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Dr. Daniel Hess (GNM Nürnberg) war freundlicherweise bereit, mit mir ein Mailinterview zum "Mittelalterlichen Hausbuch" zu führen.

* Sie haben 1994 die maßgebliche deutschsprachige Monographie zum Hausbuchmeister vorgelegt (Meister um das „mittelalterliche
Hausbuch"). Was bedeutet die Handschrift für Sie persönlich?

Für mich ist die Handschrift, mit der ich mich damals insbesondere in formaler und stilistischer Hinsicht beschäftigt habe, eines der faszinierendsten Werke des Spätmittelalters, auf die ich in der Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Fragestellungen seit zwanzig Jahren mit immer neuer Begeisterung zurückkomme. Für mich ist das Hausbuch eines des großartigsten Werke!

* Wie würden Sie den Rang des "Mittelalterlichen Hausbuchs" aus
kultur- und kunstgeschichtlicher Sicht einschätzen?

Die Texte und Illustrationen sind kunst- und kulturgeschichtlich von einzigartiger Bedeutung und gelten in der Lebendigkeit und Frische der Alltagsbeobachtung als unübertroffen. Sie geben in Einblick in die unterschiedlichsten Kultur- und Wissensbereiche wie Technikgeschichte, Montanwesen, Alchemie, Medizin- und Handwerksgeschichte, Kriegsgeschichte und Rüstungswesen, höfische und städtische Kultur, Rhetorik und Gedächtniskunst. Die Texte und Illustrationen vermitteln einen authentischen Einblick in die Lebenswelt und Vorstellungen sowie das Wissensspektrum zur Zeit des Umbruchs vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit. Die künstlerisch herausragenden Illustrationen, die in nahezu jedem historischen Werk zum Spätmittelalter abgebildet sind, zählen zu den Spitzenleistungen spätmittelalterlicher Kunst im deutschen Sprachraum. Im Lauf der 150 jährigen Forschungsgeschichte ist das Hausbuch darüber hinaus immer wieder zum Prüfstein neuer kunsthistorischer Methoden und kulturgeschichtlicher Deutungsmuster geworden und nimmt daher auch wissenschaftsgeschichtlich einen zentralen Rang ein.

* Es wurde ja in der kunsthistorischen Literatur Klage darüber
geführt, dass der Zugang zum Hausbuch schwierig oder unmöglich war. Sie hatten Gelegenheit, einen Tag lang diese einzigartige Handschrift einzusehen. Erinnern Sie sich an Ihre damaligen Gefühle?

Für mich ist dieser Tag unvergesslich: Ich hatte mich zuvor schon lange und intensiv mit den älteren Faksimile-Ausgaben beschäftigt und hatte nun einen ganzen Tag Zeit, die Darstellungen unter die Lupe zu nehmen und meine Thesen und Überlegungen am Original zu überprüfen. Es waren sehr bewegende und faszinierende Stunden!

* Seit der Erstellung des qualitativ hochwertigen Faksimiles 1997
(Prestel-Verlag) gab es so gut wie keine nennenswerten
Forschungsbeiträge zum Hausbuch. Eigentlich hätte man ja erwarten können, dass durch die Veränderung der Grundlage für die Forschung diese gleichsam aufgeblüht wäre. Haben Sie für diesen paradoxen Befund eine Erklärung?

Die Erfahrung zeigt, dass eine plötzliche Bereicherung der Forschung nicht zu einer breiten Diskussion führt, sondern dass die Ergebnisse zunächst nur punktuell wahrgenommen werden. Es dauert in der Regel rund eine halbe Generation, bis man sich aus kritischer Distanz grundlegender mit den neuen Erkenntnissen auseinandersetzt. Offenbar fehlt davor die Kraft für einen erneuten Spannungsaufbau; außerdem sorgt die Relativierung oder Zerstörung einer eben etablierten Ordnung nicht selten für Irritationen und Verunsicherungen.

* Der Kommentarband zum Faksimile hat ja eine sehr konservative Sicht der Forschung geboten. Ihr Ansatz, verschiedene Hände zu scheiden, ist damals nicht aufgenommen worden. Können Sie vielleicht in wenigen Sätzen umreißen, welche Hauptfragen zum Hausbuch offen geblieben sind trotz einer riesigen Sekundärliteratur seit 1855?

Mit meinem Ansatz konnte ich mich auf viele hervorragende Forscher stützen, die sich in den letzten 150 Jahren intensiv mit dem Hausbuch auseinandergesetzt hatten. Viele kamen bereits früher zu ähnlichen Ergebnissen, die dann durch nachfolgende Generationen wieder in Frage gestellt wurden. Neben vielen inhaltlichen Fragen, die zum Teil erst ansatzweise geklärt sind, dreht sich die Diskussion nicht nur um die Anzahl der beteiligten Künstler, sondern auch um die Frage der Konzeption der Handschrift und ihrer verwirrenden Entstehungs- und Besitzergeschichte. Angesichts der zeitlichen Zäsuren und konzeptionellen Änderungen zwischen den einzelnen Bestandteilen, angesichts der stilistischen Brüche, den wechselnden inhaltlichen Ausrichtungen und Gestaltungsprinzipien sowie den wechselnden Schreibern und Illustratoren stellt sich die Frage, ob das Buch tatsächlich aus einem Guss entstanden ist und ob das Postulat eines Meisters bzw. einer Werkstatt einer kritischen Prüfung standhalten kann. Nach meiner Überzeugung ist das Hausbuch weder nach einem einheitlichen Konzept entstanden, noch können seine heterogenen Illustrationen einem einzigen Künstler zugeschrieben werden. Neben stilistischen Unterschieden sprechen auch inhaltliche, buchtechnische und historische Argumente für eine Entstehung über einen Zeitraum von 1470 bis gegen 1500 unter mindestens zwei verschiedenen, bis heute noch immer nicht identifizierten Besitzern. Nach meiner Einschätzung lassen sich inklusive der beiden Nachtragsillustrationen des Liebesgartens und Bergwerks insgesamt sechs verschiedene Illustratoren unterscheiden. Wichtiger als die Frage der Händescheidung, die angesichts der aktuellen Ausrichtung der Kunstgeschichte wie ein kennerschaftliches Glasperlenspiel anmuten mag, erscheint mir jedoch der Umstand, dass das Manuskript organisch aus verschiedenen Bestandteilen zusammengewachsen ist. Gerade hierin liegt eine besondere Faszination des „Hausbuchs“.

* Die Sammelhandschrift hat im 19. Jahrhundert das Etikett "Hausbuch" verpasst bekommen. Sind Sie damit glücklich?

Die Bezeichnung „Hausbuch“ ist irreführend und wird der thematischen Breite der Handschrift und ihrer herausragenden künstlerischen Qualität nicht gerecht. Auch frühere Forscher haben sich deshalb an dieser Benennung gestoßen. Hat gar das unspektakuläre Etikett „Hausbuch“ dazu beigetragen, dass man sich in den Ministerien Baden-Württembergs der einzigartigen Bedeutung dieser Handschrift nicht rechtzeitig bewusst geworden ist?

* Es scheint ja inzwischen Konsens zu sein, dass der Hausbuchmeister in den Jahren um 1480 im Mittelrheingebiet im Dreieck zwischen Mainz, Frankfurt und Heidelberg tätig war. Wie erklären Sie sich, dass man das stolz zweimal im Hausbuch präsentierte Ast-Wappen in dieser Region bislang nicht aufspüren konnte?

Die durch unzählige Kriege seit dem frühen 16. Jh. verursachten Verluste an historischen Kulturgütern sind gerade in diesem Gebiet sehr groß. Das im Hausbuch auftretende Wappen lässt sich wohl deshalb an anderer Stelle bislang nicht dokumentieren. Da das erste Wappen von einem Stechhelm, das zweite von einer in der Heraldik ungebräuchlichen Schallern [*] bekrönt ist, dürfte die Auftraggeberfamilie aus dem Bereich der am spätmittelalterlichen Hof an Einfluss gewinnenden Schicht nicht-adliger Spezialisten (Büchsenmeister o.ä.) stammen. Die Möglichkeit weiterer historischer Nachweise und der namentlichen Bestimmung wird dadurch noch geringer.

* Nun ist ja vor wenigen Tagen bekannt geworden, dass der bisherige Eigentümer das Hausbuch verkauft hat (wobei die Frage der Rechtsgültigkeit des Verkaufs dahingestellt bleiben kann). Sie sind Leiter der Sammlungen Malerei bis 1800 und Glasmalerei am Germanischen Generalmuseum in Nürnberg und einer von zwei Stellvertretern des Generaldirektors. Wie sehen Sie diesen Verkauf?

Als ich aus der Presse vom Verkauf des Hausbuchs erfuhr, war ich völlig überrascht. Die Umstände, die dazu geführt haben, haben mich erschüttert. Angesichts der Bedeutung der Handschrift muss meines Erachtens alles dafür getan werden, dass das Hausbuch dauerhaft in eine öffentliche Sammlung überführt werden kann, in der eine fachgerechte Verwahrung und Pflege sowie der Zugang für weitere Forschungen gesichert ist.

* Hielten Sie es, gemessen am Rang des Hausbuchs, für angebracht, eine ähnliche "Staatsaktion" wie seinerzeit beim "Evangeliar Heinrichs des Löwens", das ja 1983 für 32,5 Millionen DM für Deutschland ersteigert wurde, unter Beteiligung der Kulturstiftung der Länder in die Wege zu leiten?

Ich hoffe, dass es auf Grund der singulären kulturgeschichtlichen Bedeutung des Hausbuchs gelingt, die erforderlichen Mittel aufzubringen, um einen Ankauf für eine öffentliche Sammlung in die Wege zu leiten. Ich kann nicht verstehen, dass man diesen sicherlich schwierigeren und langwierigeren Weg nicht von vornherein verfolgt hat. Ich hoffe sehr, dass es für eine „Rettungsaktion“ noch nicht zu spät ist.

* In welches Museum würde das Hausbuch am besten passen?

In Deutschland gibt es eine Reihe großer Museen und Bibliotheken, in denen das Hausbuch vom Sammlungsprofil her gut untergebracht wäre und fachgerecht betreut werden könnte. Sollte sich in Baden-Württemberg keine Lösung finden, sei mir als Mitarbeiter des Germanischen Nationalmuseums der Hinweis erlaubt, dass die Handschrift im größten kunst- und kulturgeschichtlichen Museen im deutschen Sprachraum einen ihrer Bedeutung und breiten inhaltlichen Ausrichtung angemessenen Platz finden würde. Ich darf daran erinnern, dass das Germanische Nationalmuseum 1866 die erste vollständige Veröffentlichung des Hausbuch mit faksimilierten Abbildungen sowie 1957 eine populäre Zusammenfassung herausgegeben hat. Da ich doppelt befangen bin, sollten diese Überlegungen jedoch nicht im Vordergrund stehen.

* Sie stammen aus der Schweiz. Kennen Sie den als Verkäufer
gerüchtweise verdächtigten Sammler, den im Thurgau lebenden Baron August von Finck?

Ich kenne diesen Sammler nicht und werde mich im Internet kundig machen.

* Halten Sie im Zeichen der Globalisierung eine Liste national
wertvollen Kulturguts, auf der das Hausbuch ja steht, noch für
zeitgemäß? Wieso sollte so ein Stück, das man ja auch als
Weltkulturerbe ansprechen könnte, nicht auch in Basel oder Malibu
(Getty-Museum) dauerhaft lagern?

Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden, doch halte ich die Bewahrung eines Artefakts möglichst in seinem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang für die in jedem Fall beste Lösung. Je weiter ein Objekt seinem ursprünglichen Kontext entfremdet wird, desto größer ist die Gefahr eines Verlusts wichtiger historischer Zusammenhänge und Umstände.

* Angenommen, ein Museum würde das Hausbuch erwerben können? Könnte es überhaupt ständig ausgestellt werden? Die "Library of Congress" hat ja für die Waldseemüllerkarte, die ebenfalls aus Wolfegg stammt, eine eigene Vitrine gebaut.

Die konservatorischen Anforderungen haben auf Grund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Im Kontext eines zusehends auf Events abzielenden Leih- und Ausstellungsbetriebs droht die Bewahrung des uns anvertrauten, für die nachfolgenden Generationen möglichst unbeschadet zu überliefernden Kulturguts jedoch ins Hintertreffen zu geraten. Deshalb gilt es unter Ausschöpfung neuer Konservierungsmethoden und Präsentationsmittel sorgsam abzuwägen, in welcher Form wir besonders empfindliche Objekte wie Bücher, Papierarbeiten oder Textilien der Öffentlichkeit präsentieren können, ohne diesen Werken zuviel zuzumuten oder ihnen nachhaltig Schaden zuzufügen.

* Um nachzuhaken: Wäre eine - womöglich als "Event" inszenierte, auf wenige "Hausbuch-Tage" im Jahr beschränkte - museale Präsentation der fragilen Handschrift aus konservatorischer Sicht möglich? Eine meiner eindruckvollsten Begegnungen mit Kulturgut war ein Besuch im Heidekloster Wienhausen vor vielen Jahren, das nur in einer einzigen Woche nach Pfingsten jährlich einmal seine großartigen mittelalterlichen Bildteppiche zeigte.

Grundsätzlich scheint mir eine solche Präsentationsform möglich. Ob die Erwartungen der Besucher im Rahmen eines solchen „Events“ ohne visuelle Zusatzangebote wie Faksimile und Reproduktion befriedigt werden könnten, ist jedoch angesichts der Größe der sich nur in Nahsicht erschließenden Darstellungen und des Umstands, dass immer nur eine aufgeschlagene Doppelseite zu sehen ist, fraglich. Die Themenbreite des Hausbuchs ist andererseits so breit und spannend, dass man mit etwas Phantasie und Kreativität zündende Präsentationen entwickeln könnte, die auf einzigartige Weise in die Lebenswelt des Spätmittelalters einführen.

* Nun gibt es ja, wie erwähnt, seit 1997 ein sehr gutes Faksimile.
Brauchen wir da überhaupt das Original in öffentlichem Eigentum?

Für viele Fragestellungen, die sich vor allem inhaltlich und motivisch mit der Handschrift auseinandersetzen, bietet das Faksimile eine gute Arbeitsgrundlage. Für formale, stilistische, maltechnische und kunsttechnologische Fragestellungen und Untersuchungen ist die Auseinandersetzung mit dem Original jedoch unverzichtbar. Kein noch so gutes Faksimile kann das Original ersetzen.

* Vielen Dank für das Interview!

Helmform, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Schaller

KlausGraf meinte am 2008/03/25 03:45:
Einfach nur schäbig
Raimund Weible hat sich aus diesem Interview einen Artikel
http://www.hz-online.de/index.php?mode=full&cat=173&open=&open_u=&&minDate=&begin=0&id=390576&s_id=75c664eb6c5a0ef8bc9c6b9373a3d9fe
zurechtgeschnitzt und zwar ohne Archivalia zu nennen. Kennen Journalisten eigentlich nicht die Verpflichtung, wichtige Quellen anzugeben? 
 

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