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Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20].
Erstdruck: Leipzig (Gerhard Fleischer d. Jüng.) ca. 1819/20.

Zu dieser Quelle bemerkte Hans-Jörg Uther in seiner Märchen-CD:

"1819/20
Das zweibändige »Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend« erscheint. Es umfaßt Erzählungen, darunter Märchen, Schwänke und moralische Geschichten. Löhr bietet eine Auswahl aus französischen Feenmärchen, Märchen von Perrault, Geschichten aus »Tausendundeiner Nacht,« Märchen von Wieland, Fouqué, den Brüdern Grimm und A.L. Grimm. Seine Bearbeitung zielt auf kindgerechte Fassungen ab. Wichtig ist ihm eine moralische Nutzanweisung."

Bei zeno.org liegen beide Bände, aber nur als E-Texte ohne Faksmiles vor:

http://www.zeno.org/Literatur/M/L%C3%B6hr,+Johann+Andreas+Christian/M%C3%A4rchen/Das+Buch+der+M%C3%A4hrchen

Die UB Braunschweig hat freundlicherweise den ersten Band für Wikisource digitalisiert:

http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00050423

Zum Autor:
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Andreas_Christian_L%C3%B6hr

S. 250-269 "Das Galgenmännlein, oder der böse Geist im Glase" ist eine Bearbeitung von Fouqués Erzählung "Das Galgenmännlein".

Diesen Titel trägt sie in den Neuen Erzählungen von 1814:

http://books.google.de/books?id=kgVLAAAAcAAJ&pg=PA101

Die Erstausgabe im Pantheon von 1810 trugt den Titel "Eine Geschichte vom Galgenmännlein":

http://books.google.de/books?id=Jv4aAAAAYAAJ&pg=PA198
bzw.
http://books.google.de/books?id=JrQAAAAAYAAJ&pg=PA198

Nur auf die Erstausgabe von 1810 bezog sich der Nachdruck in der Iris 1826:

http://books.google.de/books?id=TWQsAQAAIAAJ&pg=PA905

E-Text nach der Ausgabe von 1996:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Fouqu%C3%A9,+Friedrich+de+la+Motte/Erz%C3%A4hlungen/Eine+Geschichte+vom+Galgenm%C3%A4nnlein

Neuere Literatur zu Fouqués Galgenmännlein bei:

http://stephanreuthner.de/_friedrich_de_la_motte_fouque.html

Löhr war nicht der einzige, der Fouqués Werk als angebliche "Volkserzählung" wiedergab. Bei meinen Studien zu den Sagen des Raums Stuttgart stieß ich auf Wilhelm Binders angebliche "Volkssage", die sich an einen schwarzen Brunnen bei Schwaikheim in der Nähe von Winnenden knüpft.

Der schwarze Brunnen ist offenkundig der heutige "Teufelsbrunnen", zu dem es es mehrere dämonologische Erzählungen gibt:

http://www.heimatverein-schwaikheim.de/geschichte/sagen/frauengestalt/index.html

In meiner Sagenausgabe 1995 dokumentierte ich als Nr. 260 den Anfang von Binders Erzählung mit der lokalen Situierung, um dann auf eine ungedruckte Zusammenfassung von Binders Geschichte durch den Sagensammler Ernst Meier (um 1850) überzuwechseln:

http://books.google.de/books?id=DCbaAAAAMAAJ&pg=PA208

Ich stellte fest, dass Binder lediglich Fouqués Erzählung ausschrieb.

Die vorhergehende Nr. 259 meiner Sagenausgabe betrifft die Geistererscheinungen am Teufelsbrunnen (Text aus Justinus Kerners Magikon 1840, im Auszug):

http://books.google.de/books?id=PHEAAAAAMAAJ&pg=PA162

Binders vermeintliche Volkssagen wurden sowohl als "alemannische" als auch als "schwäbische" textidentisch publiziert.

Binder: Alemannische Volkssagen [...], Stuttgart 1842
http://books.google.de/books?id=6mIAAAAAcAAJ&pg=PA51
=
http://books.google.de/books?id=1jwKAQAAMAAJ&pg=PA51
Schwäbische Volkssagen [...], Stuttgart 1845
http://books.google.de/books?id=oWIAAAAAcAAJ&pg=PA51

Während bei Volkskundlern vor allem noch die unsägliche Innsbrucker Petzoldt-Schule ganz und gar veralteteten Auffassungen über "Volkserzählungen" huldigt, haben einige, auch renommierte Germanisten kaum etwas vom neuen Wind der Sagenforschung mitbekommen. Ich darf der Kürze halber nur auf meine eigenen Publikationen dazu verweisen:

http://archiv.twoday.net/stories/4990762/

Der hochgelobte Märchenforscher Heinz Rölleke durfte in der Enzyklopädie des Märchens (Bd. 5, 1987) den Artikel Fouqué schreiben, in dem man doch sage und schreibe liest, Fouqué hätten Grimmelshausen und eine alemannische Volkssage vorgelegen:

http://books.google.de/books?id=5Dia4uoaJZQC&pg=PR26

Als Beleg wird auf Schlossers unkritische Dissertation zum Galgenmännlein von 1912 und das Handwörterbuch des Aberglaubens (s.v. Alraun) verwiesen, wo aber nichts zu dieser Abhängigkeit steht. Schlosser ist bei HathiTrust mit US-Proxy einsehbar:

http://hdl.handle.net/2027/wu.89094595279
[= http://archive.org/stream/SchlosserDieSageVomGalgenmaennlein#page/n73/mode/2up ]

[Grimmelshausens Galgen-Männlein:

http://digital.blb-karlsruhe.de/id/18961 ]

S. 75 behauptet Schlosser, Fouqué "dürfte" den Stoff der von Schlosser früher erwähnten Geschichte des Ulmer Kaufmannssohnes Dichard entnommen haben (ein Fehler Schlossers, bei Binder heißt er Richard), da dort auch ein Halbheller als endgültige Ablösung vorkommt. S. 40 referiert Schlosser Binders Alemannische Volkssagen I, 51.

Das kehrt das historische Verhältnis genau um: Binder hat einfach aus Fouqués bekannter Erzählung eine bei dem sagenumwobenen Teufelsbrunnen (schwarzer Brunnen) lokalisierte "Volkssage" gemacht. Möglicherweise hat ihm den Stoff und/oder die Lokalisierung der bekannte Pfarrer Otmar Schönhuth vermittelt, der ihm laut Vorwort den Stoff überließ. Binder gestaltet einen als volkstümliche "Sage der Vorzeit" (miss)verstandenen Stoff literarisch und nennt das "Volkssage".

Obwohl Binders Sagen 1842 erschienen und die enge Abhängigkeit von Fouqué (Erstausgabe 1810) auf der Hand liegt (was Schlosser ja auch bemerkte, da er den Halbheller erwähnt), geht Schlosser Binders Sagen-Rhetorik im Vorwort auf den Leim und nimmt eine wirkliche Volkssage an - und Rölleke schreibt das unkritisch ab. Obwohl Rölleke es als exzellenter Quellenforscher insbesondere bei den Grimm'schen Märchen und dem Wunderhorn wirklich besser wissen sollte, bleibt er wiederholt in seinen Publikationen (unsäglich etwa als kommerzielles Produkt: "Das große deutsche Sagenbuch") dem veralteten Sagen-Klischee verhaftet, das den literarischen Einfluss auf sogenannte "Volkssagen" unterschätzt.

Gut denkbar, dass Rölleke einfach Max 1980 gefolgt ist, für den die konkrete Ausformung des Motivs "auf eine alemannische Volkssage" zurückging (mit vorsichtigem "dürfte"), wobei sich Max ganz auf Schlosser gestützt hat.

http://books.google.de/books?id=DqIqAAAAYAAJ&&q=alemannische

Rölleke könnte aus Platzgründen auf diese Literaturangabe verzichtet haben, hat aber durch die apodiktische Formulierung ("die ... zurückgeht") eindeutig der Forschung geschadet.

Fassen wir zusammen: Es ist pure Spekulation, dass Quelle von Fouqués Galgenmännlein neben Grimmelshausen eine "Volkssage" gewesen ist, denn die spätere Fassung bei Binder 1842 ist von Fouqué abhängig und keine "alemannische Volkssage". Wilhelm Binder hat ebenso wie Löhr Fouqués Erzählung als "Volkspoesie" verstanden, die - ohne Hinweis auf Fouqué - frei bearbeitet werden durfte.

Update: Das richtige Verhältnis Fouqué-Binder hat schon erkannt: Wieden, Brage bei der: Zu Fouqués "Galgenmännlein". In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 227 (=142) (1990), S. 323-327, hier S. 323f. "Schönhuth hat, Binder vermutlich täuschend, eine Kunstsage, nämlich die Erzählung Fouqués, zur Volkssage gemacht" (S. 324). Er verweist darauf, dass im Winnender Heimatbuch von Gotthold Börner 1923 nichts über die Sage vom Galgenmännlein steht, obwohl ausführlich vom schwarzen Brunnen (=Teufelsbrunnen) die Rede sei.

#forschung

 

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