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Biographie, Genealogie und Archive gemeinsam im digitalen Zeitalter. Detmolder Sommergespräche 2006 und 2007. Hrsg. von bettina Joergens. Insingen: Verlag Degener & Co. 2009. 268 S., 24,90 Euro

Der hier bereits angezeigte Band dokumentiert zwei Detmolder Sommergespräche, die dem löblichen Ziel dienen, den Dialog zwischen den Genealogen (mitunter als "Geschlechtskranke" geschmäht) und den Archivaren zu verbessern.

Der erste Teil hat einen quellenkundlichen Akzent. Er setzt ein mit einem Beitrag (Plato), der osteuropäische Oral-History-Projekte und den "Flickenteppich von Erinnerungskulturen" (S. 38) vorstellt. Lebendig berichtet Schäfer von einem "Geschichte von unten"-Oral-History-Projekt in Lippe. Anhand von Traditionsquellen (überwiegend Selbstzeugnissen/Ego-Dokumente) verdeutlicht Prieur-Pohl quellenkritische Caveats (hoffentlich zu Nutz und Frommen von Familienforschern als einer der Zielgruppen des Bandes). Quellenkritisch bearbeitet Doetzer-Berweger den Briefwechsel der jüdischen Familien Rosenberg, Eisenstein und Eichenberg 1933-1947.

Krüggelers Aufsatz enthält interessante Auskünfte zur Namensführung und zu dem, was man über Bauernfamilie in Varensell ca. 1750-1813 durch archivalische Forschungen herausbekommen kann. Im Anhang werden auszugsweise Inventarlisten abgedruckt. Es wird allerdings nicht begründet, wieso der Familienname der Familie mit F. abgekürzt wird. Dies ist nun mehr als befremdlich: Historische Forschung in dieser Zeit, die mehr als 200 Jahre zurückliegt, bedeutet, Ross und Reiter, also auch Namen zu nennen. Eine solche Anonymisierung - zumal wenn sie nicht begründet wird - hat hier keinen Platz. Die Aufnahme eines solchen "exemplarisch" gedachten Beitrags ist das denkbar falsche Signal an die Genealogen!

Über den genealogischen Quellenwert von Amtsgerichtsbestände unterrichten knapp Hammes und Lüking. Die Bewertungsproblemtik von Massenakten und -daten spricht Metzke an. Wenn auch künftig eine Familiengeschichtsforschung der Mittel- und Unterschichten möglich sein soll, "müssen auch weiterhin personenbezogene Massendateien in den Archiven vorgehalten werden" meint er zu Recht (S. 183).

Der zweite Teil des Bandes thematisiert vor allem Fragen der Computer-Genealogie. Junkers gibt einen Überblick zu Genealogieprogrammen und Verkartungsprojekten, Niebuhr stellt die genealogischen Sammlungen in der Detmolder Abteilung des Landesarchivs NRW vor und spricht auch die Frage der aktuellen Ergänzungsüberlieferung, also Übernahme privater Sammlungen an. Die Probleme der Langzeitarchivierung digitaler Daten verdeutlicht Kahnert, wobei es allerdings sinnvoll gewesen wäre, der anvisierten genealogischen Zielgruppe einige brauchbare Internetadressen an die Hand zu geben.

Außerordentlich oberflächlich behandelt Wischhöfer den Gegensatz von Open Access (siehe dazu besser http://archiv.twoday.net/topics/Open+Access/ und insbesondere http://archiv.twoday.net/stories/6164988/ ) und dem Wunsch nach Kommerzialisierung des Kulturguts in Form der Kirchenbücher im geplanten Kirchenbuchportal. Der Beitrag erhellt die Problematik keineswegs.

Das kostenlose niederländische Personenstandsdatenportal Genlias http://www.genlias.nl stellt Rensch vor. Über die sehr engen Beziehungen zwischen dem Staatsarchiv Bremen und der Gesellschaft für Familienforschung ("Die Maus") berichten Elmshäuser und Voss.

Zwei Beiträge (Wischhöfer und Küntzel/Leiverkus) präsentieren Praxisbeispiele zur Einbindung von Ehrenamtlichen im Archiv.

Den aus meiner Sicht gehaltvollsten Beitrag hat die Herausgeberin Joergens vorgelegt. Eine Wissenschaftsgeschichte der Disziplin Genealogie unter Einbeziehung der kulturwissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahre zur Denkfigur Genealogie ist ein Desiderat. Indem Joergens nach der "Geschichte der Praxis der Genealogie" anhand von genealogischen Aufzeichnungen und visuellen Darstellungen im Detmolder Archiv fragt, legt sie, auch wenn ihr sehr viel Wichtiges entgangen ist, durchaus bemerkenswerte Bausteine für eine solche Wissenschaftsgeschichte vor. Sie sieht "Genealogie als Archivierungssystem zur Ordnung synchroner und diachroner Komplexität" (S. 157).

Ergänzende Hinweise zu diesem Thema:

http://archiv.twoday.net/stories/4349225/
http://archiv.twoday.net/stories/5145834/
http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2009/13798/
http://archiv.twoday.net/stories/6186936/

Der Band, dem man eine opulentere (vor allem farbige) Bebilderung und ein Register gewünscht hätte, eignet sich nicht nur für Archivbibliotheken und wissenschaftlich arbeitende Genealogen. Aufgrund der quellenkundlichen Beiträge kann er auch hilfswissenschaftlich orientierten Bibliotheken empfohlen werden.

INHALT

Vorwort (Jutta Prieur-Pohl) S. 7

Biographie, Genealogie und Archive gemeinsam im digitalen Zeitalter. Die Detmolder Sommergespräche als Diskussionsforum - eine Einleitung. (Bettina Joergens) S. 9-19

1. Genealogie, Biographie, Alltagsgeschichte: Perspektiven und Probleme der Quellenforschung

"Die Ungleichzeitigkeit von Systembruch und persönlicher Neuorientierung. Einige Anmerkungen zur Oral History nach Nationalsozialismus und dem Zusammenbruch der Sowjetunion" (Alexander von Plato). S. 23-44

"Oma" als Quelle. Frauen in Lippe suchen ihre Geschichte (Ingrid Schäfer). S. 45-62

Vorsicht Quelle! Über den Umgang mit biographischen Quellen (Jutta Prieur-Pohl). S. 63-78

"Aus Menschen werden Briefe" - aus Briefen werden Biographien. Die Korrespondenz einer jüdischen Familie zwischen Verfolgung und Emigration 1933 - 1947 (Oliver Doetzer). S. 79-98

"Biographie" eines eigenbehörigen Bauern aus der Grafschaft Rietberg (Wilhelm Krüggeler). S. 99-120

Familienforscher und Amtsgerichtsbestände am Beispiel des Landesarchivs NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe (Ulrike Hammes und Lars Lüking ). S. 121-134

Familie, Zeit und Ordnung. Genealogie historisch betrachtet (Bettina Joergens). S. 135-172

Genealogie als Beitrag zur Erinnerungskultur (Hermann Metzke). S. 173-183

2. Archive, Forschung und (Computer-)Genealogie: Perspektiven für neue Kooperationen

Genealogieprogramme und Verkartungsprojekte. Ein systematischer Überblick (Günter Junkers). S. 187-196

Überlieferungsbildung und genealogische Sammlungen (Hermann Niebuhr). S. 197-212

Digitaler Stammbaum - für die Ewigkeit? Technische Aspekte der Langzeitarchivierung (Wolfgang Kahnert). S. 213-219

Open Access oder "Turning Archival Databases into Goldmines"? Überlegungen zu einem Kirchenbuchportal der deutschen Kirchenarchive im europäischen Kontext (Bettina Wischhöfer). S. 221-227

Das Projekt Genlias in den Niederlanden (Jacques van Rensch). S. 229-234

Kreative Mitarbeiterbeschaffung im Landeskirchlichen Archiv Kassel - Das Modell Friendraising (Bettina Wischhöfer). S. 235-244

Das Staatsarchiv Bremen und die Gesellschaft für Familienforschung Bremen - Entwicklung und Grundlagen einer Kooperation (Konrad Elmshäuser und Rudolf Voss ). S. 245-260

Ehrenamtliche im Archiv - Denkanstöße aus der Praxis (Astrid Küntzel und Yvonne Leiverkus). S. 261-266
 

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