-genealogische-geographische Ernte einzubringen. Beachtung gefunden hat vor allem die Landesbeschreibung Oberdeutschlands, die immer wieder mit faszinierenden Details aufwarten kann. Sie ist in einer Stuttgarter Handschrift überliefert, die ursprünglich Konrad Peutinger gehörte. Das "geographische Gesamtwerk" Sunthaims hat Karsten Uhde 1993 aus dieser und einer weiteren, heute ebenfalls in Stuttgart befindlichen Handschrift in einer fehlerhaften Transkription im Rahmen seiner Dissertation veröffentlicht. Lateinische Genealogien aus einer dieser beiden Stuttgarter Peutinger-Handschriften hatte bereits 1763 Andreas Felix Oefele zum Abdruck gebracht. Die erste Sunthaim-Edition überhaupt ist unser Leibniz-Text.

Geschichte, Geographie im Sinne einer Landesbeschreibung, und Genealogie sind bei Sunthaim eng miteinander verzahnt. In einem Brief an Matthäus Lang von 1503 kündigte Sunthaim an, falls es an Unterstützung nicht fehle, werde er sein Wissen in zwei Büchern zusammenfassen, "das ain vom adl, von kunign, furstn, herrn und ritterschaft, daz ander von landn, stettn, clostern und wassern" (Uhde S. 78).

In einem früheren Brief aus dem gleichen Jahr schreibt Sunthaim über seine genealogischen Studien voller Stolz: "ich hab 55 Markgrafen von Baden in eine rechte Ordnung gestellt, auf bitt meines gnedigen Herrn Christoff von Baden; item ich hab auch in Ordnung bracht Acht und zwainzig herren von wirtenberg" (Bauer S. 80). Er wolle noch bearbeiten die Könige von Frankreich aus vier Geschlechtern, die Könige von Neapel oder Sizilien, die Könige von Kastilien und Leon, Aragon, Portugal und viele andere Geschlechter mehr.

Um die Leistung Sunthaims als Genealoge einordnen zu können, muss man sich vor Augen halten, dass es um 1500 noch keinerlei gedruckte oder handschriftliche Stammtafelwerke gab, in denen man zu vielen Dynastien rasch etwas nachschlagen konnte. Sunthaim musste seine genealogischen Aufstellungen aus den Quellen selbst erarbeiten, also vor allem aus den Handschriften der Klöster und Stifte, die durch geeignete Realien wie Grabsteine zu ergänzen waren.

Eine detaillierte Untersuchung der Genealogien Sunthaims existiert nicht. Nur die Babenberger-Genealogie hat Fritz Eheim, der Sunthaim seine ungedruckte Wiener Dissertation widmete, minutiös auseinandergenommen. Leider ist diese Arbeit nur handschriftlich als Prüfungsarbeit am Institut für österreichische Geschichtsforschung vorhanden. Soweit die Forschung auf einzelne Genealogien Sunthaims zu sprechen kam, hat sie der profunden Quellenkenntnis des Wiener Kanonikers Respekt gezollt. Dieter Mertens konstatierte, dass in einer Aufstellung Sunthaims zur Genealogie der ersten Württemberger die genannten Namen auf Quellen und Traditionsgut aus den Klöstern Hirsau, Blaubeuren, St. Blasien und Irsee zurückgehen (ZWLG 1990, S. 42).

Am Ende des von Leibniz edierten Sunthaim-Texts steht die Verfasserangabe Sunthaims, der die Klöster aufzählt, aus denen die Angaben zusammengetragen wurden: Weingarten, Weißenau, "Puchnaw" (Reichenau?), zu St. Ulrich und Afra und zu Ebersberg bei München "und andern Klöstern und Stifftern".

Sunthaim verkörpert - um eine treffende Bezeichnung von Fritz Eheim aufzunehmen - den neuen Typ des "reisenden Historikers", der sich vor Ort in den Archiven und Bibliotheken informiert. Seine Arbeit war unendlich viel schwieriger als die von Leibniz, der zwei Jahrhunderte später seine Reisen anhand eines Bergs an gedruckter gelehrter Literatur planen konnte. Sie war aber in anderer Hinsicht auch einfacher, denn das ängstliche Vorenthalten von alten Dokumenten als Arcana aus Gründen der Staatsräson, mit dem Leibniz auf seinen Reisen immer wieder zu kämpfen hatte, gab es für die Historiker des Maximilian-Umkreises noch nicht.

Sunthaim achtete auf Realien, auf Sach- und Bildquellen, das wird immer wieder in seinen Genealogien und seiner Landesbeschreibung deutlich. Dieter Mertens spricht davon, das neuartige methodische Vorgehen Jakob Mennels, der seine Genealogien aus einer Vielzahl unterschiedlichen Quellen erarbeitet hat, sei zukunftsweisend gewesen. Er zitiert eine Aufzählung Mennels, die ich als "Quellenliste des antiquarischen Typs" bezeichnen möchte: aus "annalibus, martirologiis, seelbüchern, Sarchen, grablichen uberschrifften, stiftbüchern, testament, zedel, cronicken, matrickel, register, Rodeln, urbarbücher, kirchmuren, alt durn, statporten, wappen und figuren, müntzen, brieff und sigel unnd ander schrifften" (ZWLG 1990, S. 31). Auch andere humanistisch beeinflußten Historiker haben solche programmatischen Quellenlisten stolz präsentiert. Es gibt zwar keine solche Liste bei Sunthaim, aber in seiner Forschungspraxis wurde er dem damit formulierten Anspruch weitgehend gerecht.

Bei dem von Leibniz abgedruckten Teil von Sunthaims Welfengenealogie hatte es der Wiener Kanoniker vergleichsweise einfach, verfügte er doch mit der Historia Welforum um eine exzellente Leitquelle, die er lediglich zusammenfassen musste. Er bemühte sich, die sprachlichen Formulierungen seiner hochmittelalterlichen Vorlage nicht wortwörtlich zu übernehmen. Im Mittelpunkt der Abschnitte zu den Mitgliedern des Welfenhauses stehen die Filiationen und Eheverbindungen. Angegeben wird nach Möglichkeit immer auch der Begräbnisort, mit Jahreszahlen kann Sunthaim allerdings nur selten dienen. Vereinzelt ergänzt Sunthaim Angaben aus anderen Quellen: zu den angeblichen Welfenwappen etwa oder zu Stiftungen an Weingarten.

Um Sunthaims Werk einordnen zu können, ist ein Blick auf die süddeutsche Welfen-Historiographie am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts notwendig, die von der neueren Welfen-Forschung sträflich vernachlässigt wurde. Während die sächsischen historiographischen Zeugnisse insbesondere von Bernd Schneidmüller gewürdigt wurden, fehlt es an den quellenkundlichen Grundlagen zu den einschlägigen Texten. Ich kann daher hier nur vorläufige eigene Arbeitsergebnisse referieren.

Am Ende des 15. Jahrhunderts beobachtet man ein überaus intensives Interesse an der Geschichte und damit auch der Genealogie der bedeutendsten hochmittelalterlichen deutschen Dynastien. Bei den Staufern habe ich von einer Staufer-Renaissance gesprochen, Clemens Joos hat kürzlich analog dazu eine Zähringer-Renaissance um 1500 angenommen. Man könnte auch auf Sunthaims Babenberger-Genealogie und den Klosterneuburger Babenberger-Stammbaum verweisen, auf die auffällige Betonung der Genealogie in Botes Sachsenchronik und natürlich auf die intensiven genealogischen Studien, die Maximilian um 1500 seiner Familie, den Habsburgern angedeihen ließ.

Hinsichtlich der Welfen ist das in Süddeutschland um 1500 greifbare Interesse an ihrer Geschichte naturgemäß identisch mit der Rezeption der Historia Welforum, die man heute ja nicht mehr in Weingarten lokalisiert. Aber das Benediktinerkloster Weingarten war natürlich der Mittelpunkt der Welfen-Renaissance. Hier entstanden Abschriften der Historia Welforum, hier wurde ein deutschsprachiges Stifterbüchlein am Anfang des 16. Jahrhunderts geschaffen, das in mehreren Versionen existiert und natürlich auf die Historia Welforum zurückgreift. Der Kaplan Gallus Öhem, bekannt durch seine Chronik der Reichenau, gab der Welfengeschichte breiten Raum in seiner deutschsprachigen Reichenauer Reichschronik aus dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Er konnte sich auf eine Reichenauer Handschrift des Werks stützen, eine Abschrift des Reichenauer Codex gelangte durch die gelehrten Mönche von St. Ulrich und Afra nach Augsburg. 1509 benutzte ein um 1520 schreibender Historiograph Jakob von Mainz die Historia Welforum. In seiner deutschsprachigen "Fürstlichen Chronik" stützte sich Jakob Mennel bei der Darstellung der Welfengeschichte fast ganz auf die Historia Welforum. Mennel geht kritischer mit dem Text um als Sunthaim: Er erörtert Widersprüche und Varianten. Erwähnung verdient noch, dass seit Sunthaims Babenberger-Genealogie von 1491 eine kurze Welfengeschichte auch im Druck zugänglich war.

Als ich hier in Wolfenbüttel auf einer Tagung auf eine deutschsprachige Abhandlung "Von dem ursprung und der gepurt der swebischen fursten und sunderlich der Guelfen" in einem Sammelband des Nürnberger Weltchronisten Hartmann Schedel aufmerksam machte, war mir nicht bekannt, dass bereits Paul Joachimsohn den Text als Übersetzung aus der Historia Welforum durch die Nürnberger Chronisten Platterberger und Truchseß identifiziert hatte (²VL 11, Sp. 681f.).

Neben Sunthaims von Leibniz edierter Zusammenstellung von 1511 ist der ambitionierteste Text der süddeutschen Welfen-Historiographie die zu einem unbekannten Zeitpunkt am Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts entstandene lateinische "Summula de Guelfis". Am ausführlichsten hat sich mit ihr Carol L. Neel in ihrer Dissertation über Burchard von Ursberg beschäftigt, doch sind ihre Ergebnisse entwertet durch fragwürdige Spekulationen über die ihrer Ansicht nach erst am Ende des 15. Jahrhunderts erfolgte Interpolation der Welfenquellen in die Chronik des Burchard von Ursberg. Neel kannte eine Stuttgarter und eine Münchner Handschrift, vor kurzem identifizierte ich dank des Internet eine weitere Handschrift, Clm 22105 aus Wessobrunn, auf die man längst hätte aufmerksam werden können. Aber ebenso wie Sunthaims Welfen-Genealogie haben diese Texte aus der Zeit um 1500 bislang kaum jemanden interessiert.

Bislang nicht bemerkt wurde, dass Sunthaims Text und die Summula in einzelnen Formulierungen und Fakten, die von der gemeinsamen Vorlage, der Historia Welforum abweichen, soweit übereinstimmen, dass zwingend eine Abhängigkeit angenommen werden muss. Sunthaim muss die Summula gekannt haben, das umgekehrte Verhältnis ist nicht denkbar, da Sunthaims Text von 1511 offenkundig verbesserte genealogische Kentnisse verrät. Wie Sunthaim hat auch der Verfasser der Summula die Historia Welforum durch weitere Weingartener Quellen ergänzt. Bei Mathilde von Tuszien verweisen beide auf Cosmas von Prag.

Das Grundkonzept von Summula und Sunthaims Welfengenealogie ist identisch, allerdings enthält die Summula eine allgemeine Einleitung und einen kurzen Schlussabschnitt. Über die Bemerkung von Wilhelm Giesebrecht 1881 ist die Forschung nicht hinausgekommen: "Der Verfasser war kein Weingartner Mönch; denn er schilt die Mönche, weil sie, auf den Besitz bedacht, wohl aufgezeichnet, was sie erworben hätten und welche die Donatoren gewesen seien, aber um den genealogischen Zusammenhang derselben sich wenig gekümmert hätten. Das unbedeutende Werk, welches erst im 15. Jahrhundert entstanden ist, scheint von einem Humanisten jener Zeit herzurühren" (S. 206).

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder hat Sunthaim die Summula schamlos ausgeschrieben, oder die Summula ist ein eigenes Frühwerk Sunthaims, das er 1511 wörtlich verwertet hat. Ich tendiere zu der zweiten Variante, da Sunthaim als Ravensburger leichten Zugang zu den Weingartener Welfenquellen erhalten konnte, deren Kenntnis die Summula ja verrät. Das Heranziehen weiterer Texte stimmt mit der Arbeitsweise Sunthaims überein, auch die Kritik an den Mönchen und die Betonung des genealogischen Zusammenhangs würde gut zu ihm passen.

Wenn die in Peutingers Handschrift Clm 4351 dem Text der Summula angehängten Stammtafeln "mit dem Werke selbst in Verbindung stehen", wie Giesebrecht formulierte, ergibt sich aus diesem notizenartigen Anhang, der nach 1485/86 zu datieren ist, da er Thomas Lirers damals gedruckte Schwäbische Chronik benutzt hat, ein starkes Argument für die Verfasserschaft Sunthaims. Die dort wiedergegebene Blasonierung des angeblichen Wappens Gleisberg findet sich bei Sunthaim wieder, während der Text der Summula nicht auf Wappen eingeht. Allerdings ist die Stuttgarter Handschrift der Summula mit Wappen illustriert. Bevor man in der Gestalt des Summula-Autors einen Doppelgänger Sunthaims kreiert, der auch dessen heraldische Interessen geteilt habe, wird man die Zuschreibung der Summula an Sunthaim - wenngleich vorerst mit Fragezeichen - akzeptieren können.

Leibniz und Sunthaim waren beide eingebunden in einen Forschungszusammenhang, der von dynastischen Interessen diktiert wurde. Das ist durchaus typisch für die frühneuzeitliche Genealogie: Genealogia ancilla dynastiae. Für Leibniz genügt es, auf die intensiven Studien von Armin Reese zu verweisen, der 1967 "Die Rolle der Historie beim Aufstieg des Welfenhauses 1680-1714" eingehend dargestellt hat. Die Bestrebungen Maximilians, der retrospektiv Altertümer zusammentragen ließ und prospektiv seinen Nachruhm sichern wollte, waren Gegenstand einer großen Monographie des Germanisten Jan-Dirk Müller unter dem Titel "Gedächtnus".

Es bekommt der Interpretation kultureller Zeugnisse selten gut, wenn man sie an der kurzen Leine der Legitimation führt. Wenn alles der fürstlichen Legitimation diente, Geschichte also vollständig instrumentalisiert wurde, wird der Begriff der Legitimation sinnlos. Der Historiker hat die Spannung darzustellen, die zwischen den Vorgaben der fürstlichen Auftraggeber und der Leistung der Historiographen und Genealogen bestand. Es wäre also für die Zeit von Leibniz darzulegen, wie sich die Autonomie der Wissenschaft - wohl weitgehend hinter dem Rücken der Beteiligten - etablierte. Für Sunthaims Zeit kann man darauf verweisen, dass Maximilian sicher der wichtigste Akteur der zeitgenössischen Erinnerungskultur war, dass er aber eingebunden war in epochale Tendenzen und Konjunkturen, die zeitlich vorangingen oder parallel zu seinen Bestrebungen verliefen. Maximilian und seine Mitarbeiter waren gefesselt von den Altertümern, denen sie mit Begeisterung nachspürten, und dieses Bild der Fessel gibt bereits zu verstehen, wie platt und einseitig eine Sichtweise ist, die in der Beschäftigung des Herrschers mit seinem Herkommen, seiner Genealogie nur ein machtpolitisches Instrument und ein Zeichen von "Modernität" erkennen will.

Sunthaims nüchterne fakten- und quellenorientierte Genealogie hielt sich von den anderen genealogischen Phantastereien des Maximilian-Umkreises fern. Anders als Leibniz hat Sunthaim keine programmatischen Äußerungen über die Ablehnung fabulöser Genealogien hinterlassen. Aber nur ein einziges Mal spricht Sunthaim - glaubt man Fritz Eheim - in allen seinen Schriften von der für den Maximilian-Umkreis so wichtigen trojanischen Abkunft der Habsburger.

Mennel beherrschte die Rhetorik und Methodik der historischen Quellenkritik virtuoser als Sunthaim, was ihn aber nicht hinderte, sehr viel spekulativere Genealogien zu akzeptieren. Bemerkenswert für Sunthaims Quellenkritik ist, dass er die noch von Friedrich III. hochgeschätzte "Chronik der 95 Herrschaften" als "unbewerte cronik" abtut (Eheim S. 63).

Sunthaims Versuch, mit kritischem Sinn erstmals ein stabiles genealogisches Gerüst für die regierenden und ausgestorbenen Dynastien aufzurichten, hätte - bei allen Unvollkommenheiten - Leibniz durchaus sympathisch sein können.

Sunthaims Arbeiten blieben nicht ohne Resonanz. Sie gelangten nicht nur an den Herrscher, sondern konnten auch in Maximilians Umkreis wirken. Aus den Unterlagen Sunthaims speisten sich viele Stammtafeln, die Wolfgang Lazius in der Mitte des 16. Jahrhunderts publizierte.

Die beiden anderen Stammväter der modernen Genealogie neben dem 1513 gestorbenen Sunthaim sind der bereits oft erwähnte Freiburger Jurist Dr. Jakob Mennel, gestorben 1526, und Matthäus Marschall von Pappenheim, wie Sunthaim ein Kleriker, nämlich Kanoniker in Augsburg, gestorben 1541. Pappenheim ist vor allem durch seine auch im Druck vorliegenden Ausarbeitungen zur Geschichte seiner eigenen Familie, zu den Truchsessen von Waldburg und zu den Herren von Geroldseck bekannt geworden. Seine handschriftlichen Sammelbände mit vielen Adelsgenealogien in der württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, in der Thurn- und Taxi'schen Hofbibliothek zu Regensburg und in Wien harren noch der Auswertung. Ein engeres Verhältnis zu Maximilian ist für Pappenheim nicht bekannt, aber wie die anderen beiden trug er Genealogien vieler Familien zusammen.

Um 1500 weitet sich der Blickwinkel: Nicht mehr die einzelne Adelsfamilie steht im Mittelpunkt, deren Genealogie von Herolden oder Haushistoriographen dargestellt werden konnte. Zum Thema werden nunmehr die Genealogien vieler Dynastien und Adelsfamilien, sei es noch bestehender, sei es bereits erloschener. Auch wenn bei einzelnen Familien Vorarbeiten vorlagen, bedeutete die Rekonstruktion der Familienverhältnisse aus den Quellen zähe Kleinarbeit für Sunthaim, Mennel und Pappenheim. Alle drei waren notgedrungen reisende Historiker, da sie die Urkunden und anderen Quellen in den Klöstern und Stiften ausfindig machen mussten. Vor diesen drei gelehrten genealogischen Sammlern gibt es in Deutschland so gut wie keine genealogische Kollektaneen-Handschriften.

Ihre genealogischen Ausarbeitungen stehen in engem Zusammenhang mit dem Wandel der Erinnerungskultur um 1500. Das "Herkommen" erhielt einen neuen Stellenwert, ablesbar auch am Aufkommen prächtig illustrierter Stammbäume und von Ahnengalerien. Die ersten Adelschroniken wurden damals verfasst. Wichtig war gewiss der Einfluß des groß angelegten genealogischen Unternehmens von Maximilian, aber das Thema "lag in der Luft".

Wer den genealogischen Bestrebungen der Zeit um 1500 anhand der Quellen nachgehen will, muss auch heute noch zum reisenden Historiker werden oder ein kleines Vermögen in Mikrofilme oder Kopien von Handschriften oder alter Drucke investieren. Ich habe mit Blick auf Sunthaims Oeuvre auf der Wiener Editions-Tagung von 2004 dafür plädiert, die von ihm erhaltenen Werke "Open Access" zu digitalisieren, also die Handschriften und die alten Drucke mit Editionen seiner Werke. Bereits damals lag das Wolfenbütteler Digitalisat der Babenberger-Genealogie Sunthaims von 1491 vor. Inzwischen ist ein bequemer Zugang zu dem Abdruck Oefeles von 1763 dank des Entgegenkommens der Innsbrucker Digitalisierungsabteilung möglich. Ebenso kann dank Google Book Search jeder die Ausgabe der Summula des Weingartener Konventualen Gerard Hess 1784 konsultieren, der über einen Internetzugang verfügt. Dass in Wolfenbüttel Werke aus dem Leibniz-Umkreis digitalisiert werden, aber nicht die Scriptores rerum Brunsvicensium, an deren Wert als Quellensammlung für die niedersächsische Landesgeschichte doch kein Zweifel bestehen kann, leuchtet nicht ein. Solche Digitalisate schaffen doch in ungeahntem Maße neue Möglichkeiten der Forschung. Hier gilt nichts anderes als was Leibniz im Mai 1699 dem Kolberger Syndikus Laurens Rango schrieb: "Ich schätze zumahl die Schriften hoch, da man nicht nur, wie vor alters, aus den alten Monumenten und Documenten etwas nach seinem belieben nimt, und sich darauff beziehet, sondern dieselbige selbst darstellet, damit sie vom Untergang behutet, dem leser zu selbst beliebigen Untersuchen und nachdenken auch ferneren entdeckungen offen stehen" (Babin/Heuvel, S. 242 Anm. 22).

Weblinks

Vortrag 2004 "Open Access und Edition"
http://archiv.twoday.net/stories/230198

Oefele 1763
http://www.literature.at/webinterface/library/ALO-BOOK_V01?objid=14325&page=569&zoom=3&ocr=
[Offline 2011! Muss durch http://www.archive.org/details/RerumBoicarum2 ersetzt werden]

Giesebrecht 1881
http://books.google.com/books?id=P3oFAAAAQAAJ&pg=PA206

Edition der Summula durch Hess
http://books.google.com/books?id=_glpC4I30bcC&pg=PA121

Wessobrunner Handschrift der Summula
http://archiv.twoday.net/stories/4164230/
[Unabhängig im gedruckten Repertorium fontium identifiziert!]

Babenberger-Genealogie (E-Text auf Wikisource)
http://de.wikisource.org/wiki/Der_l%C3%B6blichen_F%C3%BCrsten_und_des_Landes_%C3%96sterreich_Altherkommen_und_Regierung

Wikipedia über Sunthaim
http://de.wikipedia.org/wiki/Ladislaus_Sunthaym

Hinweise zum Interesse an der Welfen-Genealogie um 1500
Google Book Search

Clemens Joos über die Zähringer-Renaissance
http://www.ag-landeskunde-oberrhein.de/index.php?id=p462v

Zur fürstlichen Erinnerungskultur um 1500
http://www.histsem.uni-freiburg.de/mertens/graf/ekult.htm
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/volltexte/2008/523/

Zitiervorschlag
Klaus Graf, Gottfried Wilhelm Leibniz, Ladislaus Sunthaim und die süddeutsche Welfen-Historiographie. Vortrag auf dem Kolloquium der Herzog August Bibliothek "Leibniz als Sammler und Herausgeber historischer Quellen" am 9.10.2007. Online-Preprint
http://archiv.twoday.net/stories/4349225/ (abgerufen am ...)

You can cite this work as follows:

Graf, Klaus. Gottfried Wilhelm Leibniz, Ladislaus Sunthaim und die süddeutsche Welfen-Historiographie. Archivalia. 2007, updated: 2011-03-24. URL:http://archiv.twoday.net/stories/4349225/. Accessed: 2011-03-24. (Archived by WebCite® at http://www.webcitation.org/5xQyrF4hi )

Nachtrag 2012:
Druckfassung: Klaus Graf, Gottfried Wilhelm Leibniz, Ladislaus Sunthaim und die süddeutsche Welfen-Historiographie, in: Leibniz als Sammler und Herausgeber historischer Quellen. Hrsg. von Nora Gädeke (Wolfenbütteler Forschungen 129), Wiesbaden 2012, S. 33-47
Online: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8767/

#forschung
KlausGraf meinte am 2009/10/24 00:01:
Leibniz Scr. I online
ttp://diglib.hab.de/drucke/gn-4f-1572-1b/start.htm?image=00849 
 

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