Allgemeines
Architekturarchive
Archivbau
Archivbibliotheken
Archive in der Zukunft
Archive von unten
Archivgeschichte
Archivpaedagogik
Archivrecht
Archivsoftware
Ausbildungsfragen
Bestandserhaltung
Bewertung
Bibliothekswesen
Bildquellen
Datenschutz
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
null

 
Social media – Neue Formen der Kommunikation unter Archivaren und mit Archivbenutzern

Dr. Klaus Graf, WEBLOG Archivalia/Hochschularchiv Aachen

Referat im Rahmen des 75. VdW-Lehrgangs am 12.6.2012 in Frankfurt am Main

Liebe chinesische Gäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Warum ist mein Twitter-Avatar grün? Meinen Twitter-Account Archivalia-kg habe ich seit dem Frühjahr 2009, als der Einsturz des Kölner Stadtarchivs nicht nur die deutsche Archivwelt erschütterte. Damals wurde mir klar, wie wichtig Twitter bei der raschen Verbreitung von fachlichen Informationen sein kann. Der Twittername bezieht sich auf das von mir 2003 begründete Gemeinschaftsweblog rund um das Archivwesen Archivalia, und der Avatar, eine mittelalterliche Kampfszene, nimmt auf die streitbare Grundhaltung meiner Archivalia-Beiträge Bezug. Der Avatar wurde noch im Jahr 2009 grün aus Solidarität zu der gescheiterten Volkserhebung im Iran und er wird es bleiben, bis Iran eine Demokratie ist. Nicht nur bei diesem tragischen Ereignis, auch bei dem sogenannten “arabischen Frühling” 2011 spielten Twitter und andere Social Media eine herausragende Rolle.

Ich möchte nicht über Social Media als Teil der Unternehmenskommunikation und die Einbeziehung der Archive und des Archivguts in diesem Kontext sprechen, obwohl dies bei einer Konferenz von Wirtschaftsarchivaren naheliegen könnte. Ich leugne nicht, dass meine Position sehr stark vom Selbstverständnis der sogenannten öffentlichen Archive bestimmt wird.

Social Media sind für moderne Demokratien unverzichtbar. Indem sie auf den freien Austausch von Meinungen und Ideen im offenen Internet, das in seinem Ursprung nicht-kommerziell und staatlich nicht reguliert ist, abzielen, helfen sie beim Aufbau demokratischer Strukturen und ihrer Festigung. Social Media setzen nicht auf die Propaganda oder die einseitige Öffentlichkeitsarbeit, sondern den Dialog, die Interaktion. Sie bieten große Chancen für bürgerschaftliche Teilhabe, ermöglichen gesellschaftliche Diskussionen ohne Zensur und obrigkeitliche Unterdrückung unliebsamer Positionen. Auch im archivfachlichen Kontext ist die öffentliche kritische Diskussion dann am wirksamsten, wenn sie eine möglichst breite Öffentlichkeit erzielt, was am besten mit dem frei zugänglichen Internet zu realisieren ist.

Das sogenannte “archivische Menschenrecht”, das erstmals im französischen Gesetz vom 25. Mai 1794 formuliert wurde, bezog sich auf den Informationszugang zu amtlichen Unterlagen und ist daher ebenso wie die schwedische Regelung von 1766 ein Vorläufer der heutigen Informationsfreiheitsgesetze im Bund und den meisten Ländern. Archivare sollten sich weit mehr für Informationsfreiheit und Verwaltungstransparenz einsetzen, da diese Werte für die demokratische Kultur wesentlich sind. Auch hier ist das Mittel der Wahl das Internet: es ermöglicht die Information und den Dialog mit dem Bürger.

Während die Open-Access-Bewegung aus dem wissenschaftlichen Bereich kommt, wird der Open-Data-Gedanke im Kontext der Überlegungen zum E-Government diskutiert und dort immer wichtiger. Öffentliche Daten sollen frei, auch für kommerzielle Zwecke nachnutzbar sein. Dies muss auch für digitale Reproduktionen von Archivgut gelten, das etwa über Social Media unter das Volk gebracht wird. Wer etwa als Archiv ein Tumblr-Blog nutzt, dem muss klar sein, dass dort gepostete Fotos ohne Ansehen eines möglichen Urheberrechts geteilt und damit weiterverbreitet werden. Zweckmäßigerweise stellt man sie daher von vornherein unter eine passende freie Lizenz - am besten Creative Commons Attribution - oder etikettiert sie, wenn die Vorlage gemeinfreie “Flachware” ist, als Public Domain.

Social Media stehen daher im Kern einer modernen, offenen und demokratischen Gesellschaft, zu der auch die Archive ihren Beitrag leisten können und sollen.

Ein Lamento, wie wenig die deutschsprachigen Archive, im Web 2.0 angekommen sind, könnte Stunden dauern. Die meisten Archive kommen ja noch nicht einmal mit dem Web 1.0 zurecht. Es gibt nur gute eine Handvoll Archive, die im Web 2.0 aktiv sind, vor allem auf Facebook und Twitter, darunter, wenn ich nichts übersehen habe, kein einziges Wirtschaftsarchiv. Während das US-Nationalarchiv mehrere Blogs unterhält, sind Blogs im deutschsprachigen Archivwesen nach wie vor eine Außenseiter-Beschäftigung, auch wenn in letzter Zeit gewisse Fortschritte gemacht wurden. Hoffnungsfroh stimmt immerhin der Erfolg des Gemeinschaftsblogs der Archive des Landkreises Siegen-Wittgenstein, begründet von Thomas Wolf, nach mir dem wichtigsten Beiträger auf Archivalia. Im jüngsten Heft des “Archivars” äußern sich 5 deutsche Stadtarchive und das Österreichische Staatsarchiv sehr positiv über ihre Erfahrungen mit ihren Web 2.0-Aktivitäten. Social Media entwickeln eine eigene Dynamik, sie erschließen neue Zielgruppen und bereiten den Archivaren auch eine Menge Spaß.

Andere Kulturinstitutionen, vor allem die ebenfalls mit der Verwahrung von Kulturgut befassten Bibliotheken und Museen, sind uns im deutschsprachigen Raum meilenweit voraus.

Social Media sind virtuelle Schaufenster der Archive, sie helfen dabei, eine Bringschuld der Archive zu erfüllen: die demokratische Gesellschaft mit der Materialität ihres Gedächtnisses (oder besser: ihrer Gedächtnisse) zu konfrontieren, oder weniger hochtrabend ausgedrückt: Sie sind das aus meiner Sicht wichtigste Mittel der historischen Bildungsarbeit der Archive. Nur wenn wir die junge, netzaffine Generation erreichen, werden wir nicht überaltern.

Social Media können, wenn die Sprachbarriere überwunden wird, auch internationale Kontakte schaffen und dem fachlichen Austausch über die Kulturen hinweg dienen. Daher hatte Archivalia von Anfang an eine English Corner für englischsprachige Beiträge, und seit letztem Jahr betreibe ich einen englischsprachigen Ableger Archivalia_EN auf Tumblr, auf dem ich neben Bildern unter anderem auch archivische Links poste.

Wer aber das Internet und die interaktiv angelegten Angebote des Web 2.0 nur als weiteren Kanal für die obrigkeitliche Öffentlichkeitsarbeit betrachtet, verkennt das Potential der Social Media. Archive, die sich als Bürgerarchive verstehen, müssen sich dem Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern öffnen, sie müssen zu Lernprozessen bereit sein und zum kritischen Hinterfragen der eigenen Praxis.

Hier vermisse ich so gut wie jeglichen Ansatz im deutschsprachigen Archivwesen, selbst wenn es sich schon dem Web 2.0 geöffnet hat.. Natürlich kann man auf Facebook liken und auf Twitter kurze Gespräche führen, aber das hat mit dem interaktiven Potential des Web 2.0 kaum etwas zu tun.

Weltweit sind - auch archivische - Crowdsourcing-Unternehmen erfolgreich - im deutschsprachigen Bereich experimentiert kein einziges Archiv damit. Wieso eröffnet man kein Transkriptionsprojekt, bei dem Freiwillige wichtige historische Quellen, die aus Ressourcen-Gründen nicht ediert werden konnten, gemeinsam abschreiben oder mit einem Index erschließen? Wieso setzt man kein Findbuch-Wiki auf, das von Benutzern ergänzt und verbessert werden kann?

Nicht nur bei der Erschließung, auch im archivischen Kernbereich, der Bewertung, sollte Bürgerbeteiligung kein Tabu sein. Wir brauchen endlich eine gesellschaftliche Debatte über die Überlieferungsbildung - und zwar in allen Archivsparten.

Die internationale Kooperation habe ich ja bereits erwähnt. Hier steht mit Blick auf China das Überwinden der Sprachbarriere an erster Stelle. Wieso setzen nicht deutsche und chinesische Wirtschaftsarchivare ein gemeinsames Weblog auf, das die wichtigsten Entwicklungen im fachlichen Bereich in nicht zu langen Beiträgen dokumentiert, die dann von Freiwilligen in die jeweils andere Sprache bzw. das Englische als Lingua franca übersetzt werden? Wir können nur dann voneinander lernen und einen Dialog auf Augenhöhe führen, wenn wir die durch das Internet gebotene Chance wahrnehmen, uns übereinander zu informieren.

Wir müssen als Archivare entschieden mutiger sein und mehr experimentieren, viel mehr Ideen wagen. Dazu gehört auch, Misserfolge und Rückschläge in Kauf zu nehmen. Wer neue Wege gehen will, geht auch manchmal in die Irre. Das Internet ist ein digitales Laboratorium, in dem man nicht zuletzt lernen kann, wie man mit eigenen Fehlern angemessen umgeht.

Dies Alles und noch viel mehr kann ein Archivar in einem öffentlichen Archiv viel offensiver vertreten als ein Unternehmensarchivar, der gelernt hat, bei der Freigabe von Informationen mit äußerster Vorsicht zu agieren. Aber Transparenz ist nicht nur ein Grundwert der demokratischen politischen Kultur, sondern auch einer Unternehmenskultur, die gesellschaftliche Verantwortung ernstnimmt. Hier gilt es für den Archivar, strategische Verbündete im Unternehmen im Bereich Social Media zu suchen. Vielleicht geht es in einem Unternehmen sogar mitunter unkomplizierter zu als etwa im deutschen staatlichen Archivwesen, das ja bisher ziemlich strikt an einer Social-Media-Abstinenz festhält. Das Bundesarchiv hat ja noch nicht einmal einen RSS-Feed, und das Staatsarchiv München durfte nur wenige Tage auf Facebook aktiv sein. Und was das Niedersächsische Landesarchiv dort abliefert, ist wenig überzeugend.

Die deutschsprachige Archivlandschaft ist hinsichtlich der Social Media ein bitterarmes Entwicklungsland, noch nicht einmal ein Schwellenland, und ich befürchte, dass die behäbige Beharrlichkeit der “Generation Fax”, die Innovationen blockiert, dem Ansehen unseres Berufs mittelfristig schweren Schaden zufügen kann. Um so mehr würde mich interessieren, welche Erfahrungen in China mit Social Media im Archivbereich vorliegen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Update: http://archiv.twoday.net/stories/197332286/
Karsten Kühnel (Gast) meinte am 2012/06/15 08:08:
Danke Herr Graf, für die Bereitstellung des Textes! Ich werde bei meinen eigenen Untersuchung zu Social Media, Crowdsourcing etc. im Archiv sicher das eine oder andere daraus zitieren können! Besten Dank nochmals! 
ho meinte am 2012/06/15 19:52:
Klar und deutlich und - wie stets - voller Anregungen!! 
 

twoday.net AGB

xml version of this page

powered by Antville powered by Helma