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Meine Bestandsaufnahme vom Oktober 2009

http://archiv.twoday.net/stories/6002752/

zeigte, dass der "grüne Weg" von Open Access, das Zweitpublizieren bereits gedruckt publizierter Beiträge, in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft kaum verbreitet ist. Daran hat sich so gut wie nichts geändert.

Im August 2013 wurde gemeldet: "The European Commission has released a study confirming the shift towards ‘open access’ for research results. In 2011, over 50% of scientific papers published were made available to readers for free; around twice the rate previously estimated. Open access is seen as a major boost to innovation potential." Das erscheint mir - auch bezogen auf alle Disziplinen - als übertrieben. Für die Geschichtswissenschaft sind nach meiner Einschätzung etwa 5 bis allerhöchstens 20 % je nach Bereich realistisch.

Das möchte ich mit einigen Daten zu 2011 untermauern.

(1) HZ und ZHF 2011: nur 13 Prozent OA verfügbar

Historische Zeitschrift und Zeitschrift für Historische Forschung betrachte ich als die beiden führenden deutschsprachigen allgemeinen historischen Zeitschriften, wenngleich die ZHF einen deutlichen Schwerpunkt auf der Frühen Neuzeit hat.

Durch Suchen in der Bielefelder Suchmaschine BASE

http://www.base-search.net/

sowie in Google Scholar und in der Google-Websuche wurden alle Aufsätze der beiden Zeitschriften von 2011 (nicht: Forschungsberichte und Buchbesprechungen) auf die Existenz einer "grünen" Zweitversion überprüft. Im Vergleich zu den über 20.000 Publikationen in PLoS One (der größten naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift, übrigens ein OA Journal) ist der jährliche Ausstoß in beiden Fällen lächerlich gering: 9 Artikel in der ZHF, 22 in zwei Bänden der HZ.

Von den 9 ZHF-Artikeln gibt es von dreien kostenlose Versionen im Netz. Eine war mittels BASE auffindbar, in einem OA-Repositorium, eine (Eibach) wurde nur durch das Sichten der persönlichen Website von Eibach gefunden, eine steht als mit einem Preis ausgezeichneter Artikel im Netz.

Eibach: Das offene Haus
http://www.hist.unibe.ch/unibe/philhist/hist/content/e267/e530/e145144/Eibach_DasoffeneHaus_2011_ger.pdf

Gelder/Hertel: Die Mission des Grafen von Daun in Brüssel 1725: ein Wendepunkt in der Regierung der Österreichischen Niederlande?
http://hdl.handle.net/1854/LU-1974383 (IR der U Gent)

Weber: Die Republik des Adels
http://www.sagw.ch/dms/sagw/preise/nachwuchspreis/artikel/2012_NadirWeber

Von den 22 Beiträgen der HZ konnte nur ein einziger, bei BASE wohl aufgrund der kürzlichen Einstellung (BASE harvestet nur wöchentlich) noch nicht gefundener Titel in Open-Access-Version ermittelt werden:

Oschema: Falsches Spiel
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/15591/

4 Artikel von 31 sind 13 %.

(2) OPAC der Regesta Imperii

http://opac.regesta-imperii.de/

Diese bibliographische Datenbank betrifft vor allem das Mittelalter und weist - eher lückenhaft - auch Online-Publikationen nach, ärgerlicherweise ohne Kennzeichnung auch lizenzpflichtige Publikationen z.B. in DigiZeitschriften. Da sehr viele Artikel mit dem Jahrhundert verschlagwortet sind, kann man in der Freien Suche Jahrhundert wählen und findet dann mit dem Jahr 2011 2391 Treffer. Davon sind 1757 Aufsätze (in Zeitschriften und Büchern). Und davon werden für 74 Online-Nachweise gegeben. Als Aufsätze zählen auch die Artikel des Historischen Lexikons Bayerns. Inakzeptabel ist, dass ein ZORA-Titel ohne Volltext aufgeführt wird - da die Regesta Imperii nur sehr lückenhaft Online-Nachweise bringen, sollte man beim einzelnen Titel schon eine gewisse Sorgfalt erwarten dürfen.

Die meisten der 74 Artikel sind kostenpflichtig, soweit ich sehe. Ausgewertet habe ich die deutschsprachigen Titel. Es gibt nur 1 grüne Version (Schlotheuber in Hémecht), 3 retrodigitalisierte Artikel aus QFIAB, 2 aus der OA-Zeitschrift Concilium medii aevi und ein mit falschem Link zitierter Beitrag (von Tocci) in einer griechischen OA-Zeitschrift. Aus Gründen der Vergleichbarkeit zähle ich nur den einen Titel, ohne dass ich eine Prozentzahl angeben kann, da man ihn mit der Gesamtzahl der deutschsprachigen Zeitschriftenaufsätze aus 2011 in dieser Datenbank in Verbindung setzen müsste.

Halten wir aber fest: Grün spielt hier eine vernachlässigbare Rolle.

Im OPAC der MGH finden sich sehr häufig PDFs verlinkt. Für 2011 werden 178 Aufsätze verzeichnet, mit dem zusätzlichen Suchwort pdf lassen sich 4 PDF-Versionen (wohl alles eigene Scans der MGH) ermitteln, darunter ein landesgeschichtlicher Zeitschriftenaufsatz (des Bibliotheksleiters). Da die Aufsätze-Einschränkung aber unzuverlässig ist, sind es in Wirklichkeit erheblich mehr.

(3) Jahresberichte für deutsche Geschichte: 0 %

http://jdgdb.bbaw.de/cgi-bin/jdg?lang=de

Nur nach Zeitschriftenaufsätzen 2011 in deutscher Sprache zu suchen geht nicht. Man muss eine Epoche hinzunehmen. Ich wählte die Frühe Neuzeit. Verzeichnet sind 722 Titel. Online-Beiträge zur Frühen Neuzeit in Deutsch gibt es nur 28. Von diesen 28 sind Open Access 2, ein Stammbuch-Katalog und ein Sammelband auf Perspectivia, also kein Zeitschriftenartikel.

Von den 722 Zeitschriftenartikeln in deutscher Sprache zur Frühen Neuzeit sind also genau 0 % OA.

Allerdings ist davon auszugehen, dass die Jahresberichte wesentlich weniger sorgfältig als die Regesta Imperii Online-Nachweise eintragen, und die Regesta Imperii machen nach meinen Erfahrungen schon einen schlechten Job!

(4) Zürichs institutionelles Repositorium ZORA

http://www.zora.uzh.ch/

Diesem Angebot habe ich schon viele kritische Beiträge hier gewidmet:

http://archiv.twoday.net/search?q=zora+z%C3%BCrich

Im deutschsprachigen Raum ist das für die Geschichtswissenschaft wichtigste universitäre Open-Access-Mandat das von Zürich, da die Züricher Historiker durchaus einen guten Ruf haben. Zu Eprints von Zürcher Historiker 2012:

http://archiv.twoday.net/stories/197331031/

Von 238 Beiträgen des Historischen Instituts, was in etwa dem tatsächlichen Gesamt-Output entsprechen dürfte, sind etwa 14 % (34) Open Access. Von den 97 Zeitschriftenartikeln aber nur 10, wobei drei abzuziehen sind, die bereits am Ursprungspublikationsort OA sind. 7 von 97 sind 7 %. Das liegt weit unter der sogenannten spontanen Selbstarchivierungsrate von 25 % und beweist einmal mehr, dass solche Mandate in den Geisteswissenschaften keinen nennenswerten Effekt haben.

Da man Monographien ausklammern kann, kommen die erhöhten Zahlen außerhalb der Zeitschriftenartikel durch Buchbeiträge und Zeitungsartikel zustande, für die man wohl eher Deposit-Rechte von den Verlagen erhält.

(Der Server von ZORA ist nun auch - wie so oft - wieder ausgefallen, weshalb weitere Ausführungen erst einmal nicht möglich sind.)

(5) Fazit

In den Geisteswissenschaften spielen neben den Zeitschriftenartikeln die Monographien und Buchbeiträge eine wichtige Rolle, während sich die Open-Access-Bewegung bisher schwerpunktmäßig auf die in den STM-Disziplinen so wichtigen Zeitschriftenartikel konzentrierte.

Trotzdem sind die Zahlen zu den "grün" verfügbaren Zeitschriftenartikeln interessant. 13 % (HZ/ZHF), 0 % (Jahresberichte) und 7 % (ZORA, exklusiv) ergeben als Durchschnitt etwa 7 %.

Trotz der offenkundigen Begrenzungen dieser kleinen Stichprobe erscheint mir die folgende Hypothese hinreichend wahrscheinlich:

Weniger als 10 % der 2011 erschienenen deutschsprachigen wissenschaftlichen Beiträge aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft sind kostenlos im Netz verfügbar.

Die Existenz retrodigitalisierter frei zugänglicher Zeitschriftenartikel aus 2011 ändert daran wohl nichts. Von den sieben "großen" Zeitschriften mit Angebot an Retrodigitalisaten

https://de.wikiversity.org/wiki/Aufsatzrecherche_in_der_Geschichtswissenschaft#Retrodigitalisierte_Zeitschriften

sind für 2011 erst die Francia und die Schweizerische Zeitschrift für Geschichte verfügbar. Der landesgeschichtliche Bereich ist zu unübersichtlich, um exakte Zahlen nennen zu können, aber von den größeren Zeitschriften gibt es nur ganze wenige, deren Artikel 2011 OA sind. Von http://archiv.twoday.net/stories/239778/ etwa ZHG, QFIAB, Baarverein.

Es gibt etliche Zeitschriften mit "delayed Open Access", aber im geisteswissenschaftlichen Bereich ist man übervorsichtig und nimmt in der Regel eine längere "moving wall" als 2 Jahre.

Genuine OA-Zeitschriften (Zeitenblicke und Concilium medium aevi, letzteres mit 14 Aufsätzen 2011) spielen im deutschsprachigen Raum so gut wie keine Rolle.

Da der Zugang zu Aufsätzen für die Wissenschaftler weit wichtiger ist als der zu Rezensionen, möge man mich mit einem Hinweis auf Recensio.net verschonen.

Was die Bereitschaft der Wissenschaftler angeht, in Hochschulschriftenservern dauerhaft "grün" zu archivieren, so bin ich skeptisch. Hier gab es aus meiner Sicht keine größeren Fortschritte.

Mehr verspreche ich mir von academia.edu, das für Wissenschaftler als wissenschaftliches Netzwerk attraktiver ist als Repositorien: Man kann Papers ablegen für die Allgemeinheit, anderen "folgen" und problemlos mit ihnen Kontakt aufnehmen, wenn man z.B. eine Auskunft oder ein Paper braucht. Wenn ein bedeutender Historiker wie Peter von Moos dort aktiv ist, dann stimmt das durchaus optimistisch:

http://archiv.twoday.net/stories/498219895/

Besser wäre es aus Sicht der OA-Bewegung allemal, die auf persönlichen Homepages oder auf Academia.edu, ResearchGate usw. zur Verfügung stehenden Fachbeiträge in Repositorien verfügbar zu haben. Würde libre OA in solchen Angeboten wie Academia.edu gefördert, also CC-Lizenzen, könnten Repositorien die dort eingestellten Beiträge problemlos (auch wenn sie mit den restriktiveren Lizenzen CC-BY-NC oder -ND versehen sind) in ihren eigenen Bestand kopieren.

Also ein eher deprimierendes Resümee für OA in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft: "Gold" spielt so gut wie keine Rolle, und auch "grün" ist kaum verbreitet. Einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem Stand von 2009 sehe ich nicht.

Beitrag zur OAWeek2013
Manuel Seitenbecher (Gast) meinte am 2013/10/28 09:23:
Zugangsprobleme
Lieber Herr Graf,

grundsätzlich gebe ich Ihnen in Ihrer Bewertung recht. Allerdings sehe ich zumindest aus Autorensicht auch generelle Hürden, die es erschweren, OA zu publizieren - die freilich auf nahezu alle Fächer zutreffen und die unterdurchschnittliche Quote der Geschichtswissenschaften nicht rechtfertigen können:

Der Zugang zu OA-Servern ist doch ziemlich verworren. Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis: Meine auch in Printform veröffentlichte Magisterarbeit ist vor einigen Jahren an der TU Berlin verfasst worden. Etwas später habe ich dann an der Uni Potsdam promoviert und als Lehrbeauftragter gearbeitet. In dieser Zeit sind auch einige Aufsätze erschienen. 2011 habe ich als Referendar in Berlin begonnen und habe parallel das Fernstudium an der HU absolviert. Die betreffenden Arbeiten sind alle vorher erschienen. Welcher Dokumentenserver ist nun der zuständige, und noch viel entscheidender: Welcher fühlt sich zuständig - was aus den Richtlinien der Unis durchaus eine entscheidende Frage ist.

Ich habe zumindest zwei der Aufsätze aus meiner Potsdam-Zeit an der FU (!) OA publizieren können - aber auch nur mit dem Verweis, dass ich während meines Referendariats dort als Praktikant war (sinniger wäre eigentlich gewesen, dass einer der beiden Aufsätze inhaltlich mit der FU zu tun hat und ich zudem mein Nebenfach früher an der FU studiert habe). Die Aufsätze sind übrigens beide weder über den Online-Katalog noch über Base zu finden - aber zumindest über google...

Mittlerweile sind alle Studien an den Unis abgeschlossen - wo veröffentliche ich nun meine Aufsätze, die demnächst erscheinen? Und für einen Tipp wäre ich hier tatsächlich dankbar. Der Opus-Server der ZLB ist aktuell keine wirkliche Alternative.

Natürlich könnte man diese Problematiken am einfachsten umgehen, wenn die Verlage ihre Artikel nach einer gewissen Frist sämtlich OA publizieren - darauf wollten Sie ja wahrscheinlich hinaus. Klarere Regeln und Zugänge für Autoren würden die Verbreitung von OA aber eventuell erleichtern.

Beste Grüße

Manuel Seitenbecher 
Eberhard R. Hilf (Gast) antwortete am 2013/10/30 09:25:
Herr Seitenbrecher spricht den Kern der schütteren Akzeptanz von OA an: Wissenschaftler wechseln (und sollen wechseln) ihre Institution während ihres Berufslebens. Sie brauchen EIN Archiv ihrer Dokumente, zum leichten Zugreifen, zum Nachweis, für Bewerbungen.
Das würde aber bedeuten, dass die OA-Institutional Repositories ihre Policy ändern müssen -anpassen an den wirklichen Bedarf -: die Arbeiten der Publikationslisten ihrer Institutionsangehörigen OA-archivieren, also den Personen einen Dienst bieten, nicht der Institution zum Nachweis ihrer Tätigkeiten. 
CH. antwortete am 2013/10/30 13:41:
Dauerthema Aufnahmepraxis
Siehe auch:

http://infobib.de/blog/2012/01/20/ergebnisse-wessen-inhalte-durfen-ins-institutional-repository/

Abgesehen davon, dass ich für eine maximale Kulanz in der Aufnahmepraxis bin, gibt es auch noch fachliche oder interdisziplinäre Repositories für diejenigen, die unbedingt alle Publikationen in einem Repository haben möchten.

Die meisten Repository-Betreuer, mit denen ich über dieses Thema sprach, haben keinerlei Probleme mit nicht an der Institution entstandenen Publikationen oder auch mit Veröffentlichungen von Emeritierten.

@Eberhard R. Hilf: Gibt es Belege dafür, dass dies der Kern der "schütteren Akzeptanz von OA" ist? Ein Archiv ihrer Dokumente braucht doch niemand. Eine Bibliographie: ja. Aber unter welcher DOI oder URN das Dokument erreichbar ist, ist zumindest dem Großteil der mir bekannten Wissenschaftler recht egal. 
KlausGraf meinte am 2015/06/05 20:55:
2015: Vom ARG 2013 nur 1 Aufsatz online
http://archiv.twoday.net/stories/1022442111/ 
 

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