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Dr. Astrid Krüger, Bad Homburgs rührige Stadtarchivarin, porträtiert in ihrem mit zahlreichen (leider sehr kleinen) Farbaufnahmen illustrierten Aufsatz Friedrich Ludwig Carl von Medem, ein Archivrat von "unstätem" Charakter den Archivar Ludwig von Medem (in: Jahrbuch Hochtaunuskreis 17, 2009, S. 170-176).

Medem wurde geboren am 6. August 1799 in Schötmar (Fürstentum Lippe-Detmold) und starb am 28. März 1885 in Bad Homburg vor der Höhe.

1827 wurde er Archivar im Pommernschen Provinzialarchiv zu Stettin, dessen Leitung er wenige Jahre später übernahm. 1843 wurde er ans Reichskammergerichtsarchiv nach Wetzlar versetzt, wo er sich (vergeblich) gegen die Auflösung des Archivs aussprach. 1846 nach Stettin zurückgekehrt, konnte er seine Pensionierung erwirken. Er widmete sich nun ganz seinen historischen Studien. Versuche, wieder in den Archivdienst aufgenommen zu werden scheiterten. Von einer "wenig ersprießlichen Amtsführung" in Stettin und Wetzlar sprach das Justizministerium in einem seiner ablehnenden Bescheide.

Seine beachtliche Sammlung von Büchern, Archivalien und Mineralien wollte Medem gegen eine lebenslange Zusatzpension eintauschen. In Bad Homburg vor der Höhe hatte er Glück, seine "Schenkung" wurde 1872 angenommen. Er konnte immerhin die Übernahme der Wohnungsmiete erwirken, weitergehenden Forderungen begegnete die Stadt aber mit Zurückhaltung.

Die Sammlung wurde auf Museum und Stadtarchiv verteilt. Im Stadtarchiv kamen die gedruckten Bücher in die Bibliothek, Karten in die Kartensammlung, Urkunden in die Urkundensammlung. Es lebe das Pertinenzprinzip! Der unteilbare Rest wurde der Nachlass von Medem (E 4). Eine sichere Provenienzbestimmung ist in vielen Fällen nicht mehr möglich!

Zum Erschließungszustand schrieb mir Frau Dr. Krüger:

"Da jedoch bei zahlreichen Fragmenten, Urkunden und Landkarten lediglich eine Herkunft aus diesem Nachlass vermutet wird (in nicht wenigen Fällen ist von einer Herkunft allerdings fast sicher auszugehen), sind seit alters her diese Unterlagen den jeweiligen Sammlungen zugeordnet. Dabei ist unsere Kartensammlung komplett verzeichnet und online recherchierbar. [...]
Die Verzeichnung der Urkunden geht leider nur sehr langsam voran, sie ist ja doch recht zeitaufwendig (auch wenn sie viel Freude bereitet). Wenn Sie durch das vorhandene Online-Findbuch scrollen, dann sehen Sie, dass der Erschließungsstand der einzelnen Stücke sehr unterschiedlich ist. Die Bibliothek (Druckwerke) des Archivrats von Medem ist komplett in der Bibliothek der Stadtbücherei aufgegangen und mit deren Altbestand zu uns gekommen. Diese Bestände sind bislang lediglich auf Karteikarten erschlossen. Wir sind zwar dabei, unsere Bestände im HeBIS zu katalogisieren, aber das geht eben auch nur schrittweise voran."

Die auf Medem zurückgehenden Sammlungsteile dürften einen der erstaunlichsten Nachlässe in einem deutschen Stadtarchiv bilden, denn es sind wahre "Schätze" darunter.

2008 wurde die älteste Stadtansicht Münsters im Stadtarchiv Bad Homburg entdeckt, nachdem bereits die Homburger Stadtarchivarin Hilde Miedel 1975/76 in der ZWLG zwei fränkische Augenscheine des Kartographen Michael Hospin vorstellen konnte. Diese und einige weitere Karten stammen aus dem RKG-Archiv. Das älteste Handschriftenfragment gehörte ursprünglich zum Herforder Evangeliar (9. Jh.) - S 08 Nr. 16.

Frau Dr. Krüger war so freundlich, im April 2011 eine detailliertere Verzeichnung der Handschriftenfragmente (Bestand S 08) in das Findbuch aufzunehmen:

//www.stadtarchiv-bad-homburg.findbuch.net

Falls jemand wie ich daran verzweifelt, in diversen Browsern das lateinische Handschriftenfragment zu Beginn des Findmittels ganz zu Gesicht zu bekommen, hier ist der direkte Link zur Bilddatei:

//goo.gl/3Vqlg

(Als AUGIAS-Hasser war es mir natürlich nur mit großer Mühe möglich, im Findbuch zu navigieren - benutzerfreundlich geht anders.)

Ich hätte es natürlich begrüßt, wenn ein deutschsprachiges Stück abgebildet worden wäre, aber vielleicht lässt sich das Stadtarchiv ja überzeugen, Abbildungen dem Handschriftencensus zur Verfügung zu stellen - oder die zerbrochenen Bild-Icons im Findbuch durch reale, weltweit kostenfrei abrufbare Digitalisate zu ersetzen!

[Update: //archiv.twoday.net/stories/31890518/ ]

Der Handschriftencensus hat zu Bad Homburg noch gar nichts, wird aber - wissenschaftlich unredlich wie oft - vermutlich wieder einmal davon absehen, auf diesen Beitrag zu verlinken. Möglicherweise wird RA Dr. Oppitz die Fragmente publizieren (üblicherweise in der ZRG GA).

[erfolgt: ZRG-GA 128, 2011. S.440-441 und S.453]

Sachsenspiegel-Fragmente sind die Nrr. 7, 7-2, 19 und 20

l. Num.: 7
Dat. => Findbuch: 14. / 15. Jahrhundert
Beschreibung: 400 x 320 mm, Pergament, 1 Blatt, 2 Spalten, 35 Zeilen, rote und braune Tinte, Schriftraum: 290 x 225 mm, gotische Minuskel, vergrößerte rote Maiuskel, niederdeutsch
genauerer Inhalt: Haarseite:
Explicit: is of lie dat geweren wil oppen heiligen dat he sin inbordige eigen si. unde dat he der dat un [?] dich [?] dat he me de beclaget is.
Titel: XX Broder unde suster nemet erue eres vngetweieden broder
Incipit: Broder oder suster nemet ires vngetweieden broder oder suster
Explicit: oc gelike na deme getweieden broder an dem erue to newene.
Titel: XXI Wi weregheld hebbet lame lude
Incipit: Wi wergelt vnde vul bute oil hebben iowelic man
Explicit: dar buwes uppe is dat is ies mannes entsannent mit deme gude.
Titel: XXII Behist seken man ieglien dne richtere to tughende
Incipit: Sint ein man iegen den richtere getugen sal. dar to ne bedarf he des richtes tuges nicht
Explicit: he heb behorsam gedan oder ne hebbe he heuet doch den herschilt neder geleget.
Titel: XXIII Wo mannich echte wif en man hebben mach
Incipit: De wile de man ane wif niht wesen ne wel oder ne mach.
Explicit: bime lesten aise bi dem [radiert : ande] ersten vnde beerst se mit irme rechte

Fleischseite:
Explicit: vnde mit irme gude.
Titel: XXIIII Men ne sal nemanne vte sinen weren wisen
Incipit: Man ne sal nemanne ute weren wisen uon gerichtes haluen al si he dar mit unrechte an komm-men ne ureke se ime mit rechter clage dar he selue to iegenwardich si.
Explicit: dar he to antwarde si. oder he ne werde dar umme beclaget unde geladet to sinen rechten de geduigen.
Titel: XXV Van rofliker were
Incipit: Wirt auer ein man beclaget vm ine vofliche gewere dar men de hant haften dat bewisen mach.
Explicit: so he erst kumt in salsesche art of men clage getuch he net.
Titel: XXVI Van valschen pennighen vnde van markete vnde van movnte [v superscriptum].
Incipit: Penninge sal men uernien alse men herren cumt but de montere euen ualschen penning ut so dat he [radiert: dat he] darmede copen wil it gad ime an den hals.
Explicit: cost bouen rechte tit de monter mot se im wol to breken he san seime auer weder geuen.
Bemerkung: vermutlich aus E 04 Nachlass Friedrich Ludwig Carl von Medem
Inhalt: Sachsenspiegel, Landrecht
Haarseite, Spalte 1: II 19 § 2 - II 22 § 1 (ed. Eckhardt S. 148 - 150)
Haarseite, Spalte 2: II 22 § 1 - II 23 (ed. Eckhardt S. 150 - 152)
Fleischseite, Spalte 1: II 23 - II 25 § 2 (ed. Eckhardt S. 152f.)
Fleischseite, Spalte 2: II 25 § 2 - II 26 § 6 (ed. Eckhardt S. 153 - 155)

l. Num.: 7-2
Dat. => Findbuch: 14. / 15. Jahrhundert
Beschreibung: 395 x 320 mm, Pergament, 1 Blatt, 2 Spalten, 35 Zeilen, rote und braune Tinte, Schriftraum: 290 x 225 mm, gotische Minuskel, vergrößerte rote Maiuskel, niederdeutsch
genauerer Inhalt: Fragm. 07-2 Haarseite
Explicit: werd is danne du cost dene mit ime heuet gedan.
Titel: Herberget en man lude vnde cleit en den anderen dot. LXXXXII.
Incipit: Herberget oc en man lude vnde cleit en den anderen dot ane sine scuilt
Explicit: noch dienist noch uen recht vppe dat lant secten it ne wilcuore [o auf u] dat lant.
Ere Iesum Christum
folgt Kapitelübersicht:
I Swe lenrecht kunnen wil
II Van den de des herschildes deruet
III Wes en man plichtich sinen heren is.
[...]
XXVI De uorluset de to deme lenrechte nicht iekomet
XXVII Swenne de here binnen iar vnde dach ner ghen ne wiset
XXVIII Van der iar tale der kindere.

Fragm. 07-2 Fleischseite
Incipit: de uestinge sal man getruogen [o auf u] er der saftinge mit deme richtere vnde mit den dint plichtigen
Explicit: oder iegen dat gerichte wilcomen sa it si vmme guot [o auf u] oder vmme gewere dat sal sine tuoch [o auf u] uore secgen bi deme ede vnde he sal dat na sweren..
Titel: Swe des anderen dinges wat nimet. LXXXX.
Incipit: Swe des anderen swert oder cled oder becken oder scere mescet sime gelit na me lude wane van deme stouen dreget
Explicit: so ne mach man oc ine nener hanthaften dat dar an saildegen.
Titel: Wirt en man gemordet vppe dem velde. LXXXXI.
Incipit: Wirt en man gemordet vppe deme velde vnde ne wet man nicht we dat gedan hebbe
Explicit: sine eruen solen ime san sine cost gelden
Bemerkung: vermutlich aus E 04 Nachlass Friedrich Ludwig Carl von Medem
Inhalt: Sachsenspiegel, Landrecht
Haarseite, Spalte 1: III 88 § 2 - III 89 (ed. Eckhardt S. 268)
Haarseite, Spalte 2: III 89 - III 90 § 3 (ed. Eckhardt S. 269)
Am Ende von III 90 § 3 folgt Inhaltsangabe zu Lehnrecht

l. Num.: 19
Dat. => Findbuch: 15. Jahrhundert
Beschreibung: 246 x 194 mm (Schriftraum 177 x 120 mm), Pergament, tote und braune Tinte, 1 Blatt, 2 Spalten, 31 Zeilen, gotische Minuskel, rote Zierinitiale mit blauen Blütenranken (Buchstabe T), Sprache: niederdeutsch, Gebrachsspuren: als Einband für ein schmalen Buch (Rechnungsbuch?) verwendet
alte Archiv-Sign.: 25
Bemerkung: vermutlich aus E 04 Nachlass Friedrich Ludwig Carl von Medem
Inhalt: Sachsenspiegel, Landrecht:
3. Buch, Artikel 42 (über den Ursprung der Unfreiheit, "Ok seggen somelike lude")
Zusammenfassung der folgenden Abschnitte (hervorgehoben durch rote Schrift)
1. Buch, Artikel 1 ("Tvei svert lit got")
1. Buch, Artikel 3 ("De paves ne mach nen recht setten")
1. Buch, Artikel 35 (Van deme koninge XXXV", "All schat under der erden")

l. Num.: 20
Dat. => Findbuch: 14. / 15. Jahrhundert
Beschreibung: 390 x 305 mm (Schriftraum 300 x 240 mm), Pergament, rote und dunkelbraune Tinte, 1 Blatt, 2 Spalten, 38 Zeilen, gotische Minuskel, einfache rote Initialen, niederdeutsche Sprache
Bemerkung: vermutlich aus E 04 Nachlass Friedrich Ludwig Carl von Medem
Inhalt: Sachsenspiegel, Lehnrecht
Haarseite, Spalte 1: Nr. 65, § 8 - 11 (Edition Eckhardt S. 84 - 86)
Haarseite, Spalte 2: Nr. 65, § 11 - 15 (Edition Eckhardt Edition S. 86f.)
Fleischseite, Spalte 1: Nr. 65, § 15 - 18 (Edition Eckhardt Edition S. 87 - 89)
Fleischseite, Spalte 2: Nr. 65, § 18 - 22 (Edition Eckhardt Edition S. 89f.)


Nr. 8 ist ein 'Lübisches Stadtrecht':

. Num.: 8
Dat. => Findbuch: 14. / 15. Jahrhundert
Beschreibung: 300 x 225 mm, Pergament, 1 Blatt, 1 Spalte, 27 Zeilen, braune und rote Tinte, Schriftraum: 240 x 160 mm, gotische Minuskel, vergrößerte Majuskel, niederdeutsch, stark verdunkelt und verwischt, dadurch Lesbarkeit beeinträchtigt
genauerer Inhalt: Haarseite [sehr verdunkelt, etwas stockig, kaum lesbar]:
Implicit: he des hebbe guden tun dat it
Explicit: unde der stat dridde del unde deme clegere dat
Fleischseite:
Implicit: drudden deil
Titel: Nen gast mach tughen up enen borgher
Incipit: Nen gast mach tughen up enen borgher man de borghere moghen wol
Explicit: de iene de ene nuomet [o superscriptum] de scal gan van deme

Der Text entspricht im Großen und Ganzen dem von Tiina Kala edierten Text des Revaler Codex (Tiina Kala, Lübecki oiguse Tallinna koodeks 1282. Der Revaler Kodex des lübischen Rechts 1282, Tallinn 1998, S. 158-161). Für die Identifikation wird Herrn Dr. Ulrich-Dieter Oppitz ganz herzlich gedankt.
Bemerkung: vermutlich aus E 04 Nachlass Friedrich Ludwig Carl von Medem
Inhalt: Stadtrechtsbuch (Lübisches Stadtrecht)


Die Ausgabe von Kala 1998 fehlt im Census-Eintrag zum Revaler Codex:

//www.mr1314.de/1499

In den Bereich des Hsc gehört ebenfalls (nicht von Medem):

l. Num.: 25
Dat. => Findbuch: 15. Jahrhundert
Beschreibung: Pergament, 1 Blatt, 2 Spalten, Zeilenanzahl und Schriftraum wegen Beschneidung nicht erkennbar, rote, blaue, violette und dunkelbraune Tinte, gotische Minuskel, vergrößerte rote und blaue Maiuskel mit Zierschnörkeln
Bemerkung: Das Fragment gehört zum Bestand des Museums im Gotischen Haus.
Inhalt: deutsch-lateinisches Missale, Messe zu Ehren des heiligen Eusebius und der heiligen Clara: Die Incipits sind in lateinischer, die Volltexte in deutscher Sprache verfasst


Jedenfalls ein bemerkenswerter, der germanistischen Forschung offenbar bislang unbekannter kleiner Fragmentenbestand. Vier Sachsenspiegel-Fragmente können nur sehr wenige Institutionen ihr eigen nennen: //www.handschriftencensus.de/werke/97 .

Erwähnt sei noch, dass Nr. 5 ein hebräisches Handschriftenfragment ist und dass für rheinische Landesgeschichte das unter Nr. 9 verwahrte Anniversar des Augustinerinnenklosters St. Peter zu Kreuznach (später St. Agnes zu Mainz) einschlägig ist.

Zu von Medem im Internet:

//www.uni-muenster.de/Staedtegeschichte/projekte/MSPlan_detail.html (zum Augenschein aus Münster)

//www.portal-schwedt.de/stadtportrait/diestadtschwedt/00000099f90a8a201/0000009a810ca4701/index.html (zur Person und zur Chronik von Schwedt)

//www.augias.net/art_6163.html ("Schätze im Bad Homburger Stadtarchiv")

(D)

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