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Ich gebe im folgenden kommentierte Auszüge aus der mit Anmerkungen versehenen Version im Blog der Speyrer Tagung:

//archive20.hypotheses.org/454

Am 27. Juni 2012 wurde vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium der Geheimdienste bekannt, dass während der Ermittlungen gegen den rechtsterroristischen sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund beim Verfassungsschutz mehrere Akten vernichtet worden waren. Umgehend wurde das Thema von allen größeren Medien aufgegriffen. In den folgenden Tagen äußerte sich auch der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) in mehreren Pressemitteilungen zu den Vorgängen und verurteilte diese Vernichtung von Akten zu Recht mit scharfen Worten. Vereinzelt wurden diese Äußerungen von der Presse auch aufgenommen. Danach verstummten die Archivare, auch wenn mehrfach weitere Aktenvernichtungen bei den Ermittlungsbehörden bekannt wurden, und auch wenn die eigenmächtige Vernichtung von Akten durch Behörden zu den ärgerlichen, wenngleich keineswegs unüblichen Berufserfahrungen wohl jeden Archivars gehört. Eines unserer Kernthemen, der Umgang mit der schriftlichen Überlieferung, stand für einen kurzen Moment im Rampenlicht des bundesweiten öffentlichen Interesses. Und was fiel uns ein? Pressemitteilungen, inklusive der damit verbundenen Abtretung der Relevanzentscheidung an einen mehr oder weniger interessierten Redakteur. Als dann im Oktober der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsschutzes vor dem Untersuchungsausschuss aussagte und die Vernichtung von Akten wegen der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen als einen völlig normalen und notwendigen Vorgang bezeichnete, war von den Archivaren nichts zu hören. Wie auch? Was hätten wir denn für Möglichkeiten gehabt? Einen Aufsatz in der regionalen Fachzeitschrift verfassen? Einen Arbeitskreis bilden? Einen Notfall-Archivtag einberufen? Sehen wir der Realität ins Auge: Kommunikationskanäle nach außen haben wir abseits der traditionellen Pressemitteilung praktisch nicht und eine Diskurshoheit können wir außerhalb der eigenen Berufsgruppe nicht annähernd erlangen. Es schwadronierten also hochrangige Behördenvertreter offenkundig ohne Wissen um archivische Belange und wir mussten stumm bleiben und uns allenfalls im Kollegenkreis empören. Mussten wir? Eine leise Ahnung davon, dass es auch anders ging, konnte man allerdings bekommen. Abseits der traditionellen Diskussionskanäle der Fachwelt berichtete nämlich das Blog Archivalia[2] und auch in der Gruppe Archivfragen auf Facebook wurde das Thema diskutiert[3]. Viel zu wenig natürlich, um an den misslichen Entwicklungen etwas zu ändern, aber doch ein Blick auf Kommunikationsstrukturen, wie sie mit sozialen Medien denkbar sind.

Die Kritik am VdA ist berechtigt. Man hätte z.B. ein Aktenvernichtungsblog mit Materialien für die Presse (und natürlich die Verwaltungen) aufsetzen können.

Anm. 2 lautet:

Vgl. exemplarisch //archiv.twoday.net/stories/97069512/#97071664

Was den deutschen Archivaren in einer problematischen archivpolitischen Situation nicht gelang, das gelang ihren amerikanischen Kollegen in einer ungleich dramatischeren Situation: Die Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für die eigenen Anliegen, was hierbei tatsächlich zu einem Erfolg der archivischen Seite führte. Bis vor einer Woche hätte ich noch behauptet, dass ein solches archivischesSocial-Media-Campaigning unter Einbeziehung einer interessierten Netz-Öffentlichkeit in Deutschland nicht zustande käme. Doch die Causa Stralsund hat mich da eines Besseren belehrt und – passend zu dieser Tagung – hat wohl auch das deutsche Archivwesen seine erste erfolgreiche Kampagne, die maßgeblich in den sozialen Medien wurzelt.[5]

Anm. 5
Vgl. https://www.facebook.com/rettetarchivbibliothekstralsund

Mir gefällt nicht, wie hier der Ausgangspunkt der Kampagne unterschlagen wird: Archivalia. Und es ist doch sehr zweifelhaft, ob man von einer Kampagne des Archivwesens sprechen kann, selbst wenn man darauf verzichtet, den Vortragenden Legationsrat I. Kl. einmal mehr namentlich bloßzustellen.

Die Kampagne wurzelt in meinem Einsatz seit 1994 für bedrohte Kulturgüter, und an nennenswerte Hilfe aus dem Kreis der Archivierenden erinnere ich mich nicht. So dankbar ich für die Erklärungen des VdA oder z.B. die Solidarität des Siwiarchivs bin: das deutsche Archivwesen hat so gut wie keinen Anteil an der Stralsunder Kampagne. Im siebenköpfigen Orgateam bin ich der einzige Archivar. Mich hat auch nie ein Kollege oder eine Kollegin in dieser Sache von sich aus angerufen.

Dr. Kuno Ulshöfer, früher Direktor des Nürnberger Stadtarchivs und renommierter südwestdeutscher Landeshistoriker, äußerte sich in den Kommentaren zur Petition harsch Diese Sache darf einfach nicht wahr sein.

https://www.openpetition.de/petition/kommentare/rettet-die-stralsunder-archivbibliothek

Er schrieb mir auch eine kurze Mail nach Aachen. Sein Amtsnachfolger Dr. Michael Diefenbacher, Vorsitzender des VdA, hielt es noch nicht einmal für nötig, die Petition zu unterzeichnen!

Wenn man die Namen der Petition durchgeht, wird man sehr viel mehr wichtige Leute aus dem Bibliothekswesen als solche aus dem Archivwesen finden, da bin ich mir sicher.

Von den Stuttgarter Unterzeichnern kenne ich nur "Dr. Hermann Bannasch". Der ist zwar Archivar, aber ebenso wie Ulshöfer schon im Ruhestand. Von meinen eigenen lieben Marburger Kurskollegen hat, wenn ich niemand übersehen habe, keiner namentlich unterzeichnet.

Von daher ist es grob angemessen, die Kampagne für das deutsche Archivwesen in Anspruch zu nehmen!

Zurück zu Gillner!

Problemlos lassen sich andere Beispiele finden, die von einem momentanen Nicht-Verstehen von sozialen Medien im deutschen Archivwesen zeugen. Vielleicht Crowdsourcing? Mitte 2012 hat die Archivschule das Online-Lexikon „Terminologie der Archivwissenschaft“ gestartet. Ein Wiki, immerhin, also ein wunderbar praktisches Medium, um kollaborativ Wissen zu sammeln. Doch leider dürfen in diesem Wiki allein die aktiven Referendare der Archivschule schreiben. Man scheint es also für sinnvoller zu erachten, das Wiki durch eine kontrollierbare Kleinstgruppe befüllen zu lassen als auf die Erfahrung und das Wissen einer breiten Fachöffentlichkeit zurückzugreifen. Entsprechend hat sich seit der ersten Befüllung vor rund fünf Monaten auch nichts mehr am Inhalt geändert.

Guter Punkt!

So sieht also momentan, am Ende des Jahres 2012, die virtuelle Präsenz der deutschen Archive aus: Die Kommunikation ist eine klassische traditionelle Behördenkommunikation, geboren im AncienRégime, verfeinert im Untertanenstaat, herübergerettet ins digitale Zeitalter. Informationen werden quasi-obrigkeitlich verkündet, die Homepage funktioniert kaum anders als das preußische Gesetz- und Verordnungsblatt. Die Interaktivität erschöpft sich in der Anfragenbearbeitung mittels Eingabe und Bescheid, einem – die erfahrenen Aktenkundler werden es wissen – Verhältnis der Über- respektive Unterordnung. [...]

Bürgernähe, Interaktivität, Transparenz – was läge hier näher als an die Möglichkeiten von sozialen Medien zu denken? Für die deutschen Archive offensichtlich anderes. Es sind nicht die Chancen und Potentiale der Entwicklung, die hier gesehen werden – einer Entwicklung, die ohnehin unumkehrbar sein dürfte! –, sondern die Bedrohung von bekannten Arbeitsprozessen, von traditionellen Hierarchien, von ohnehin knappen Ressourcen.


Treffend formuliert!

Dagegen nehmen sich die wenigen deutschen Aktivitäten mager aus: Wir haben einige aktive Kommunalarchive, die (z.T. mit bescheidenen Mitteln) die Potentiale von sozialen Medien wie Facebook und Twitter sehr effektiv nutzen.[15] Wir haben eine rudimentäre Blogstruktur, allen voran Archivalia, sozusagen das große alte Schlachtschiff des deutschen Archiv 2.0, mit einer immensen Vielzahl von Hinweisen und Nachrichten nicht nur im Bereich Archiv, sondern auch aus dem ganzen Open Data-Bereich sowie einigen historischen Spezialgebieten.[16] Diesem hat sich in diesem Jahr das Blog siwiarchiv an die Seite gesellt, das wunderbar zeigt, wie Archive ihre regionalgeschichtliche Kompetenz in moderner Weise unter Beweis stellen können.

Ich bin auch ein großer Fan von Siwiarchiv.

Auf das Gesamtbild gesehen ist das Genannte allerdings sehr wenig, weshalb das bittere Fazit zum Verhältnis von Archiv und Web 2.0 in Deutschland an dieser Stelle lauten muss: es ist kostenlos, es ist weitverbreitet, es hat immense Potentiale – von so was lassen wir lieber die Finger!

Ausgezeichnet ausgedrückt!

Warum fällt es den deutschen Archiven so schwer, das Web 2.0 als natürlichen Bestandteil der beruflichen Existenz zu begreifen, den Schritt zu vollziehen, den bereits zahllose Privatleute und Unternehmen und durchaus auch nicht wenige öffentliche Einrichtungen bereits vollzogen haben? Oder, wie Klaus Graf es bereits 2006 in einem Diktum formulierte, das weithin noch immer seine Gültigkeit hat: Warum sind deutsche Archivare virtuell so grauenhaft unkommunikativ?[22]

Anm. 22 verweist auf
//archiv.twoday.net/stories/2678326/

Damals (2006) habe ich versucht, ein paar Basisinformationen zum Web 2.0 zusammenzustellen.

Seit damals gibt es wohl auch die Archivalia-Rubrik Web 2.0, die früheren Einträge stammen von einer ehemaligen Kategorie, die Foren oder so hieß.

//archiv.twoday.net/topics/Web+2.0/?start=570

Obwohl Archivalia in Archivkreisen viel gelesen wird, hat man die vergleichsweise häufigen Informationen zum Web 2.0 überwiegend beharrlich ignoriert.

Ursachen: 1. Generationenfrage

Diejenigen, die die strategischen Entscheidungen treffen – für einzelne Archive wie für das gesamte Archivwesen –, sind diejenigen, die die geringsten Berührungspunkte zum Thema Social Media haben.

2. Der publizistische Diskurs

Wer keine persönlichen Erfahrungen mit sozialen Medien mitbringt, wird durch den publizistischen Diskurs auch nicht ermutigt, ebensolche zu sammeln. Social Media erscheint dort lediglich als chaotische Kraft, die bestehende Arbeits- und Lebensstrukturen zersetzt, kaum aber als faszinierendes Element zukünftiger beruflicher oder zivilgesellschaftlicher Organisation.

3. Keine Experimente!

Siehe dazu aber die erste These in meinem eigenen Referat:

//archiv.twoday.net/stories/219051687/

4. Das Paul-Jonas-Phänomen

Paul Jonas ist eine der Hauptfiguren in den Otherland-Romanen des Amerikaners Tad Williams, einer Cyberpunk-Saga, was doch irgendwie zu unserem Thema passt. Paul Jonas wacht eines Tages in einer ihm fremden Welt auf und hat überhaupt keine Ahnung, wer er ist, wo er ist und wie er dorthin gekommen ist. Bald stellt sich heraus, dass er in einer virtuellen Realität festhängt und in der Folgezeit wird er durch eine verwirrende Vielzahl virtueller Welten stolpern, die ihm fremd sind und erst ganz am Ende verstehen, was das alles ist und wofür das alles da ist.

5. Das Vogel-Strauß-Prinzip

Soziale Medien werden nicht als Antwort auf archivische Herausforderungen gesehen, allenfalls als neues Problem. Auch scheint es – anders etwa als bei der digitalen Langzeitarchivierung – keine Sachzwänge zu geben, sich mit diesem Neuen auseinandersetzen zu müssen. Stattdessen dominiert eine Nicht-Beachtung der Thematik, ungeachtet dessen, dass Blogs, Wikis, Facebook, Twitter zur alltäglichen Lebensrealität von Millionen Menschen gehören. Wie beim sprichwörtlichen Vogel Strauß wird der Kopf in den Sand gesteckt und scheinbar geglaubt, dass diese unbekannten Neuerungen wieder verschwinden. Im Dunkeln wächst aber keine Erkenntnis, im Dunkel wächst allenfalls die Angst. Angst davor, die ohnehin knappen Ressourcen auf weitere Aufgaben verteilen zu müssen. Angst davor, die Ressourcen fehl zu investieren, indem man auf einen vielleicht nur kurzlebigen Hype aufspringt. Angst vor den Nutzern, sei es vor ihrer steigenden Zahl oder vor kritischen oder destruktiven Kommentaren. Angst davor, Arbeitsweisen und Arbeitsstrukturen publik zu machen, gar rechtfertigen zu müssen. Angst vor einem allgemeinen Kontrollverlust: Kontrollverlust über Arbeitsweisen, über Informationen, über die fachliche Deutungs- und Diskurshoheit, vielleicht gar über die eigenen Bestände, wenn sie in digitalisierter Form vorliegen. Was der Kopf im Sand naturgemäß nicht ermöglicht, das ist die Erweiterung des Horizonts, der Blick auf die Möglichkeiten jenseits der bisherigen Arbeitsweisen.

Schön gesagt!
hospes (Gast) meinte am 2012/12/10 10:53:
Glänzende Analyse
Bastian Gillner und allen anderen, die diese Verschlafenheit sehen, bleibt als nicht unbegründete Hoffnung, dass mit dem anstehenden Generationswechsel doch noch einiges anders wird. Liebe jüngeren Kolleginnen und Kollegen: nutzt Eure Chancen! 
 

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