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"Heute ist es genau ein halbes Jahr her, seit in Köln das Historische Stadtarchiv einstürzte. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben, Dokumente von unschätzbarem Wert wurden weitgehend zerstört. Kulturdezernent Georg Quander und Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia ziehen aus diesem Anlass heute um 10.30 Uhr Bilanz und geben einen Überblick über die anstehenden Arbeiten. Ursache für den Einsturz war wahrscheinlich der Ausbau der Kölner U-Bahn direkt unterhalb des Archivgebäudes. Die Ermittlungen dazu sind jedoch noch immer nicht abgeschlossen."
Quelle: Bild
Wolf Thomas meinte am 2009/09/03 13:50:
Presse-Echo:
Stadtarchiv Köln ein "komatöser Rekonvalszent" (nach Schmidt-Czaia)?
Link: //www.bild.de/BILD/regional/koeln/dpa/2009/09/03/halbes-jahr-nach-einsturz-koeln-zieht-bilanz.html
"Milliarden-Puzzle" (Schmidt-Czaia)
Quelle: //www.ksta.de/html/artikel/1251966219918.shtml
"Nichts mehr wie zuvor"
Quelle: //www.domradio.de/aktuell/artikel_56402.html 
ebertplatz.de meinte am 2009/09/04 00:25:
Was der interessierte Bürger gelernt hat...
... dass das Unglück die Kölner überhaupt nicht bewegt hat, wie ein Prozent mehr Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl beweist.
... dass man Verantwortung soweit deligieren kann, dass selbst bei einem GAU niemand mehr Verantwortung trägt.
... dass die Branche - Archivare und Historiker - die Betroffenheit der Bürger über das Unglück mit der eigenen Betroffenheit über die Verluste des Archivs verwechselt.
... dass die Branche - Archivare und Historiker - unter sich bleiben will.
... dass nur Professionelle - Studenten, Doktoranden, Wissenschaftler - die erwünschte Clientel eines Archivs sind.
...dass hohe Kostenschätzungen eher die Unterstützungsbereitschaft der Steuerbürger bröckeln lässt.
... dass man die Anpassung an den Stand der Technik und Möbelierung unwidersprochen als "Bürgerarchiv" verkaufen kann.
... dass die im eigenen Archiv-Chaos überlebende Lesesaal-Quittung vom letzten Besuch September 2008 einen "Wert" hat.
... dass ein simpler Virus-Infekt den Besuch eines Gebäudes zum Einsturzzeitpunkt verhindern kann.

Nachtrag als Reaktion auf die Antwort von Herrn Wolf:
Mein Resumee ist natürlich subjektiv. Meine Schlußfolgerungen ergeben sich aus dem Medienecho und persönlichen Beobachtungen auf mehreren Veranstaltungen (vor und) nach dem Kölner Unglück. 
Wolf Thomas (Gast) antwortete am 2009/09/04 09:20:
Wichtige Fragen an uns !
Spiegeln wir Archivierenden wirklich nur die eigene Betroffenheit in der Reaktion der BürgerInnen oder überschätzen wir nur das uns nach Köln entgegengebrachte Interesse?
Ist die Archivbranche wirklich so selbstreferentiell?
Ist die bevorzugte Kundschaft in allen Archiven nur die "professionelle" ?
Sind realistische Kostenschätzung kontraproduktiv?
Ist ein wirkliches "Bürgerarchiv" utopisch oder nur nicht gewollt? 
Wolf Thomas (Gast) antwortete am 2009/09/04 11:48:
Auch subjektive Beobachtungen können, in diesem Fall müssen Sie zu Fragen führen. Einige habe ich mir schon vor "Köln" gestellt (z. B. Kundschaft), andere sind erst durch Köln relevant geworden. Wenn man die professionelle Reaktion auf die Grafsche Idee eines Bürgerarchivs kennt, dann ist die Frage an uns genauso zu stellen. 
Wolf Thomas (Gast) meinte am 2009/09/04 09:31:
Video zur Pressekonferenz:
 
Wolf Thomas meinte am 2009/09/04 11:59:
Pressemitteilung der Stadt Köln v. 3.9.2009:
"Vor genau sechs Monaten, am 3. März 2009, stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Zwei Menschen starben in den Trümmern mitgerissener Wohnhäuser. 36 Anwohnerinnen und Anwohner verloren durch den Einsturz ihre Wohnung. In dem Trümmerfeld auf der Severinstraße wurden Archivgüter aus 1.000 Jahren Kölner Geschichte verschüttet. Das "Gedächtnis Kölns", so lautete anfangs die Befürchtung, könnte für immer vernichtet worden sein.

Oberbürgermeister Fritz Schramma:

Der Archiveinsturz war eine tragische menschliche und kulturelle Katastrophe für Köln. Doch noch in der Trauer darüber entstand der Wille, dieses Unglück gemeinsam zu meistern. Dank der unermüdlichen Arbeit der vielen Einsatzkräfte vor Ort, der mehr als 1.500 Einsatzkräfte der Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes und der Hilfsorganisationen und der mehr als 1.800 freiwilligen Helfer aus dem In- und Ausland, gelang es in den nächsten Monaten, über 85 Prozent der Archivalien zu bergen, den Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, wieder Lebensmut und ein neues Zuhause zu geben. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten mein herzliches Dankeschön für diesen immensen Einsatz aussprechen.

Um die Restaurierung der geborgenen Archivgüter finanzieren zu können, schlägt Oberbürgermeister Fritz Schramma dem Rat in seiner Sitzung am 10. September 2009 vor, die Verwaltung zu beauftragen, eine Stiftung zugunsten des Historischen Archivs zu gründen:

Der Rat soll sich bereit erklären, in die zu gründende Stiftung ein Stiftungskapital von zwei Millionen Euro sowie eine Spende von drei Millionen Euro einzubringen; auch als Signal an andere potentielle Stiftungsgründer, insbesondere das Land NRW und die Bundesrepublik, sich ebenfalls zu beteiligen.

Kulturdezernent Professor Georg Quander:

Um die Bestände des Historischen Archivs zu restaurieren, werden große Summen benötigt, schätzungsweise bis zu 350 Millionen Euro. Mit den Geldern der Stiftung können wir solch eine "Mammutaufgabe" in den nächsten Jahrzehnten angehen. Bisher wurden für ausgewählte Stücke dankenswerterweise Restaurierungs-Patenschaften übernommen, ein wunderbares Signal aus der Bürgerschaft! Doch das reicht bei weitem nicht aus. Zukünftig wollen wir deshalb mit einer Stiftung arbeiten. Ausschließliches Stiftungsziel soll dabei die Restaurierung, Zusammenführung und Digitalisierung der Archivalien sein, ausdrücklich nicht die Finanzierung eines Archivneubaus.

Zur schnellen Aufnahme der Restaurierung und Digitalisierung ist die Wiedererrichtung der Abteilung für Bestandserhaltung, Restaurierung und Digitalisierung in einer Bestandsimmobilie in Köln geplant. Im kommenden Jahr sollen außerdem digitalisierte Archivalien in einem Benutzerzentrum zur Verfügung stehen, ein erster Schritt hin wieder zu einer "normalen" Nutzung der Kölner Archivschätze.

Im Jahr 2015 hoffen wir dann, das neu zu bauende Archiv in Betrieb nehmen zu können. Es soll die restaurierten und zusammengeführten Bestände im sichersten und modernsten Kommunalarchiv Europas beherbergen. Über den Standort soll der Rat auf seiner Sitzung am 10. September 2009 entscheiden,

so Kulturdezernent Professor Georg Quander weiter.

Archivleiterin Dr. Bettina Schmidt-Czaia ergänzt:

Wir haben zur Bewältigung der vielen neuen Arbeiten ein eigenes Projektbüro‚ Wiederaufbau des Historischen Archivs, eingerichtet. Es kümmert sich in sieben Projektgruppen um Aufgaben wie Zusammenführung der Bestände, Restaurierung und Konservierung, Digitalisierung, Nachlassgeber und Depositare sowie Neubau und Provisorisches Archiv.

Seit dem 1. September 2009 steht außerdem ein Fachbeirat der Stadt Köln beratend zur Seite. Den Vorsitz hat der Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Professor Dr. Wilfried Reininghaus übernommen. In dem 16-köpfigen Gremium sitzen Vertreterinnen und Vertreter des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), der Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag, der Arbeitsgemeinschaft Stadtarchive beim Deutschen Städtetag NRW, der großen Archive in Köln, der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland, Vertreter der Archive anderer Bundesländer, wie Sachsen und Baden-Württemberg, und aus dem benachbarten Ausland, Niederlande. Ebenso sind vertreten der Fachbereich Restaurierung der Fachhochschule Köln, die Historischen Seminare der Universitäten Bonn und Köln und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Zur Restaurierung der beschädigten Archivalien sind schätzungsweise 6.300 sogenannte Personenjahre nötig. Anders ausgedrückt: 200 Restauratorinnen und Restauratoren würden etwa 30 Jahre brauchen, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Nadine Thiel, Leiterin der Restaurierung:

Die Archivalien sind zum Teil in einem sehr dramatischen Zustand. Jedes einzelne Objekt braucht einen individuellen Maßnahmenkatalog, je nachdem ob es sich zum Beispiel um ein altes gebrochenes Wachssiegel oder eine zerknitterte Urkunde handelt.

Die Stadt Köln ist darauf angewiesen, dass sich auch auswärtige Restauratorinnen und Restauratoren an den Maßnahmen beteiligen.

Bereits fertig restauriert sind unter anderm ein Friedensvertrag von 1256 zwischen Konrad von Hochstaden und dem Bischof Simon von Paderborn sowie ein Band mit alten Abrechnungen aus dem Jahr 1453. Hier hat der Restaurator Marcus Janssens vom Stadtarchiv Neuss Amtshilfe geleistet.

Zahlen, Daten und Fakten zu Archiv und Bergung
Im eingestürzten Historischen Archiv lagerten unter anderem:

rund 30 Regalkilometer Akten und Amtsbücher65.000 Urkunden ab dem Jahr 9221.800 mittelalterliche Handschriften und Evangeliare1.384 Bände Rechnungen auf Hadernpapier10.000 TestamenteProtokolle des Stadtrates seit 1320über 150.000 Karten und Pläne50.000 Plakate2. 500 Tonträger, Filme und Videosmehr als 500.000 Fotos zu Kölner Ereignissenüber 800 Sammlungen und Nachlässe, darunter die des Komponisten Jacques Offenbach, des Schriftstellers Heinrich Böll und des Reichskanzlers Wilhelm Marxmehr als 60 Nachlässe Kölner und rheinischer Architekten, beispielsweise Wilhelm Riphan und Karl Band, Pläne, Modelle, Akten.Seit fast einem halben Jahr laufen die Arbeiten zur Bergung und Erstversorgung. Mittlerweile sind circa 85 Prozent des Archivgutes geborgen worden - der größte Teil davon über dem Grundwasserspiegel, circa 38 Meter über NN.

10 Prozent lagern noch unter dem Grundwasserspiegel, bei 5 Prozent ist mit einem Totalverlust zu rechnen. Im Juli wurden zudem Archivalien unterhalb des Grundwasserspiegels bis circa 36-37 m über NN mit einem Bagger geborgen. Dabei sind 116 Gitterboxen, das heißt circa 580 laufende Meter Archivgut geborgen worden. Geborgenes Archivgut wurde bis zum 31. August 2009 erstversorgt, also gereinigt, registriert, getrocknet oder eingefroren und eingelagert in 20 Asylarchiven zwischen Schleswig und Freiburg.

Geborgenes Archivgut bedeutet nicht automatisch gerettetes Archivgut, denn das, was aus dem Einsturzbereich geholt wurde, weist unterschiedlich starke Schäden auf:

35 Prozent schwerste Schäden50 Prozent schwere und mittlere Schäden15 Prozent leichte SchädenSämtliches Archivgut muss gereinigt werden, auch wenn äußerlich keine schwerwiegenden Schäden erkennbar sind (alkalischer Beton-Staub).

Von dem eingefrorenen Archivgut (circa 500 Gitterboxen, nahezu 2,5 laufende Kilometer) wurden bereits etwa 80 Gitterboxen durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe und 4 Gitterboxen durch den Landschaftsverband Rheinland gefriergetrocknet.

Die derzeit noch unter dem Grundwasserspiegel liegenden Archivalien (10 Prozent des Gesamtbestands) umfassen neben Nachlässen von Kulturschaffenden (wie Heinrich Böll) und sonstigen Deposita (Kölner Männer-Gesang-Verein) Architektennachlässe inklusive Plänen (beispielsweise Wilhelm Riphahn, Erich Schneider-Wessling) sowie städtische Überlieferung (unter anderem Personenstandsregister).

Zur Bergung dieser Archivalien wird eine Bohrpfahlwand östlich der Schlitzwand des Gleiswechselbauwerks der U-Bahn zu errichten sein, um die mit der Bergung beschäftigten Einsatzkräfte zu schützen (Erdrutschgefahr an den Trichterwänden).

Die Bohrpfahlwand wird auf 28 Meter über NN herabgetrieben, was ausreichen wird, um alle Archivalien zu bergen. Anfang August hat der Hauptausschuss zugestimmt, ein solches Entlastungsbauwerk zu errichten. Bei konservativer Schätzung wird die Bergung in 15 Monaten beendet sein. Im optimalen Fall kann in sechs Monaten mit der Bergung begonnen werden. Die Kosten werden bei circa 4 Mio. EURO liegen.

Die Erstversorgung kann als Erfolgsgeschichte angesehen werden. Sie fand mit der Unterstützung aus der gesamten Fachwelt statt: Mehr als 1.800 Helferinnen und Helfer aus dem In- und Ausland waren im Einsatz. In Köln kam sogar zweimal eine sogenannte "Blue Shield-Mission" zum Einsatz. Das ist eine Organisation im Auftrag der UNESCO, eine Art Rotes Kreuz für Kulturgüter. Die niederländischen Fachkollegen haben die Organisation der Mission übernommen und zweimal einen erstklassigen Einsatz gewährleistet. ...."
Quelle:
//www.stadt-koeln.de/1/presseservice/mitteilungen/2009/03691/ 
 

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