Allgemeines
Architekturarchive
Archivbau
Archivbibliotheken
Archive in der Zukunft
Archive von unten
Archivgeschichte
Archivpaedagogik
Archivrecht
Archivsoftware
Ausbildungsfragen
Bestandserhaltung
Bewertung
Bibliothekswesen
Bildquellen
Datenschutz
... weitere
Profil
Abmelden
null

 
Soeben wurde aufgrund eines Leserhinweises ein Löschantrag auf den am 11. März 2008 angelegten Artikel Karl Maria Steinberg gestellt. Er sei ein Fake:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Karl-Maria_Steinberg&action=history

Offenkundig hat außer dem Erstanleger "Detmeier", der zuvor einen nicht getürkten Artikel erstellte, auch noch eine sonst nicht in der Wikipedida tätige Benutzerin Historikerin09 im Juli 2009 mitgefälscht: "erg Details aus Forschungsliteratur (siehe Peukert) und Archiv-Recherche".

Skandalös ist das Versagen der wikipedia-internen sogenannten Qualitätssicherung, die die Fälschung in einen formal ordentlichen Artikel verwandelte, denn dem dort tätigen Benutzer Machahn kam durchaus der Fälschungsverdacht:

"Nach längerem Suchen habe ich einen leichten Fakeverdacht. In einschlägigen Büchern zu sozialdemokratischen Widerstand und Widerstand allgemein findet sich nichts, im Netz ohnehin nichts. Im Artikel wird dies mit Vernichtung seiner Schriften begründet. Ist natürlich irgendwie plausibel, aber wenn es Fake ist, doch auch geschickt. Die einzige Quelle ist eine Microfichesammlung (hat natürlich auch nicht jeder im Schrank um Angaben verifizieren zu können.) Bleibt noch posthumes Werk. Die Zeitschrift gab es, ist aber eine Übersetzung aus dem Französischen. Das im Ausland ein völlig unbekannter Autor veröffentlicht wurde, ist schon seltsam. Stutzig macht auch der Werktitel: „Glaubt nicht alles, was Ihr lest!“ Ich will Autor kein Fake unterstellen, aber es wäre mir wohler, wenn jemand die Angaben irgendwie verifizieren könnte."

Dazu ein Lidius: "Auch wenn die Quellenlage dünn ist glaube ich nicht an einen Fake, Benutzer:Detmeier der den Artikel angelegt hat, erstellte auch einen zweiten, der im Grund zwar schlecht war und stark überarbeitet werden musste, aber auch real und in der gleichen Materie angesiedelt war."

Das wars dann auch. Das Vorgehen ist typisch: Was nicht online greifbar ist, wird nicht überprüft. Es wäre ohne weiteres möglich und geboten gewesen, eine Mail mit der Bitte um Nachschlagen der Fakten in der als Quelle angegebenen Mikrofichesammlung an das Institut für Zeitgeschichte oder eine Bibliothek, die sie besitzt, zu senden, um den Fake-Verdacht zu überprüfen. Nach meinen Erfahrungen würde eine solche Auskunftsbitte von den allermeisten Institutionen nicht abgelehnt, und Auskunftsangebote wie QuestionPoint sind ja auch für solche Fragen gedacht. Es gibt schlicht und keine Entschuldigung außer geistiger Trägheit und Faulheit, dass eine Überprüfung unterblieb, auch wenn der Fake-Verdacht leider nur "leicht" war. Man hätte mindestens jemand aus der Redaktion Geschichte zu Rate ziehen können, um das weitere Vorgehen zu beraten.

Außerdem gibt es für solche Fälle die Wikipedia-Bibliotheksrecherche:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bibliotheksrecherche

Bei Google ist die Person auffindbar, aber das geht, wie nicht anders zu erwarten, auf den Artikel zurück. Und es gibt keinen einzigen Treffer in Google-Books.

Weder in der deutschen Erstausgabe des "Panoramas des zeitgenössischen Denkens"

http://books.google.com/books?ei=F-BxS9rDJJi2yASNkdz8DQ (Schnipsel)

noch in der bei HathiTrust durchsuchbaren französischen Ausgabe kommt die Zeichenfolge Steinberg vor.

Und in dem Buch von Peukert begegnet Steinberg nur als Name eines Autors der Sekundärliteratur:

http://books.google.com/books?ei=oOhxS5rMD6LAzQST--WyDg&cd=6&q=intitle%3Avolksgenossen+steinberg&btnG=Search+Books (Schnipsel)

Mehr als befremdlich wirkt der angebliche Giftpilzanschlag durch Steinberg, und wenn man den Artikel über Bauchpilze aufschlägt und weiterrecherchiert stößt man auf die Gemeine Stinkmorchel:

Birger Fricke http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de

Shit happens, und die meisten Fakes werden schneller entdeckt. Aber dass eine einfache Methode der Überprüfung nicht genutzt wird, ist zu weit verbreitet in der Wikipedia als dass man darüber schweigen dürfte. Dabei geht es nicht nur um Fakes, sondern auch um dubiose Einzelangaben. Was nicht im Internet ist, ist nicht in der Welt. Wenn gedruckte Literatur zitiert wird, die nicht leicht greifbar ist, kann man der Wikipedia wohl jeden Bären aufbinden.

Update: TEXTDOKUMENTATION (da soeben ein Antrag auf Schnelllöschen gestellt wurde, dem einige Minuten später stattgegeben wurde)

Karl-Maria Steinberg (* 14. Dezember 1901; † 24. April 1945) war ein deutscher Privatgelehrter und Sozialdemokrat.

Geboren wurde Karl-Maria Steinberg in Lübeck. Sein Vater, Edmund Steinberg, war tief in der sozialdemokratischen Bewegung verwurzelt und übte frühen politischen Einfluss auf den Sohn aus. Entsprechend waren es die Schriften vornehmlich von Karl Marx, die ihn nachhaltig prägten.

Steinberg verließ die Schule ohne Abschluss, und auch beruflich gelang es ihm anschließend nicht, Fuß zu fassen. Mit 28 Jahren zog er nach Hamburg, um als Gasthörer die Universität zu besuchen, wo er u. a. die Vorlesungen des Philosophen Ernst Cassirer hörte. Als Autodidakt beschäftigte er sich ab 1929 auch mit Mykologie, zunächst in seiner Freizeit, später in den Vorlesungen des Botanikers Hans Winkler. Steinbergs Interesse galt vornehmlich der Systematik der Bauchpilze (Gastromycetes). Als Winkler sich öffentlich zum nationalsozialistischen Lehrerbund bekannte, wandte sich Steinberg endgültig von der Universität ab.

Der finanzielle Hintergrund der Eltern ermöglichte ihm fortan das Dasein eines philosophischen Privatiers. Dennoch geriet Steinberg in dieser Zeit mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Ein Ermittlungsverfahren wegen Beischlafdiebstahls wurde zwar eingestellt, sollte ihn aber Jahre später im Hamburger Hochverrat-Prozess zusätzlich in Misskredit bringen.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten war für ihn ein einschneidendes Erlebnis. Die Erfolge der NS-Propaganda erschütterten ihn und beschäftigten ihn theoretisch. Seine Gedanken dazu konnte er nie publizieren. Er stellte sie jedoch in sozialdemokratischen Widerstandskreisen und bürgerlichen Abendgesellschaften zur Diskussion. Auf Grund einer Äußerung bei einer solchen Gelegenheit wurde er im Jahre 1945 denunziert. Das anschließende Verfahren vor dem Sondergericht in Hamburg fußte u. a. auf dem Vorwurf, Steinberg habe ein Giftpilz-Attentat auf einen Sekretär des Hamburger Nationalclubs geplant, und führte zu einer Verurteilung zum Tode. Das Urteil wurde noch in den letzten Tagen der NS-Herrschaft, am 24. April 1945, vollstreckt.

Seine Schriften wurden fast vollständig von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und vernichtet. Überliefert ist jedoch neben handschriftlichen Notizen zur mykologischen Feldforschung u. a. das Fragment seines Aufsatzes „Glaubt nicht alles, was Ihr lest!“, das posthum veröffentlicht wurde. Alle Aufzeichnungen, die Anklageschrift sowie das Urteil des Sondergerichts lagern heute im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde.

Quellen

* Karl-Maria Steinberg: „Glaubt nicht alles, was Ihr lest!“. In: Gaetan Picon (Hrsg.): Panorama des zeitgenössischen Denkens. Stuttgart und Hamburg 1957, S. 485–507.
* Widerstand als Hochverrat (Mikrofichesammlung), herausgegeben von Jürgen Zarusky, München 1998.
* Detlev Peukert: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus. Frankfurt/Main 1982.

Personendaten
NAME Steinberg, Karl-Maria
KURZBESCHREIBUNG deutscher Privatgelehrter und Sozialdemokrat
GEBURTSDATUM 14. Dezember 1901
STERBEDATUM 24. April 1945

Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Maria_Steinberg“

Kategorien: Wikipedia:Schnelllöschen | NS-Opfer | Deutscher | Geboren 1901 | Gestorben 1945 | Mann
 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma