Allgemeines
Architekturarchive
Archivbau
Archivbibliotheken
Archive in der Zukunft
Archive von unten
Archivgeschichte
Archivpaedagogik
Archivrecht
Archivsoftware
Ausbildungsfragen
Bestandserhaltung
Bewertung
Bibliothekswesen
Bildquellen
Datenschutz
... weitere
Profil
Abmelden
null

 
Freundlicherweise stellte Dietrich Hakelberg den Volltext seines FAZ-Artikels vom 10. Dezember 2008 zur Verfügung, der auszugsweise bereits im Referat durch das Börsenblatt

http://archiv.twoday.net/stories/5384503/

hier präsent war.

Telemann, filetiert

Der Antiquariatshandel zerstört das Stammbuch des Johann Friedrich Behrendt

HAMBURG, 25. Mai 1736. Ein ostpreußischer Student steht voller Respekt vor Georg Philipp Telemann und reicht ihm sein Stammbuch. Der berühmte Komponist trägt sich mit einem Zitat aus der Synopsis musicae des Johann Lippius von 1612 ein: „Omnia stant Harmonia. Anarmonia cadunt omnia. Nec erigitur, reficitur, restituitur quidquam, nisi ad Harmoniam relatum atque redactum.“ – Alles beruht auf Harmonie. Durch Disharmonie geht alles zugrunde. Nichts wird errichtet, erneuert, wiederhergestellt, wenn es nicht in Harmonie zurückgeführt und verwandelt worden ist.

Der mit diesen Worten bedachte junge Mann hieß Johann Friedrich Behrendt. Er wurde in Insterburg geboren, dem heutigen Tschernjachowsk, das Jahr ist nicht bekannt. Der Vater Johann Behrendt redigierte die erste litauische Bibelübersetzung. Sein Sohn studierte zwischen 1736 und 1739 in Hamburg, Königsberg und Amsterdam. Er schlug die Laufbahn eines Pädagogen ein und wurde auf Empfehlung des Theologen und Dichters Erdmann Neumeister Subrektor und Bibliothekar in Lübeck. Schließlich ging Behrendt 1743 als Rektor an das Gymnasium Zum Grauen Kloster in Berlin. 1757 starb er in Zerbst.

Die Studienreise und die vielfältigen Kontakte des Studenten Behrendt spiegeln sich in seinem Stammbuch, einem schmalen vergoldeten Lederbändchen in Queroktav. Unter den etwa 70 Einträgen in diesem Album finden sich zahlreiche Hamburger und Lübecker Persönlichkeiten. Darunter ist auch Erdmann Neumeister, der Hauptpastor an St. Jacobi in Hamburg. Am 12. Mai 1736 trug er sich in das Stammbuch ein und stand einem späteren Vermerk zufolge 1747 bei einem von Behrendts Söhnen Pate. Während seiner Studien bei Jacques Philippe d’Orville in Amsterdam, der sich 1738 ebenfalls im Stammbuch seines Studenten verewigte, gelangte Johann Friedrich Behrendt „sonderlich in der Lateinischen elegischen Dichtkunst zu einer vortrefflichen Geschicklichkeit.“ Nachzulesen ist dies im Zedlerschen Universal-Lexikon.

Die Stammbuchsitte hatte sich im 16. Jahrhundert von Wittenberg aus zunächst über ganz Deutschland und die Niederlande verbreitet. Studenten legten ihr Stammbuch Kommilitonen und Professoren vor und erbaten deren Eintrag. Meist schrieb man sich mit einem Gemeinplatz ein, einem lateinischen Zitat oder Epigramm. Oft waren dies persönliche Lebensdevisen. Dann folgten Widmung, Ort und Jahr sowie die eigenhändige Unterschrift des Einträgers. Stammbücher sind damit Zeugnisse der frühneuzeitlichen Gelehrten- und Adelskultur und wertvolle biographische, bildungs-, literatur- und sozialgeschichtliche Quellen. Stammbücher ermöglichen die Rekonstruktion der adligen Kavalierstour, geben Einblick in die Vernetzung, die Reisen und die Studienaufenthalte der Studenten. Alba amicorum waren und sind aber auch ein teures Sammelgebiet. Dies gilt besonders dann, wenn sie illustriert sind oder Einträge prominenter Persönlichkeiten enthalten.

Hamburg, 21. Mai 2008: Unversehrt hat Behrendts Stammbuch die fast 272 Jahre nach dem Eintrag Telemanns überstanden. Nun wird es bei einem Auktionshaus versteigert. Die Katalogbeschreibung ist gut recherchiert, dokumentiert die Einträge des Stammbuchs und würdigt dessen Bedeutung. Auf 5000 Euro geschätzt und für 4500 Euro einem unbekannten Bieter zugeschlagen, verschwindet Behrendts Stammbuch wieder von der Bildfläche.

Kurze Zeit später muß die Harmonie der Einträge in Behrendts Stammbuch empfindlich gestört worden sein. Im Angebot des Wiener Antiquariates Inlibris vom Oktober diesen Jahres findet sich ein Telemann-Autograph „von größter Seltenheit“. Es ist das Blatt aus dem Stammbuch des Johann Friedrich Behrendt. Für das aus seinem historischen Zusammenhang gerissene, zum autographen Fetisch degradierte Schriftzeugnis verlangt der Händler 28.000 Euro. Ein Blick auf die Internetseite des Antiquariats fördert im Handumdrehen etwa 30 weitere, deutlich niedriger bewertete Blätter aus Behrendts Stammbuch zu Tage. Darunter ist auch das Blatt mit dem Eintrag Erdmann Neumeisters, für das der wackere Autographenfreund 3.500 Euro anlegen soll. Wie wird wohl der zerfledderte Einbandtorso verwertet?

Der Musikantiquar Albi Rosenthal bezeichnete 1982 das Aufschneiden der vollständigen autographen Partitur von Mozarts Serenata KV 185 in Einzelblätter als einen barbarischen Akt, als kriminelle Handlung [1]. Ein Stammbuch, das einer weniger prominenten historischen Persönlichkeit gehörte, mag dagegen wie eine unbedeutende Marginalie erscheinen. Nach wie vor ist es gängige Antiquarspraxis, Manuskripte und illuminierte mittelalterliche Handschriften, illustrierte Werke und historische Sammelbände aufzuschneiden und die Blätter und Drucke einzeln zu verkaufen. Die versehrten Objekte aber sind Kulturgüter und historische Quellen, die nicht nachwachsen. Das Stammbuch Behrendt ist damit nicht nur ein weiterer schockierender Einzelfall, wie der Handel gedrucktes und geschriebenes Kulturgut aus Privatbesitz unwiederbringlich zerstören kann. Es ist ein Fall für die Berufsethik der ganzen Antiquariatsbranche.

DIETRICH HAKELBERG


[1] Ergänzende Anmerkung:

Das Rosenthal-Zitat aus:
Music and Movement. Interview in: Book World Advertiser,
vol. 1, no. 10, 25. Feb. 1982, wieder abgedruckt in:
Obiter scripta : essays, lectures, articles, interviews and
reviews on music, and other subjects / Albi Rosenthal;
edited for publication by Jaqueline Gray. Oxford : Offox
Press, 2000, S. 438-442, Abb. des Mss. S. 441
(Katalogbeschreibung von Stargardt 1975).

Siehe auch:
http://www.seitoku.ac.jp/daigaku/music/mozart06/writings/amuller/amueller061206d.pdf

***

Hinsichtlich der Wertung dieses abscheulichen Schlachtens von Kulturgut ist auf unseren früheren Beitrag zu verweisen. Es handelt sich keinesfalls um einen Einzelfall, siehe etwa

http://archiv.twoday.net/stories/3048883
http://palimpsest.stanford.edu/byform/mailing-lists/exlibris/2004/08/msg00028.html
http://log.netbib.de/index.php?s=zerleg

Zur Diskussion im Börsenblatt die entlarvenden Kommentare einiger Antiquare und Mulzers Verteidigung unserer hier vertretenen Position:
http://www.boersenblatt.net/295855/

 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma